Westdeutschland wird Weltmeister

Die bundesdeutsche Nationalelf schlägt Argentinien im Finale der WM in Rom

Westdeutschland wird Weltmeister

© Flickr / Thomas Duchnicki

Die Mauer ist gefallen. In der DDR hat es freie Wahlen gegeben. Deutschland steht vor der Wiedervereinigung und am 8. Juli gewinnt die deutsche Nationalelf auch noch die Weltmeisterschaft. Scheinbar reibungslos fügt sich der Fußballtriumph in die Wiedervereinigungsfreude ein.

Fußballnationalmannschaften spiegeln auf verblüffende Weise ein gesellschaftliches Klima wieder. Sie lösen weltweit Emotionen und Identifikationen aus, die weit über das Interesse an den nationalen Meisterschaften hinaus gehen. Fußballweltmeisterschaften dienen den Zuschauern offenbar als Seismographen nationaler Befindlichkeit. So ist in Deutschland der WM-Titel von 1954 als nationale Wiedergeburt überhöht worden, während die jetzige Nationalmannschaft als Ausdruck der multikulturellen Gegenwart Deutschlands angesehen und ihr Stil gefeiert wird.

Insofern kann man sich fragen, wofür eigentlich die Mannschaft von 1990 steht. Kann die letzte westdeutsche Mannschaft, die den WM-Titel in Italien gewinnt, für die Wiedervereinigung stehen? Tatsächlich zeigt sich an ihr ein Zug, der einiges über Deutschland 1990 verrät.

Auf der Pressekonferenz nach dem Finalsieg merkt ein amerikanischer Journalist an, dies sei ja die letzte Weltmeisterschaft einer westdeutschen Mannschaft, und er fragt Franz Beckenbauer, ob die Mannschaft des vereinten Deutschlands den Weltfußball dominieren werde. Im euphorischen Gefühl, gerade Weltmeister geworden zu sein, wagt Beckenbauer eine prophetische Aussage und spricht einen Satz über die Zukunft des deutschen Fußballs: "Wir sind jetzt die Nr. 1 in der Welt, wir sind schon lange die Nr. 1 in Europa, jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu, ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Das tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein."

Daraus spricht eine große Hoffnung, die sich wie andere Hoffnungen auf das vereinte Deutschland nicht erfüllt hat. Tatsächlich ist die westdeutsche Nationalmannschaft von 1990 eine ungemein starke Mannschaft gewesen, mit einem vielseitigen Mittelfeld um Matthäus, Häßler und Littbarski, mit einem bescheidenem Guido Buchwald auf Weltklasseniveau, einer beinharten Abwehr mit Augenthaler, Kohler und Brehme sowie den torgefährlichen Stürmern Klinsmann und Völler. Beckenbauers Überzegung ist deshalb nicht nur vermessen, was heute Anlass für Häme ist, wenn man den Satz zitiert, sondern Beckenbauer hat seine Gründe gehabt. Doch interessant ist insbesondere die Haltung, mit der er spricht. Es ist die Haltung ungetrübten Selbstbewusstseins, das Beckenbauer auszeichnet und ihm nicht umsonst den höhnischen Spitznamen "der Kaiser" eingebracht hat. Die Haltung ist aber nicht allein beckenbauertypisch.

Nur eine Woche zuvor, aus Anlass der Währungsunion, äußert sich auch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl über die Zukunft. Und auch er sagt einen Satz, der ihm später von Kritikern gerne vorgehalten wird:

"Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt."

Die Parallelen spiegeln etwas von der Stimmung dieses Sommers 1990 wider. Die Mauer ist weg, die Weltmeisterschaft gewonnen und bald kommt die Einheit – es kann nur noch aufwärts gehen. Dass es auch abwärts gehen kann, daran möchte zu diesem Zeitpunkt niemand denken.

1990 spricht aus Beckenbauers Satz jener Funken Hybris, der der deutschen Nationalelf von 2010 möglicherweise gefehlt hat, um Weltmeister zu werden. Und das ist vielleicht mehr wert als der Weltmeistertitel.

Jochen Thermann


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Links:
Das Video auf Tagesschau.de zeigt Kohl am 1. Juli 1990 in einem für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlichen altdeutsch staatstragenden Interieur mit Ölgemälde und Rose – der blaue Vorhang der Pressekonferenzen existierte damals offensichtlich noch nicht:

http://www.tagesschau.de

Beckenbauers Pressekonferenz findet sich bei Youtube, der entscheidende Satz fällt gegen Ende des dreiminütigen Ausschnitts:

http://www.youtube.com

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