Literarische Abschiede von der DDR

Auftakt zur Reihe "Die ewige Suche - die Sehnsucht nach dem großen Wenderoman"

Der Wenderoman – dringend ges

Bundesarchiv Bild 183-1989-0126-017, Foto: Matthias Hiekel

Der Historiker Jürgen Danyel, stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, Potsdam, gibt einen ersten Einlick in das Thema "Wenderomane". In den nächsten Wochen und Monaten werden Zeitgeschichte-Online.de und FriedlicheRevolution.de zahlreiche Bücher zum Thema vorstellen.

Der Begriff "Wenderoman" geistert seit den frühen 1990er Jahren durch die deutschen Feuilletons und ist inzwischen zu einer Art Label für die literarische Auseinandersetzung mit dem Ende DDR und dem Fall der Mauer geworden. Fehlte es am Anfang der Debatte noch an gelungenen literarischen Verarbeitungen dieses Themas jenseits der zahlreichen autobiographischen Texte von mehr oder weniger prominenten Mitlebenden, hat man es inzwischen fast mit einer eigenen Literaturgattung zu tun.

Die große Aufmerksamkeit für die wachsende Zahl von Romanen und Erzählungen, die sich mit der DDR und ihrem Verschwinden auseinandersetzen, hat auch mit den Verwerfungen und Schieflagen der öffentlichen Debatten über das verschwundene Land zu tun. Von der Literatur erhoffte man sich, dass sie vielleicht besser in der Lage sei, die Dichotomien des in den Medien und in der politischen Aufarbeitung vorherrschenden Bildes über die DDR zwischen Herrschaft, Repression und der Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungen der Menschen mit dem Leben im Osten aufzulösen.

Allerdings wäre die Erwartung irrig, die Literatur könne beim Thema DDR das leisten, was von der Politik, den Medien oder der Zeitgeschichtsschreibung versäumt wurde. Sie hat nicht den Anspruch, die Nachkriegsgeschichte politisch und historisch aufzuarbeiten, sondern will in erster Linie Geschichten erzählen. Insofern kann sie andere Antworten auf die Frage vieler Menschen geben, wie sie mit ihren Prägungen durch das Leben in der DDR umgehen sollen und wie eine gesellschaftliche Kommunikation über die unterschiedlichen DDR-Biographien möglich ist.

Es ist vor allem einen jüngere Autorengeneration, die mit ihren Texten versucht, sich der eigenen Prägungen zu vergewissern und die danach fragt, was diese Erfahrungen heute noch bedeuten. Die Literatur wie auch der Film haben dazu beigetragen, das Repertoire der Zugänge zum Thema DDR zu verbreitern, indem sie gezeigt haben, dass sowohl nachdenkliche, ernüchterte als auch heitere oder sarkastische Abschiede möglich sind. Vor allem kann Literatur einen Kommunikationsraum schaffen, in dem die Verlust- und Gewinnerfahrungen der Menschen beim Untergang der DDR und beim Leben in der Vereinigungsgesellschaft zum Thema werden. Dies hat erfreulich wenig mit der immer wieder monierten DDR-Nostalgie zu tun.

Die so genannten "Wenderomane" imaginieren vielmehr urbane Landschaften, deren Architektur noch immer vom Nachkrieg bestimmt war, lassen die Atmosphäre in unterschiedlichen Milieus der DDR-Gesellschaft mit ihren Ängsten und Hoffnungen lebendig werden, beschreiben die Farben und Gerüche des Alltags, die es so heute nicht mehr gibt.

Diese Geschichten können dazu dienen, eine Sprache für ganz persönliche Erfahrungen zu finden. Sie können aber auch den Horizont dafür erweitern, was Geschichte im eigentlichen Sinne ausmacht. Nicht nur deshalb sind die literarischen Verarbeitungen der DDR auch ein Thema für die Zeitgeschichtsschreibung und deren Suche nach differenzierten methodischen Zugängen zu ihren Themen.

In den kommenden Monaten werden Zeitgeschichte-online und FriedlicheRevolution.de dem sogenannten "Wenderoman" besondere Aufmerksamkeit schenken, ohne dabei die Debatten im Feuilleton zu wiederholen.

Denn auch Historiker interessieren sich für Geschichten, wenn sie Geschichte schreiben, spielen mit der Fiktion, wenn es um Fakten geht. Wenn hier also Kritiken ausgewählter Romane erscheinen, dann geht es vor allem um die Frage, wie mit den Erinnerungen an Orte, Landschaften und Gemeinschaftserfahrungen umzugehen ist, die es schon lange nicht mehr gibt. Es geht um Menschen, ihre Art zu leben und zu denken und darum, dass sie heute anders leben und zumeist auch anders denken oder denken müssen. Es geht um die Alltäglichkeiten in der realsozialistischen Gesellschaft, nicht aber um Literaturkritik von Historikern. Es geht um Varianten und Facetten der Erinnerung, es geht um einen historiographischen Zugang, der erfahrungsgetränkte Egodokumente ernst nimmt und sich von der Kunst und Literatur inspirieren lässt.
 
Jürgen Danyel

Erste Kritiken des Romens "Der Turm" von Uwe Tellkamp finden Sie hier (Zeitgeschichte-online) und hier (Montagsradio/FriedlicheRevolution.de).

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Kommentare

Barbara    (08.02.2010 18:55h)
Wenderoman: Wenn man ihn sucht, findet man ihn auch: "Die Liebe in der Zeit des Mauerfalls". Ich bin durch einen Artikel im "Tagesspiegel" darauf aufmerksam geworden - und fand mich plötzlich mitten im turbulenten Wendejahr '89 wieder. Gut recherchiert, spannend geschrieben, Ost- und West-Perspektive und das alles in eine wunderschön bis dramatische Liebesgeschichte eingebettet. Für mich DER Wenderoman!

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