Go West!

Im Sommer 1990 entdeckten viele DDR-Bürger erstmals ihre ganz persönliche Reisefreiheit

Endlose Freiheit

Endlose Freiheit © Flickr/Daniela Borchert

"Visafrei bis Hawaii" schallte es im Herbst 1989 auf den Straßen der DDR. Im Sommer 1990 ernteten viele DDR-Bürger die Früchte ihres Mutes und gönnten sich einen ersten West-Urlaub. Meist ging es nicht in die Karibik, sondern erst einmal in die Lüneburger Heide oder in die bayerischen Alpen. Mutige fuhren mit dem Reisebus bis Paris oder London.

Die Mühen des Herbstes hatten sich gelohnt. Schon wenige Wochen nach dem Mauerfall konnten die DDR-Bürger aus einer breiten Palette an Reiseangeboten wählen. Nicht eine greise Parteiführung und ihre "Sicherheitsorgane" entschieden nun, wie weit die Welt offen stand, sondern die Dicke des Geldbeutels, Reisewünsche und Unternehmungslust. "Reisefreiheit" wurde von der Gesellschaft für deutsche Sprache nicht ohne Grund zum "Wort des Jahres" 1989 gewählt.

Um exotische Urlaubsstunden zu verleben, war im Spätherbst und Winter 1989/90 keine Fernreise nötig. Die weite Welt begann gleich hinter der Mauer. Ost-Berliner und Brandenburger unternahmen ihre ersten West-Reisen mit S- und U-Bahn nach Charlottenburg oder Tegel. Als Freifahrtschein galt bis Ende 1989 der DDR-Ausweis. Ostseeanwohner fuhren mit der Fähre nach Schweden oder Dänemark. Die Fährschiffe, 28 Jahre lang schwimmende Sehnsuchtsorte, waren nun für jeden zugänglich. Bereits am Wochenende nach dem Mauerfall gab es einen ersten großen Ansturm auf den Warnemünder Fährhafen. Rasch wurden die alten Verkehrsverbindungen zwischen Ost und West wieder aufgenommen: Ab Anfang Januar 1990 existierte eine Schifffahrtslinie zwischen Wismar und Neustadt in Holstein. Für schlappe 15 DDR-Mark bot das Reisebüro der DDR Tagesausflüge von Warnemünde nach Fehmarn oder Gedser an.

Manchen zog es indes weiter hinaus in die Welt. Im Dezember 1989 stellte das Gewerkschaftsblatt "Tribüne" seinen verbliebenen Lesern die Einreisebestimmungen für 17 westliche Länder vor. Reisebüros schossen wie Pilze aus dem Boden. Hatten das staatliche Reisebüro der DDR Ende 1989 über 130 Filialen und der Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) über 51 Zweigstellen verfügt, so gab es im August 1990 bereits mehr als eintausend private Reisebüros auf dem Boden der DDR, die vielfach mit bundesdeutschen Anbietern kooperierten. Reisen an die Ost-Ostsee oder in den Thüringer Wald – noch ein Jahr zuvor heiß begehrt und nicht für jeden erhältlich – verkauften sie nur wenige. So wie die Nachfrage nach dem einstmals begehrten "Trabant" zurückging, brachen auch die Buchungszahlen in den angestammten Urlaubsregionen der Ostdeutschen im Sommer 1990 ein.

Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" schrieb im August 1990 von einer "Tourismuspleite an der DDR-Ostseeküste". Wo sonst Jahr für Jahr 3,5 Millionen Ostdeutsche dicht an dicht den Strand gesäumt hatten, verlor sich nun die überschaubare Gästezahl zwischen verwaisten Strandkörben. Die Ostdeutschen kamen weit weniger zahlreich als zuvor, die Westdeutschen scheuen sich noch, den "wilden" Osten mit seiner von "Sättigungsbeilagen" gekennzeichneten Gastronomie zu erkunden. "Waschbecken auf dem Zimmer gelten vielerorts noch immer als Luxus, Dusche und Klo als Traum", schrieb "Der Spiegel" im August 1990. "Die Zeit" machte wagemutige Caravanbesitzer auf die Tücken einer Reise gen Osten aufmerksam und empfahl, "ihren chemischen Abort sparsam zu benutzen, da viele Campingplätze der DDR nicht ans Kanalnetz angeschlossen sind. Der chemisch zersetzte Inhalt der Fäkaltanks zerstört den biologischen Abbau in den DDR-Gruben."

Spätestens nach der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vom 1. Juli 1990 verfügte eine größere Zahl von Ostdeutschen über genügend Devisen, um einen Urlaub im westlichen Ausland bezahlen zu können. "Aus dem zu DDR-Zeiten typischen Anbietermarkt war mit Einführung der DM schlagartig ein Nachfragemarkt geworden", hat die Tourismusforscherin Heike Bähre das Phänomen in einem Satz auf den wissenschaftlichen Punkt  gebracht. Mit anderen Worten: Der bislang in der Mangelwirtschaft als Bittsteller behandelte Kunde war – so er denn über das nötige Kleingeld verfügte – zum König im Schlaraffenland der Urlaubsträume gekrönt worden. Der Kunde suchte sich das passende Angebot aus und nicht mehr der Anbieter den Kunden. Wer Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hatte, verzichtete vielleicht ganz auf eine Urlaubsreise oder zog sich auf die vertraute Datsche zurück. Mutige hingegen unternahmen für kleines Geld eine ebenso strapaziöse wie aufregende Busreise nach Rom oder Paris. Für knapp 400 Mark gab’s eine zehntägige Tour an die spanische Costa del Sol – inklusive vier Tagen An- und Abreise.

In der ersten Jahreshälfte 1990 und forciert nach der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion wurde der Tourismus der DDR schrittweise auf marktwirtschaftliche Gesetze umgestellt. Für den Staat hieß das vor allem, Subventionen abzubauen. Gut 578 Millionen Mark flossen allein 1988 in den Feriendienst und das Erholungswesen. Der größte Teil davon entfiel auf die mehr als 1,8 Millionen Reisen, die der FDGB an seine Mitglieder vergab. Jeder der Plätze war demnach im Durchschnitt mit etwa 300 Mark subventioniert worden.  Die Preise waren nach Einkommensgruppen gestaffelt; wer wenig verdiente, zahlte nur 20 bis 30 Prozent der tatsächlichen Kosten. Auch mit Ferienreisen hatte sich die Parteiführung das Wohlwollen ihrer Arbeiter und Bauern sichern wollen. Mehrjährige Wartezeiten für eine Ostseereise und minderwertige Quartiere schmälerten jedoch die Breitenwirkung dieser Fürsorgepolitik.

Der Feriendienst des im Zerfall befindlichen Gewerkschaftsbundes versuchte, sich in die Privatwirtschaft zu retten. Anfang Juni 1990 wurde die Fedi GmbH gegründet. Nach nicht einmal einem Jahr ging sie in Konkurs. Bis zur Wiedervereinigung hatte der Feriendienst des FDGB 1990 noch 250 Millionen Mark Subventionen vom Staat überwiesen bekommen. Weitere Subventionen wurden vom Bundesfinanzministerium abgelehnt.

Andreas Stirn

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