Die letzte Saison

Der DDR-Fußball und die Jahre 1989/90 (Teil 1)

Fussball © Deutsche Fotothek

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Auch am Fußball gingen Mauerfall und die Wiedervereinigung nicht spurlos vorbei. Jens Kirschneck, Autor des Fußballmagazins 11 FREUNDE, erzählt in drei Teilen von den letzten beiden Jahren der DDR-Oberliga und dem Ausverkauf der Stars.

Kaffeeduft in der Luft. Kuchen mit Sahne. Eine gedeckte Tafel. Die Kinder haben ein Geschenk vorbereitet. Muttern wurschtelt in der Küche. Ein paar Flaschen Bier hat Hans-Uwe Pilz auch kalt gestellt. Die Gäste können kommen. Es gibt etwas zu feiern. Der Mittelfeldregisseur der SG Dynamo Dresden hat zu seinem einunddreißigsten Geburtstag geladen. Doch die Klingel bleibt an diesem Abend stumm. Ist das olle Ding kaputt? Nee, es kommt nur keiner. Denn alle Freunde sind weggefahren. Haben sich in ihre Trabis, ihre Wartburgs und Ladas gesetzt, um sich an der Grenze nach Westen in die endlosen Blechlawinen einzureihen, die vor den Übergängen im Stau stehen. Es ist Freitag und seit gestern Abend steht fest: Die Grenze ist auf, die Menschen tanzen in Berlin auf der Mauer. Pilz muss seinen Geburtstag im Dresdener Plattenbau an diesem Tag allein mit der Familie feiern. In diesem historischen Augenblick zählen Jahrestage und ein privates Anliegen wenig. Es ist der 10. November 1989, der Moment des kollektiven Glücks. West-Außenminister Hans-Dietrich Genscher verkündet vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin gerade, dass weitere Grenzübergänge in der Mauerstadt geöffnet werden. Deutschland feiert den Beginn der Einheit wie im Rausch. Das Glänzen in den Augen der Menschen – im Osten wie im Westen eines Landes, das 40 Jahre lang geteilt war. Der Beginn auch der Vereinigung zweier Fußballsysteme. Bis vorgestern bestand für Hans-Uwe Pilz kein Zweifel daran, dass er in drei, vier Jahren bei Dynamo die Fußballschuhe an den Nagel hängen würde, um irgendwo als Trainer zu arbeiten. So ist es im Arbeiter- und Bauernstaat vorgesehen für verdiente Top-Kicker wie ihn. Viele Fragen bleiben da nicht offen. Pilz greift zum Flaschenöffner. Vorsichtig drückt er den Kronkorken der Bierflasche nach oben. Der Jubilar schenkt seiner Frau und sich das goldgelb sprudelnde Getränk in zwei Gläser und sagt: "… vielleicht spiele ich nun doch noch einmal Bundesliga."

5. April 1989, Dresden Es ist der vorläufige Höhepunkt in einer Entwicklung, die sich seit einem halben Jahr in der DDR vollzieht. Schon im Frühjahr scheint ein Umdenken in den Führungsetagen des Deutschen Fußball Verbands (DFV) stattzufinden: Im Vorfeld des UEFA-Pokal-Halbfinals gegen den VfB Stuttgart wird den Akteuren von Dynamo Dresden in Aussicht gestellt, mit ihren Ehefrauen zum Auswärtsspiel ins Schwabenland reisen zu können. Ein Goodie für den großen Erfolg im Europacup. Visa für die Eheleute werden beantragt, doch kurz vor der Abreise erklärt der für den Klub zuständige Parteisekretär beim freitäglichen Politikunterricht, dass die Spielerfrauen doch daheim bleiben müssten. Doch kein Spieler kommt deshalb auf die Idee aufzumucken. Zu warm der Kokon, in dem sich die privilegierten Kicker in dem Staat befinden, der sportliche Erfolge stets auch als Propagandainstrument einsetzt. Fußballer haben schon in der Jugend die Möglichkeit, zu Spielen und Trainingslagern ins westliche Ausland zu reisen. Nur die wenigsten nutzen dies zur Flucht. Die Bedingungen für Oberligaspieler – die offiziell als Amateure gelten – sind optimal. Selbst wenn ein Akteur insgeheim von einer dauerhaften Ausreise träumt, die Furcht vor Repressalien gegenüber den Angehörigen überwiegt bei den meisten.

23. Juni 1989, Revfülöp, Ungarn Der Keeper des BFC Dynamo Berlin, Bodo Rudwaleit, verbringt seinen Sommerurlaub mit Frau und Sohn auf einem Zeltplatz am Balaton. Während des zweiwöchigen Aufenthalts fallen ihm immer wieder seltsame Dinge auf. "Leute, die gestern noch da waren, waren plötzlich weg. Auf dem Zeltplatz gab es immer wieder Ansammlungen von Menschen." Die DDR ist in Bewegung. Seit Mai baut Ungarn die Grenzanlagen zu Österreich ab. Kurz darauf unterstreichen der österreichische Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn ihre Politik der Verständigung und Reisefreiheit medienwirksam mit der symbolischen Durchtrennung des Stacheldrahtzauns.

 

4. September 1989, Leipzig/Berlin In Leipzig schließt sich an die Friedensgebete in der Nikolaikirche die erste Montagsdemonstration an. Gegenüber dem Gotteshaus liegt der Schuhladen, in dem die Frau von Lok-Leipzig-Spieler Heiko Scholz arbeitet. Zunächst noch ungläubig, nimmt das Ehepaar das Treiben auf der Straße wahr. Als die Veranstaltungen dort immer mehr Zulauf erhalten, muss der Schuhladen montags bald via behördlicher Anweisung bereits um 15 Uhr schließen. Die Spieler von Lok werden in den Sitzungssaal am Trainingszentrum beordert. Die Mitteilung an die Kicker lautet: "Eine Beteiligung an einer Demonstration ist nicht förderlich."

Auch in Berlin schreitet die Revolution mit Siebenmeilenstiefeln voran. Bei den Partien des BFC Dynamo, dessen Vorsitzender Stasi-Boss Erich Mielke ist, fällt Bodo Rudwaleit auf, wie die Tribünen ihr Gesicht verändern: "Plötzlich waren die Leute von der Staatssicherheit, mit denen wir beim BFC täglich zu tun hatten, nicht mehr so präsent. Hatten wohl Wichtigeres zu tun."

4. Oktober 1989, Dresden Im Zusammenhang mit der Ausreise von DDR-Flüchtlingen über die Prager Botschaft werden vier Züge durch den Dresdner Hauptbahnhof geleitet. Am Bahnhof versammeln sich 5000 Menschen, die teilweise versuchen, gewaltsam in die Wagons zu gelangen. Als die Polizei einschreitet und den Bahnhof räumt, kommt es zu Krawallen, bei denen Bürger die Polizei mit Pflastersteinen bewerfen und Teile des Bahnhofs demoliert werden. Ein Polizeifahrzeug wird angezündet. Viele hundert Personen werden festgenommen und erst tags darauf wieder auf freien Fuß gesetzt. Als es am Hauptbahnhof brennt, ist auch Dynamo-Spieler Ralf Hauptmann dabei. Als Mitglied des Polizeisportvereins versteht es sich von selbst, dass er sich nicht am Aufruhr beteiligt. Aber ein bisschen gucken muss doch gestattet sein. Als Hauptmann aus einiger Entfernung den Ereignissen zusieht, fragt ein Passant den populären Kicker, der im Zweitberuf Polizeileutnant ist, ob er sich im verdeckten Einsatz befinde. Hauptmann: "Ich kannte die Antwort nicht. Ich war Polizist – aber war ich im Dienst?"

5. Oktober 1989, Dresden/Berlin Die Parteileitung bleibt eine Antwort nicht lange schuldig. Freitags treten die Spieler von Dynamo wie gewohnt zur Agitation im Versammlungsraum an. Der Platzwart fragt den Parteisekretär, was von der Situation zu halten sei. Der Funktionär druckst herum. Doch die Spieler bekommen einen Alarmplan ausgehändigt, falls es in den nächsten Tagen weiterhin zu Ausschreitungen kommen sollte. Minutiös ist dort aufgelistet, welcher Spieler welchen Kollegen anzurufen hat, sollte der Fall eintreten, dass Dynamo-Spieler die Staatsmacht beim Kampf gegen die Aufrührer unterstützen müssten. Es ist das erste und einzige Mal, dass Männern wie Torsten Gütschow, Ralf Minge, Hans-Uwe Pilz, Ulf Kirsten und Matthias Sammer bewusst wird, dass sie im Zivilberuf Polizisten sind.

18. Oktober 1989, Karl-Marx-Stadt Vor drei Tagen hat Egon Krenz Erich Honecker als Staatsratsvorsitzenden ersetzt. Nach dem Vorbild anderer Städte treffen sich nun auch in der St. Jakobikirche in Karl-Marx-Stadt die Menschen zu Friedensgebeten und Diskussionen. Rico Steinmann ist an diesem Abend auch unter den Besuchern. Freiheitliche Empfindungen wollen bei dem Star des FC Karl-Marx-Stadt nicht aufkommen. Noch immer besteht die Angst, dass Demonstrationen von der Volkspolizei gewaltsam aufgelöst werden. Wie viele Stasi-Leute haben sich wohl unter die Besucher gemischt? Der Nationalspieler ist da, aber auch nicht. Zu groß ist die Angst vor Sanktionen. "Ich habe darauf geachtet, an einer Position zu stehen, von wo aus mich nicht jeder sehen konnte."

21. Oktober 1989, Rostock Mit 3:1 schickt Hansa den BFC Dynamo nach Hause, doch auch an der Ostsee ist Fußball längst zur Nebensache geworden. Seit sich vor zwei Tagen erstmals Demonstranten aus der Petrikirche auf die Straße wagten, ist auch Rostock freiheitsbewegt. Hansas Rainer Jarohs hat sich nach Spielende in seinen Wartburg gesetzt und ist in die Innenstadt gefahren, für heute ist eine Demo geplant. Zu Fuß erreicht Jarohs die Lange Straße, dort trifft gerade der Zug aus der Petrikirche ein. Die Demonstranten erkennen ihn, sie rufen: "Rainer! Komm her, schließ dich uns an!" Jarohs bleibt stehen, bis auch der Letzte vorbeigezogen ist. Bis heute macht er sich Vorwürfe: "Als normal denkender Mensch hätte ich mitgehen müssen."

Ende Oktober 1989, Berlin Auf einem Tisch liegen dutzende Papierstapel. Ein Büro in der Zentrale des DFV. Die Funktionäre um Verbandschef Wolfgang Spitzner stellen die Weichen für eine bessere Zukunft. Alle Oberliga- und DDR-Liga-Spieler müssen per Beschluss einen Lizenzvertrag unterschreiben, der den Statuten der FIFA entspricht. Nachdem im Juni und Juli in kürzester Zeit der Rostocker Axel Kruse und die Spieler Jens König, Thomas Weiß und André Köhler von Wismut Aue Partien in Schweden zur Flucht in den Westen genutzt haben, will sich der Verband gegen einen weiteren Exodus guter Kicker absichern und gleichzeitig auch Vorkehrungen für zukünftige Transfers von DDR-Spielern in den Nicht-Sozialistischen-Wirtschaftsraum treffen. Denn auch den Funktionären ist klar: Stars wie Andreas Thom oder Matthias Sammer werden mittelfristig nicht zu halten sein. Es könnte also ein wichtiges Signal für die Öffnung zum Westen und für allgemeine Reisefreiheit sein, wenn DDR-Stars zukünftig auch in anderen Ländern spielen. Die Vorsitzenden der Klubs holen die Verträge beim Verband ab, um sie in einigen Tage unterschrieben zurückzubringen. Durch diese konzertierte Aktion kann plötzlich kein DDR-Spieler mehr ohne Freigabe vom DFV für einen neuen Verein spielen – auch nicht nach der bis dahin üblichen zwölfmonatigen Sperre.

9. November 1989, Leipzig Für manchen beginnt der alles entscheidende Tag bereits mit einem Highlight: Um 7 Uhr morgens geht Heiko Scholz zur Fahrzeugauslieferung, um dort für 36 500 Ostmark seinen neuen Wartburg abzuholen. Am späten Vormittag muss er mit dem Neuwagen nach Abtnaundorf im Nordosten von Leipzig, wo sich die Nationalmannschaft trifft. In ein paar Tagen spielt das Team in Wien sein alles entscheidendes WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich. Mit einem Sieg kann sich die DDR für die WM in Italien qualifizieren. Am Abend hockt die Mannschaft in der Sportschule zusammen, der Fernseher läuft. Matthias Sammer: "Stunde um Stunde jagte eine Meldung die andere. Reisefreiheit, Geldumtausch, Löcher in der Mauer. Menschenauflauf am Brandenburger Tor. Und bei uns knallten die Champagner-Korken." Nicht jeder Akteur erlebt die Stunden in Abtnaundorf ähnlich gelöst. Immerhin steht die Elf vor dem wichtigsten Länderspiel seit der WM 1974. Die Magdeburger Dirk Heyne und Dirk Stahmann schlummern bereits, als die Nachricht von der Maueröffnung über die Bildschirme kommt. Für ihr Leben als Fußballer – so glauben sie – hat es keine besondere Bedeutung mehr, denn die Routiniers sind schon deutlich über dreißig und glauben nicht mehr daran, ein Angebot aus dem Westen zu bekommen. Rico Steinmann geht es anders. Er wird im Dezember erst 22. Er sitzt mit dem Team im Gemeinschaftsraum: "Als wir die Bilder von der Grenzöffnung sahen, hatten wohl alle jungen Spieler denselben Gedanken: Dass nun der Traum Bundesliga in Erfüllung gehen könnte …"

 

10. November 1989, überall in der DDR Freitagmorgen bei der morgendlichen Übungseinheit von Hansa Rostock fehlen einige Spieler, die noch in der Nacht nach Berlin gefahren sind. Trainer Werner Voigt gibt seinem Team bis Montag frei. Jung-
star Florian Weichert ruft seinen Schwiegervater an und erbettelt dessen Trabant. Im Rathaus von Mölln holen er und seine Frau Susi am Nachmittag ihr Begrüßungsgeld ab, um in Lübeck ein Kuscheltier für den Sohn zu kaufen. Als sie in Ratzeburg an einer Kreuzung nach dem Weg fragen, schenkt ein Passant ihnen einen Atlas. Das Ehepaar muss genau aufpassen, dass es sich nicht zu weit von der Grenze entfernt, denn im Westen gibt es keinen Sprit für ihr DDR-Fahrzeug.

Ralf Hauptmann, Sven Kmetsch und Rocco Milde sitzen derweil in einem Moskowitsch auf der Autobahn bei Plauen. Nichts geht mehr. Ein unendlicher Stau vor der deutsch-deutschen Grenze. Die drei Spieler von Dynamo Dresden sind auf dem Weg nach Bayreuth. Aus dem Kassettenrekorder dudelt pausenlos das Album »Bunte Republik Deutschland« von Udo Lindenberg. Hochstimmung.

DDR-Rekordnationalspieler Joachim Streich absolviert eine fünftägige Trainerhospitanz beim PSV Eindhoven. Beim Morgentraining wird der Altinternationale von den Niederländern mit der Neuigkeit begrüßt: Die Mauer ist auf. Streichs Rückflug nach Berlin-Schönefeld geht am nächsten Tag. Doch die Maschine der DDR-Linie "Interflug" verpasst den Anschluss in Amsterdam wegen Nebels. Ein Mitarbeiter des "Wissenschaftlichen Zentrums", der den Jungtrainer auf seiner Reise begleitet, sagt: "Es geht noch ein Flug nach Tegel – lass uns den nehmen." Reisen zum Westberliner Flughafen sind DDR-Bürgern bislang verboten. Aber was zählt das jetzt noch? Die beiden nehmen den Flug. Als Streich später am Checkpoint Charlie in die DDR einreisen will, begrüßt ihn bereits ein freundlicher Grenzer mit den Worten: "Ach, Herr Streich, waren Sie auch schon drüben."

Jörg Neubauer, der Pressesprecher des DFV, sitzt in einer Maschine nach Wien. Er ist unterwegs, um vom Österreichischen Verband 9000 Eintrittskarten für das Spiel am kommenden Mittwoch abzuholen. Sie sollen in den freien Verkauf gehen – schließlich hat jetzt jeder DDR-Bürger theoretisch die Möglichkeit, zum Qualifikationsspiel zu reisen. Doch die Bevölkerung hat derzeit anderes im Kopf. Nur 7367 Gästekarten werden verkauft.

 

Samstag, 11. November 1989, überall in der DDR Am Otto-Grotewohl-Ring in der Rostocker Südstadt startet Rainer Jarohs seinen weißen Wartburg. Auf der Rückbank sitzen Sohn Daniel und Tochter Sandy. Jarohs übernimmt das Steuer, neben ihm rutscht aufgeregt seine Frau Angelika auf dem Beifahrersitz hin und her. "Eine Wiedervereinigung hatte ich längst abgehakt", sagt Jarohs. Über Feldwege im Zickzackkurs erreicht die Familie die Grenzkontrollen bei Ratzeburg. Dort werden die Neuankömmlinge jubelnd empfangen, wildfremde Menschen werfen Geschenke durch die Autofenster. Auf dem Beifahrersitz wird Angelika Jarohs von ihren Gefühlen überwältigt und fängt an zu weinen. 

BFC-Libero Frank Rohde steht derweil an der Steglitzer Schlossstraße in Berlin und traut seinen Augen nicht. Eigentlich wollte er ein ruhiges Wochenende in einem Potsdamer Hotel verleben – aber seine Frau hat darauf beharrt, endlich einen Trip nach Westen machen zu dürfen. Er hat seinen Kindern ein Eis gekauft und beobachtet, wie seine Landsleute vom Kaufrausch erfasst werden. "Die Läden hatten überall diese Grabbelkisten aufgestellt – erschreckend, wie nun alle darüber herfielen."

 

15. November 1989, Wien Auch wenn der DDR-Verband versucht hat, die aktuellen Nachrichten von den Nationalspielern fernzuhalten – es hat nicht gereicht, um die Konzentration vollends aufrechtzuerhalten. Schon vor dem Spiel drücken sich im Quartier in Lindabrunn Spielerberater in der Hotel-Lobby herum und versuchen, mit den Sportlern ins Gespräch zu kommen. Drei Tore von Toni Polster entscheiden die Partie im Praterstadion. Rico Steinmann verschießt einen Elfmeter und fragt sich: "Hätte ich den reingemacht, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?"

Die Männer von Eduard Geyer schleichen traurig vom Platz. Während des Spiels haben sich nicht nur auf dem Rasen außergewöhnliche Dinge ereignet: Auf der VIP-Tribüne halten bereits Vertreter von Borussia Dortmund, Bayern München und Werder Bremen Ausschau nach interessanten Spielern. Leverkusen-Manager Reiner Calmund, der in Köln dem Spiel BRD gegen Wales beiwohnt, hat seine Scouts Dieter Herzog und Manfred Ziegler geschickt – und noch einen Mann, von dem »Calli« sagt: "Wenn der vorne aus der Disco rausfliegt, klettert er durchs Kellerfenster wieder rein." Wolfgang Karnath hat sich Zutritt zum Innenraum des Praterstadions verschafft. Sein Auftrag: "Bring mir die Kontaktdaten zu Ulf Kirsten, Matthias Sammer und Andreas Thom." Calmund behauptet, er habe den Scout mit einem Fotografenleibchen dort eingeschleust, Karnath selbst sagt, er sei mittels seines Sanitäterpasses aus Bundeswehrzeiten an den Ordnern vorbeigekommen.

Als Matthias Sammer in der 79. Minute für Uwe Weidemann ausgewechselt wird, sitzt neben ihm auf der Bank plötzlich ein stämmiger Mann mit buschigem Haar, den er noch nie gesehen hat. Der sagt: "Schönen Gruß von Herrn Calmund, wir wollen Sie nach Leverkusen holen. Lassen Sie uns nach dem Spiel im Hotel Lindabrunn reden." Als der Schlusspfiff ertönt, verlässt Andreas Thom mit hängendem Kopf das Spielfeld, als ihm plötzlich derselbe Mann – "einer, der wie ein Fotograf aussah" – auf die Schulter tippt. Man vertagt sich auf später an der Hotelbar.

Unter die Enttäuschung der verpassten WM-Chance mischt sich schon bald die Hoffnung auf eine neue, ganz andere Zukunft. In Lindabrunn bekommt Karnath, was er will. Die exakte Adresse von Andreas Thom in Berlin unweit der Jannowitzbrücke: Holzmarktstraße, Block, Wohnung. An den Klingeln der dortigen Plattenbauten stehen keine Namen. Calmund braucht also exakte Angaben. Auch mit Kirsten und Sammer beraumt Karnath ein Verhandlungsgespräch an.

In der Lobby des Sporthotels ist jetzt ohnehin viel los. Rico Steinmann erhält eine Nachricht von Werder-Manager Willi Lemke, ob man sich auf ein Gespräch zusammensetzen könne. Auch Rainer Ernst steht im Fokus der mehr oder weniger seriösen Leute, die sich im Mannschaftsquartier einfinden. Ernst: "Abends im Bett überlegte ich, wo mein Weg jetzt hinführt."

Jens Kirschneck

Fortsetzung Teil 2.

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