Deutschland ganz außen

Eine Sommertour an Oder und Neiße

Deutschland ganz außen

Die Neiße kurz hinter Görlitz

Die Region entlang der deutsch-polnischen Grenze ist geprägt durch die historische Entwicklung der vergangenen Jahrhunderte – insbesondere durch die Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele der dort lebenden Menschen haben oder wollen die Region angesichts mangelnder Arbeitsmöglichkeiten verlassen. Die natürlich erhaltene Landschaftsstruktur lädt hingegen zu einen Besuch ein – ein Bericht über den Oder-Neiße-Fahrradweg stromabwärts.

Wer den westlichen Teil der Oder-Neiße Region vom Zittauer Gebirge über die östliche Ober- und Niederlausitz Sachsens, die brandenburgische Lausitz bis ins südliche Oderbruchtal durchstreift, merkt schnell: Das ländlich geprägte und landschaftlich abwechslungsreiche Grenzgebiet zu Polen war einst eine wohlhabende Gegend mit mittelalterlichen Ursprüngen. Einsam gelegene Dörfer vermitteln dem Großstädter die Atmosphäre von entspannter Ruhe und ländlicher Idylle. Kleine Wege schlängeln sich zum Fluss, zwischen bewaldeten Hügeln oder durch saftige Graswiesen und Felder. Abends stolzieren Störche und andere Wasservögel gelassen über Deiche und angrenzenden Felder.

Architektonische Kleinodien, Fachwerk- oder Wehrkirchen, wie jene bei Pechern und Grießen, überraschen ebenso wie die stimmungsvolle Landschaft. Die wirkt in weiten Teilen jedoch verlassen. Viele jüngere Bewohner haben der Gegend westlich von Neiße und Oder mangels Arbeitsmöglichkeiten den Rücken gekehrt – und es werden immer mehr, die gehen. Zurück geblieben sind vor allem Bewohner, die seit dem Ende der DDR nicht oder nur bedingt auf die ortsansässige Industrie und Landwirtschaft angewiesen sind. Auch der Wunsch nach einer Wiederaufnahme und Weiterführung ehemals familiärer Traditionen nach nun möglich gewordenen Rückübereignungen können den Trend nicht aufhalten. Viele der heute noch dort lebenden Menschen gehören inzwischen zu jener immer kleiner werdenden Generation, die vor dem Zweiten Weltkrieg geboren sind.

Bei einer kurzen Rast am Rande des Fahrradweges ergibt sich eine Unterhaltung mit einer Schlesierin, die die Anwesenheit von Fremden offensichtlich als willkommenden Anlass nimmt, ihre Arbeit auf der angrenzenden Wiese für kurze Zeit zu unterbrechen. Mit hochgekrempelten Hosenbeinen und auf ihre Heugabel gestützt erzählt sie ohne Umschweife davon, dass "das Land ja früher da drüben noch viel weiter ging". Dabei zeigt sie in Richtung Neiße und auf die dahinter liegenden polnischen Gebiete. Nach dem Ende des Krieges aus Polen vertrieben, leben die Menschen seit Jahrzehnten westlich von Oder und Neiße. Im Laufe der Jahre wuchs auch hier Heimatverbundenheit. Die Vertriebenen sind geblieben – und mit ihnen ihre Erinnerung an die vergangene Geschichte.   

Aber nicht nur die Menschen berichten vom Lauf der Geschichte; das Landschaftsbild tut es ebenso. Obwohl zwischen den historisch markanten Einschnitten – dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Ende der DDR – und der Gegenwart 65 beziehungsweise 20 Jahre liegen, erinnert in der Oder-Neiße-Region Vieles an diese Vergangenheit. Die Überreste der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Brücken prägen noch heute das Landschaftsbild.

Was bei einem modern denkenden Besucher Unverständnis hervorrufen mag, ist für die Bewohner der Gegend seit Jahrzehnten Normalität. Dabei liegen die Ursachen für den andauernden Zustand der Fremdheit zwischen Polen und Deutschen gerade darin, dass sich politisch gesehen kein anerkannter Status quo einstellen wollte. Nach dem Krieg und den nationalsozialistischen Verbrechen, denen Millionen Polen zum Opfer fielen, erschwerte die Verschiebung der polnischen Westgrenze, die immer wieder bekräftigten Gebietsansprüche der Vertriebenenverbände und die fehlende völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze die deutsch-polnische Aussöhnung. Auch der Schengen-Beitritt Polens am 21. Dezember 2007 hat daran bisher nicht viel geändert. Eine Annäherung zwischen Polen und Deutschen findet bislang kaum statt.

Selbst in dem inzwischen neu angelegten Landschaftspark des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau in Bad Muskau im südlichsten Zipfel Brandenburgs finden sich noch zerstörte Brücken. Das auf deutscher Seite der Neiße liegende Schloss ist aufwendig saniert worden; der Park wird mit EU-Mitteln kontinuierlich gepflegt – allerdings nur bis zur Grenze am Fluß. Der weitaus größere Teil des Parks, der auf polnischem Territorium liegt, bleibt seinem natürlichen Wildwuchs überlassen. 

Mancherorts ist man aus Angst vor einem Anstieg der Kriminalitätsrate sogar froh, dass der Zustand der gesprengt in der Landschaft stehenden Brücken nicht überwunden wird. In der jüngeren Generation gibt es hier und da die Idee einer Fährverbindung, um zum Beispiel den Zugang zu einer idyllisch, jedoch abseits gelegenen Gastwirtschaft zu ermöglichen; liegt jedoch keine größere Partnerstadt auf der anderen Seite des Ufers, erschweren bürokratische Notwendigkeiten die angedachte Wiederannäherung.

Wer ein Schiff über weitere Strecken als die einer Fährfahrt führen will, muss ein staatliches Befähigungszeugnisses besitzen, das ihn zur Führung des Schiffs berechtigt.

Nicht nur das schwierige deutsch-polnische Verhältnis prägt die Oder-Neiße-Region bis heute. Auch die hohe Arbeitslosenquote ist charakteristisch für die umliegenden Ortschaften und Städte. Mit dem Ende der DDR wurden etliche Volkseigene Betriebe (VEB) in privatwirtschaftlichen Besitz überführt. Viele Produktionsstätten in den am östlichen Rand Deutschlands gelegenen Gebieten wurden jedoch stillgelegt. Verglichen mit westlichen Standards waren die Industriebetriebe der ehemaligen DDR vielerorts veraltet und unproduktiv –  eine Umstrukturierung und Sanierung durch neue Eigentümer schien häufig nicht lohenswert.

Das am Fuße des Zittauer Gebirges, im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien gelegene Zittau zählte mit seiner Tuch- und Leinenherstellung einst zu den bedeutenden Drehscheiben des Fernhandels in Böhmen. Nach 1945 musste die Stadt ihren östlich der Neiße gelegenen Teil an Polen abtreten, direkt an der Landesgrenze entstand kurz darauf ein Gefangenenlager für Soldaten der Wehrmacht und deutsche Zivilisten. Durch die Grenzverschiebung geriet die Stadt in eine Randlage. Nach der Wiedervereinigung fielen zahlreiche Arbeitsplätze weg, die Zahl der Arbeitslosen stieg kontinuierlich an und die Einwohnerzahl sank von 50.000 auf etwa 35.000 – ein weiterer Rückgang wird erwartet. Lediglich der schön sanierte Altstadtkern verweist auf bessere Zeiten in der Geschichte der heutigen Kreisstadt.

Eine ähnliche Geschichte erzählt das 2007 in die Stadt Zittau eingegliederte Örtchen Hirschfelde. Die seit dem Mittelalter existierende Gemeinde war einst ein florierender Industriestandort und Sitz etlicher Spinnereien und Webereien. Diese Zeit spiegelt sich in zahlreichen sehenswerten Umgebindehäusern. Abends jedoch wirkt der Ort verlassen. Auch Hirschfelde wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges in einen deutschen und einen polnischen Teil getrennt. Die beiden ehemaligen Ortsteile Lehde und Scharre sind heute als das polnische Turoszów Teile der Gemeinde Bogatynia.

Die Straßen sind leer, nur das beständige Brummen eines nahe gelegenen, in den 60er Jahren in Betrieb genommenen polnischen Kohlekraftwerks stört die abendliche Stille und verstärkt die geisterhafte Atmosphäre. Der ortsunkundige Besucher vermutet das weithin sichtbare Kohlekraftwerk zunächst auf deutscher Seite. Kein Schild informiert darüber, dass die Grenze zu Polen nur ein paar Schritte entfernt ist. Das Kohlekraftwerk auf deutscher Seite wurde 1992 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Zu DDR-Zeiten erzeugte es unter dem pathetischen Namen "Kraftwerk Friedensgrenze" Strom aus Kohle, die aus den nahegelegenen polnischen Tagebauen in Turoszów kam. Nachdem die Volksrepublik Polen 1982 die Kohlelieferungen einstellte, wurde Kohle aus ostdeutschen Lagerstätten verbrannt.

Zufällig stößt man auf die Neißgasse. Schlendert man das mit Kopfsteinen gepflasterte und mittelalterlich anmutende Sträßchen am Rande des Ortes weiter, entdeckt man die im Gestrüpp fast ganz versteckte, hier bachschmale Neiße, die sich leise und beständig durch die deutschen und polnischen Grenzmarkierungen schlängelt. Zwei verrostete Neißebrücken zwischen Hirschfelde und dem heutigen Turoszów dienten vor dem Zweiten Weltkrieg als Flussübergänge. Da die Mittel zur Sanierung der Brücken seit der Wiedervereinigung und bis heute immer noch fehlen, bleiben die Grenzübergänge geschlossen.  

In der weiter nördlich gelegenen Grenzstadt Görlitz ist die Brücke zur polnischen Geschwisterstadt Zgorzelec, die bis Kriegsende ein Teil von Görlitz war, inzwischen saniert. Auf einer kleinen Insel inmitten des Flusses bietet eine Strandbar Erholung in Liegestühlen und einen Ausblick auf die äußerlich sehr verschiedenartigen Stadtteile. Zusammen mit seinem heute polnischen Teil war Görlitz im Mittelalter und später unter preußischer Herrschaft wegen seiner strategisch günstigen Lage ein wichtiges Handelszentrum. Seit der Teilung infolge des Zweiten Weltkrieges und nach der Wiedervereinigung hat Görlitz wichtige Industriezweige und viele Bewohner verloren. Die Einwohnerzahl verringert sich schon seit dem Ende der 1950er Jahre.

Durch EU- und Bundesgelder wurde die auf deutscher Seite gelegene Altstadt aufwendig saniert. Sie zieht nun wieder Touristen an. Gleich hinter der Altstadt wirkt Görlitz jedoch verlassen. Zirka jedes dritte Haus steht zum Verkauf. Meist noch unsaniert erzählen die brüchigen Fassaden Geschichten von vergangenen Zeiten. Hier und da wächst ein Baum aus einer Hausruine. Die Straßen sind am Abend menschenleer; ein nahe der Altstadt gelegener Pub ist eine der wenigen Möglichkeiten für ein abendliches Bier, lädt aber nicht zum Verweilen ein. Einen Spätkauf gibt es nicht.

 

Die meisten der zirka 300 Studenten der Fachhochschule Görlitz-Zittau warten auf das Ende ihres Studiums, um die Stadt verlassen zu können. Nur eine Minderheit von ihnen glaubt, dass ihre Stadt nur noch ein wenig Zeit brauche, um in wirtschaftlicher Hinsicht zu neuem Leben zu erwachen. Einen Austausch mit der polnischen Partnerstadt gibt es kaum ebenso wie private Besuche, obwohl diese Kontakte inzwischen politisch gewollt sind und bewusst gefördert werden.

Bei Ratzdorf, kurz vor Eisenhüttenstadt, mündet die Lausitzer Neiße in die Oder, die sich hier durch die Wasserzufuhr erheblich verbreitert. Schräg gegenüber vom Pegelhäuschen liegt die "Kajüte" – eine ehemalige Tanzgaststätte, die hübsch saniert nichts von ihrem ursprünglichem Charme verloren hat. Die Bedienung ist jung, der Kaffee italienisch. Die hölzernen Tischarrangements im Garten sind bunt angestrichen und eine im Baum befestigte Schaukel heißt auch Familien mit Kindern willkommen. Weitere Besucher nähern sich der Gaststätte und entscheiden sich zu bleiben. Der frisch gebackene Kuchen lädt zum Pausieren ein – weit weg sind die kaputten Brücken, die leer stehenden Häuser mit ihren zerbröckelten Fassaden und die verlassenen Straßen. 

Kaja Wesner

 

Termintipp:

Vortrag und Projektpräsentation in der Reihe des Forums Neuer Markt 1990 als Epochenzäsur 

Oder und Neiße. Graswurzelprojekte an der Grenze

Steffen Schuhmann, Designerkollektiv anschlaege.de, und Tina Veihelmann, Journalistin und Autorin, Berlin

"Grenze, welche Grenze?" – so heißt eine Wanderausstellung über Menschen, die mit ihren Projekten das Zusammenwachsen der deutsch-polnischen Grenzregion voranbringen. Die Ausstellungsmacher stellen ihr Projekt vor, für das sie keine Mühen gescheut haben:
4.000 km Recherchereise, 254 Seiten Katalog und 21 gemalte Porträts sind eine Verbeugung vor jenen Menschen, die die Begeisterung und die Ausdauer haben, die es braucht, um zwischen Szczecin und Zittau etwas zu bewegen.

Eine Veranstaltung des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Kooperation mit dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte

9. September, 19 Uhr

Kutschstall, Am Neuen Markt 9
14467 Potsdam

Beitrag: 3 Euro

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Kommentare

Andre Kniewel    (10.08.2010 14:27h)
Hallo Frau Wesner,
ein sehr ansprechendes und treffendes Reisetagebuch entlang der Grenze. Sie beschreiben an vielen Stellen sehr exakt das, was man dort antrifft, auch wenn viele es vielleicht nicht hören wollen.
Ich bin gespannt auf weitere Berichte.
mfg
Andre Kniewel

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