Intermezzo mit Notbremse

Bundesbahnchef Reiner Maria Gohlke wird erster Präsident der Treuhandanstalt

R. Gohlke noch als Vorstandsvorsitzender der Bahn

Gohlke (Mitte) u. Kohl © BPA B 145 Bild-00175079

Im Juni 1990 läuft in Ostberlin und Bonn die hektische Suche nach einem neuen Chef für die Treuhandanstalt. Die Stellenbeschreibung für den künftigen Präsidenten ist nach dem Treuhand-Gesetz eindeutig: Die Privatisierung einer ganzen Volkswirtschaft. Nach einigem Hin und Her wird Bundesbahnchef Reiner Maria Gohlke zum ersten Präsidenten der Treuhandanstalt bestellt. Gohlke reist nach Ostberlin – und ist von den Dimensionen seiner künftigen Aufgabe überrascht.

In der allgemeinen Hektik des gegenwärtigen Berliner Politikbetriebs wäre das nahezu undenkbar. Über zwei Wochen lässt sich der am 15. Juli 1990 von Lothar de Maizière berufene erste Präsident der Treuhandanstalt, Reiner Maria Gohlke, Zeit, bis er am 31. Juli  schließlich vor die versammelten Pressevertreter tritt. Gegen 10 Uhr morgens nimmt Gohlke auf den roten Polsterstühlen des Internationalen Pressezentrums der DDR Platz. Diesem Ort haftet nichts von Aufbruch oder Neuanfang an: Schwere beigefarbene Vorhänge, wuchtige Holztische, dunkle Wandvertäfelungen – es dominiert der spröde Schick des Ostberliner Realsozialismus. In Erinnerung bleiben wird das Pressezentrum als Kulisse eines spektakulären historischen Missverständnisses. Günter Schabowski hatte genau in diesem Raum am 9. November 1989  mit zwei gestammelten Halbsätzen die Berliner Mauer zu Fall gebracht.

Das alles scheint Ende Juli 1990 schon lange Geschichte zu sein: Das greise Politbüro um Erich Honecker ist entmachtet, die Überbleibsel der einst allmächtigen SED fristen ihr Dasein auf den Oppositionsbänken der Volkskammer und die Ostdeutschen tragen seit einigen Wochen die sehnlich herbeigesehnte Deutsche Mark in ihren Geldbeuteln umher. Doch obwohl die Wiedervereinigung ihre Schatten vorauswirft, ist ein drängendes Problem in der Praxis bislang noch kaum bearbeitet – der Umbau der ostdeutschen Planwirtschaft. Das Treuhand-Gesetz vom 17. Juni 1990 hat die möglichst zügige und vollständige Privatisierung des volkseigenen Vermögens als eindeutiges Ziel vorgegeben, deren praktische Durchführung aber bewusst nur sehr vage umrissen. Damit stellt sich freilich die Frage, welche Persönlichkeiten an die Spitze der Ostberliner Treuhandanstalt  treten sollten.

Alle Beteiligten sind sich einig, dass das bisherige, noch von der Modrow-Regierung im März 1990 eingesetzte Führungsdirektorium um den LDPD-Funktionär Peter Moreth für den angestrebten umfassenden Wirtschaftsumbau in Ostdeutschland denkbar ungeeignet ist. So beginnt die hektische Suche nach einem frischen "Gesicht" für die neue Treuhandanstalt. Während die Bundesregierung einen marktwirtschaftlich beschlagenen Kandidaten aus der Bundesrepublik an der Spitze der Behörde sehen will, wünschen sich zahlreiche ostdeutsche Politiker eine Persönlichkeit aus der DDR. Verschiedene Namen zirkulieren in der Presselandschaft, etwa der des jüngst abgewählten niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Am 29. Juni 1990 stellt Lothar de Maizière schließlich die mit Bonn abgestimmte Personallösung vor: Der amtierende Bundesbahnchef Reiner Maria Gohlke wird erster Treuhand-Präsident, an die Spitze des kontrollierenden Verwaltungsrates wird der Vorstandsvorsitzende der Dortmunder Hoesch AG, Detlev Karsten Rohwedder, berufen.

Reiner Gohlke erscheint den meisten Beteiligten als Kompromisskandidat. Bevor er 1982 an die Spitze der Bundesbahn berufen wurde, war der promovierte Ingenieur Vorstandsvorsitzender der Deutschlandsparte des US-amerikanischen Technologiekonzerns IBM. Als Bahnchef soll der erfahrene Manager das defizitäre Staatsunternehmen schrittweise marktfähig machen, langfristig war an eine Privatisierung nach britischem Vorbild gedacht. "Privat vor Staat" galt in Zeiten von Ronald Reagan und Margaret Thatcher als wirtschaftspolitisches Credo der Stunde. Doch Umbau und Sanierung der Bundesbahn erwiesen sich für Gohlke als denkbar schwierige Unterfangen: Widerstände in Politik und Belegschaft sowie fehlende Gelder für Investitionen bremsten die Ambitionen des Bahnchefs. Im Sommer ruft man Gohlke nach Ostberlin, wo noch größere Aufgaben auf ihn warten.

Trotz seiner Erfahrung in Unternehmungsführung und Management zeigt sich der neue Treuhandchef über die Situation vor Ort überrascht. Gohlke wird Chef einer kleinen Behörde, deren 140 ostdeutsche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch von der Modrow-Regierung handverlesen wurden. Es mangelt an allem, was für geregelte Abläufe vonnöten scheint: Von passenden Räumlichkeiten über moderne Büroausstattung bis hin zu funktionstüchtigen Kommunikationswegen. Der Präsident aus dem Westen nimmt sich zwei Wochen Zeit, um die Treuhandanstalt, ihre Mitarbeiter, seine künftigen Aufgaben sowie die Lage der Ostbetriebe zumindest im Ansatz zu verstehen. Dann tritt er vor die internationale Presse.

Im Pressezentrum kommt Gohlke am 31. Juli 1990 direkt zur Sache. Es bestehe kein Zweifel, dass sich die Treuhand "hier in einem sehr schwierigen Umfeld" bewege – "schwieriger als ich vorausgesehen habe". Gohlke schätzt die Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Unternehmenslandschaft nach der Währungsunion als gering ein. Der oberste Privatisierer wird grundsätzlich: "Es gibt kein Beispiel dafür, was wir hier zu machen haben." Der Handlungsdruck sei immens, vor allem fehle es an Zeit. Dennoch müht sich Gohlke um Zweckoptimismus. "Große Chancen" böten die qualifizierten Arbeitnehmer im Osten. Auch über seine eigenen Mitarbeiter ist Gohlke voll des Lobes: "Mein Eindruck ist hier in diesen kurzen Tagen gewesen, daß man hier mit einem unglaublichen Engagement versucht, das zu retten, was zu retten ist." Der Präsident verhehlt nicht, dass ihm die Dynamik der Entwicklungen in Ostdeutschland unheimlich erscheint: "Sie alle wissen, daß hier jede Stunde neue Zahlen auf den Tisch kommen. Sie alle wissen, daß jede Stunde etwas Neues diskutiert wird."

Gohlkes Auftritt nährt die in der bundesrepublikanischen Presse aufkeimenden Zweifel an einem schnellen zweiten Wirtschaftswunder Ost. In den ersten Augustwochen eskaliert ein Konflikt zwischen Treuhandanstalt und der westdeutschen Steigenberger-Gruppe um die Privatisierung der Interhotels. Steigenberger hatte sich in den Wirren des Frühjahrs 1990 durch Direktverträge mit den Hoteldirektoren eine Art Vorverkaufsrecht gesichert, ohne die eigentliche Eigentümerin, die Treuhand, einzubeziehen. Dementsprechend gering fällt der Kaufpreis aus. Für den neuen Treuhandchef ist dies schlicht ein Skandal: Die Interhotels liegen verkehrsgünstig in allen Großstädten des Ostens und bieten den besten Komfort, den die DDR zu bieten hat. Sie sind der bevorzugte Anlaufpunkt für das Heer an westlichen Investoren, Experten und Abenteurern. Ein wertvolles "Filetstück", von denen es in der untergehenden DDR nicht allzu viele gibt.

Gohlke sucht gezielt den Konflikt mit Steigenberger und wirbt in der Öffentlichkeit um Unterstützung. Doch in der bundesrepublikanischen Wirtschaftspresse schlägt ihm Empörung entgegen: Behindert dort nicht eine schwerfällige wie unfähige Staatsbehörde den schnellen Übergang der Ostwirtschaft in private Hände? Legt Gohlke den engagierten Westinvestoren gezielt Steine in den Weg, um so eine allmächtige "Superbehörde" zu etablieren? Die Stimmung kippt. Immer lauter ist von ominösen "SED-Altkaderseilschaften" die Rede, die unter den Augen eines hilflosen Gohlke die lukrativen Teile der Ostwirtschaft ungeniert unter sich aufteilten. Überall wittern Journalisten Aktivitäten des sagenumwobenen "Schalck-Clans": "Bonzen-Wirtschaft statt Marktwirtschaft", empört sich die Bild-Zeitung. "Ein Gohlke macht noch keinen Frühling", spottet Die Welt. Am 20. August zieht der vormalige Bahnchef die Notbremse.

Der Rücktritt von Reiner Gohlke erwischt die Politiker in Ost und West auf dem falschen Fuß. Nur wenige Tage zuvor hat die ostdeutsche SPD ihre Minister aus der Ostberliner Koalition zurückgezogen. Auch die Bundesregierung in Bonn ist überrumpelt. Eine schnelle Lösung muss her, es darf kein Vakuum entstehen. Bundeskanzler Kohl will Detlev Rohwedder als Treuhandpräsidenten, Ministerpräsident de Maizière hat keine Wahl mehr. Gohlke kehrt nach seinem nicht einmal fünfwöchigen Intermezzo wieder zur Bundesbahn zurück und wird dort den Aufbau des neuen ICE-Netzes vorantreiben. Auch sein Nachfolger in Ostberlin kündigt eine schnellere Gangart an. Rohwedder, der in den letzten Wochen als Chefkontrolleur immer wieder mit Gohlke über Kreuz gelegen hat, gibt lapidar zu Protokoll: "Dagegen ist Hoesch ein Kinderspiel und die Bundesbahn letzten Endes auch."

Marcus Böick

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