Die wirtschaftliche Entwicklung des heutigen Ostdeutschlands

Ilja Miecks "Kleine Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer"

Brückenschlag bis zur Gegenwart

Brückenschlag bis zur Gegenwart © Franz Steiner Verlag GmbH

Ilja Miecks vom Format und auch von der Seitenzahl her durchaus nicht "kleine" Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer umfasst rund 1000 Jahre wirtschaftlicher Entwicklung vom Hochmittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart. In einem ersten Teil behandelt Mieck auf rund 150 Seiten die Entwicklung bis 1945 auf den Territorien der heutigen Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Das zweite Kapitel über die Zeit der SBZ und DDR beginnt aus nahe liegenden Gründen mit einem Abschnitt zu "übergreifenden Leitlinien", bevor auf Besonderheiten in den einzelnen Ländern bzw. Bezirken eingegangen wird. Analog wird im dritten Kapitel die Zeit nach 1990 behandelt. Der Band enthält keine Fußnoten, jedoch ein nach Ländern geordnetes Literaturverzeichnis sowie ein Namen- und Sachregister.

Miecks Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Natürlich verdient der Autor Respekt für die Inangriffnahme eines derartig komplexen Vorhabens. Schon die synthetische Darstellung der Wirtschaftsgeschichte eines einzigen Bundeslandes stellt offenbar ein sehr schwieriges, jedenfalls nur selten in Angriff genommenes Unterfangen dar.[1] Anders als bei der Konzeption einer europäischen oder deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte kann sich ein Autor hier nicht auf die wichtigsten Trends und die jeweils fortschrittlichsten Sektoren und Regionen beschränken. Er sollte zudem die regionalen Besonderheiten klar herausstellen. Mieck schildert die Wirtschaftsgeschichte von gleich fünf Bundesländern, von denen jedes für sich zu verschiedenen Zeiten in sehr unterschiedlichem Maße eine historische Einheit oder auch einen Wirtschaftsraum darstellte. Bis 1945 lassen sich keine gemeinsamen Strukturmerkmale identifizieren, die diesen Raum von anderen Regionen in Deutschland unterscheiden würden.

Aus diesem Grund stellt eine "Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer" wohl nur dann ein wissenschaftlich sinnvolles, gleichzeitig aber auch reizvolles Projekt dar, wenn man sich auf die Suche nach Kontinuitätslinien über die Periode der Planwirtschaft hinweg begibt. In diesem Sinne verspricht Mieck, "traditionsbewussten Anknüpfungen" nachspüren zu wollen (S. 10). Tatsächlich werden auch etliche Beispiele für eine Wiederbelebung regionaler Spezialisierungen genannt. Analysiert werden sie aber leider nicht. Selbst wenn man nicht auf clustertheoretische oder ähnliche Ansätze zurückgreifen will, hätten doch Überlegungen darüber, warum eine solche Anknüpfung versucht oder nicht versucht wurde, erfolgreich war oder erfolglos blieb, welche Rolle dabei die ökonomische und soziokulturelle Entwicklung in der DDR, die Privatisierungspolitik der Treuhand, lokale Initiativen, zufällige Marktkonstellationen usw. spielten, einen geeigneten Rahmen für eine Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer darstellen können.

Mieck verzichtet jedoch weitgehend auf theoretische Reflexionen oder auch nur Verallgemeinerungen, übrigens auch auf Quantifizierung. Beim Lesen gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass es ihm vor allem darum geht, eine seiner Auffassung nach schlecht informierte Leserschaft mit den auf dem Gebiet der neuen Bundesländer in den letzten Jahrhunderten erbrachten historischen Leistungen bekannt zu machen. Daher beschränken sich seine Ausführungen auch nicht auf die Ökonomie, und nicht selten wird im Stil eines Reiseführers auf heute zu besichtigende, mehr oder weniger gut erhaltene materielle Überreste der Geschichte verwiesen. Mieck lässt den Leser an seiner enormen Detailkenntnis teilhaben.

Zur Identifizierung langfristig wirkender struktureller Voraussetzungen für eine mehr oder weniger gelungene Anpassung an marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen ist dieses Verfahren jedoch ungeeignet. So wird etwa die Ausprägung der Gutsherrschaft und Gutswirtschaft im Abschnitt über Mecklenburg nur in Bezug auf ihre Auswirkungen auf die Agrarstruktur und die politische Verfassung erwähnt, während die Folgen für die Stadtentwicklung in der Frühen Neuzeit sowie generell für die demografische, sozialstrukturelle und mentale Entwicklung nicht thematisiert werden. Im Kapitel über Brandenburg spielt die Frage der – unterschiedlich ausgeprägten – gutswirtschaftlichen Strukturen gar keine Rolle. Hier fehlt es aber vor allem an systematischen Ausführungen zur Bedeutung Berlins. Dies mag daran liegen, dass sich Mieck entschlossen hat, die Berliner Wirtschaftsgeschichte aus seiner Betrachtung auszuklammern, da Berlin kein "neues" Bundesland sei (S. 10) – was natürlich nur zum Teil richtig ist. Die Brandenburger Wirtschaftsgeschichte lässt sich jedenfalls ohne Berücksichtigung der Wechselwirkungen mit der dynamischen Metropole sowie der räumlichen Nähe zum politischen Machtzentrum, die seit dem 18. Jahrhundert immer wieder mit massiven Staatsinterventionen einherging, nicht erklären. Auch deshalb fällt der Abschnitt über Brandenburg, in dem etwa der Entwicklung der wichtigsten Industriestadt Brandenburg (Havel)[2] weniger Platz eingeräumt wird als dem Schicksal der Landhäuser von Hermann Göring und Joseph Goebbels (S. 34), gegenüber den Ausführungen zu Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen deutlich ab.

Diese und andere Ungleichgewichte lassen sich nur zum Teil auf die Vorlieben des Autors zurückführen. Sie spiegeln auch den unterschiedlichen Forschungsstand wider. So heben sich die Ausführungen über die Hanse und die Mecklenburger Agrargeschichte oder die Unterschiede zwischen der preußischen und sächsischen Wirtschaftspolitik auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt positiv von der ansonsten dominierenden Theorieferne ab. Zu Recht wird auch auf die in vielerlei Hinsicht führende Rolle des gewerbereichen Sachsens im 16. Jahrhundert und in der Industrialisierung hingewiesen. Die strukturellen Probleme der sächsischen Wirtschaft in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg werden jedoch nicht thematisiert, wie überhaupt die Ausführungen zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu knapp ausfallen, um die erwähnten Anknüpfungspunkte lokalisieren zu können. Nur im Abschnitt über Thüringen wird auf die Veränderungen in der NS-Zeit ausführlicher eingegangen.

Die Darstellung regionaler Besonderheiten im zweiten Teil zur Periode von 1945 bis 1990 ist durchaus verdienstvoll, da die vorhandenen Überblicksdarstellungen zur Wirtschaftsgeschichte der DDR diese zumeist vernachlässigen. Mieck macht hier etwa deutlich, dass die Brandenburger Gebiete einen deutlich stärkeren sozioökonomischen Wandel erfuhren als die bereits industrialisierten Südbezirke und die weiterhin mit wenig Großindustrie ausgestatteten Nordbezirke.

Im letzten Teil über die Zeit nach 1990 werden unter "überregionalen Problemen" die Politik der Treuhand, der Umgang mit der Wismut, das Schicksal der Stahlwerke und vor allem die Braunkohleförderung und -verstromung sowie die Renaturierung der Tagebaue behandelt. Diese Schwerpunktsetzung war sicher nicht zwingend, ist hier aber ebenso wenig zu kritisieren wie die Tatsache, dass Mieck zu einigen Fragen dezidiert Stellung bezieht. Da werden schon mal "Vattenfall, Junghanns und eine TU" als "Grubenkämpfe" austragende "Braunkohlen-Tagebau-Fanatiker" bezeichnet (S. 203). Selbst wenn man einige Wertungen teilt, hätte man sich hier doch oftmals ein gewisses Maß an argumentativer Herleitung gewünscht. So trifft man recht unvermittelt auf Sätze wie diesen: "Sinnlose Hilfen wie die Investitionszulage, die unklaren Fördermittelbedingungen oder die Stabilisierung der Bürokratie müssten wegfallen, aber kein Politiker hat den Mut, mit den neuen Bundesländern ein ernstes Wort zu reden" (S. 196).

Auch die Bewertung der Währungsunion von 1990 geht am eigentlichen Problem vorbei. Mieck meint, der "generelle" Umtauschkurs habe 1:1 betragen, was für etliche Sparguthaben jedoch nicht galt. Richtig ist, dass der aus rein politischen Gründen festgelegte Kurs die Wirtschaft "auf lange Sicht sehr belastete" (S. 170). Allerdings traf dies gerade nicht die "westdeutsche", sondern die ostdeutsche Wirtschaft, die eine derart radikale Veränderung des Verhältnisses zwischen Lohnkosten und Produktivität häufig nicht verkraften konnte.

Im zweiten Abschnitt des letzten Kapitels folgt für jedes Bundesland eine Aufzählung der jeweils wichtigsten Unternehmen und ihrer Schicksale seit 1990. Hier stützt sich Mieck auf Meldungen der Tagespresse, "Broschüren, die bei den Vertretungen der neuen Bundesländer in Berlin ausliegen" (S. 10), und offenbar auch auf eigene Anschauung. In diesem Teil befinden sich zahlreiche, mit Hilfe des Registers leicht auffindbare Informationen über die Wirtschaftspolitik der Länder, über Erfolge und Misserfolge der Privatisierung, aber auch über zahlreiche neue Unternehmen mit teilweise sehr innovativen Geschäftsideen.

So hilfreich das Register ist, so schmerzlich vermisst man jedoch konkrete Quellenhinweise. Mieck benutzt häufig Formulierungen, in denen er Zweifel an der Richtigkeit seiner Informationen zum Ausdruck bringt. Woher diese Informationen kommen und worauf Miecks Bewertungen des Transformationsprozesses beruhen, lässt sich jedoch mangels Fußnoten nicht nachvollziehen. Ein Lektor hätte wahrscheinlich auf eine sorgfältigere Begründung einiger gewagter "Thesen" gedrungen. Er hätten bereits auf der ersten Seite drei Tippfehler korrigiert werden können und es wäre sicher auch bemerkt worden, dass auf den Seiten 250 und 251 die Abschnitte über die BUGA-Bewerbung für 2015 durcheinander geraten sind. Vielleicht wäre ihm auch aufgefallen, dass der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission nicht Richard, sondern Erich Apel hieß (S. 165).

So bietet also Miecks Buch nicht nur einen durchaus informativen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung des heutigen Ostdeutschlands im letzten Jahrtausend, sondern auch eine ganze Reihe von Detailinformationen über die jüngste Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft. Hinsichtlich des theoretischen Anspruchs an eine derartige Synthese und ihres wissenschaftlichen Mehrwerts handelt es sich aber in der Tat nur um eine "kleine" Wirtschaftsgeschichte.

Uwe Müller

 

Anmerkungen:

[1] In jüngster Zeit nur: Rainer Karlsch / Michael Schäfer, Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industriezeitalter, Leipzig 2006.

[2] In der Literaturliste fehlt: Gerd Heinrich / Klaus Heß / Winfried Schich / Wolfgang Schößler (Hrsg.), Stahl und Brennabor. Die Stadt Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert, Potsdam 1998.


Uwe Müller: Rezension zu: Mieck, Ilja: Kleine Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer. Stuttgart 2009, in: H-Soz-u-Kult, 18.06.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-206>.

Copyright (c) 2009 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.

Zurück

Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte