Symbolfigur mit Brüchen

Die Widersprüche des Robert Havemann. Ein Veranstaltungsbericht

Havemann mit FDJ-Mitgliedern 1951

Havemann 1951 mit FDJ-Mitgliedern © BArch, Bild 183-19000-0196

In diesem Jahr begeht die Berliner Humboldt-Universität den 200. Jahrestag ihrer Gründung – ein Grund zum Feiern und ein Anlass, auf die weniger feierlichen Aspekte der Universitätsgeschichte zurückzuschauen. Auf die enge Verbindung von Geist und Macht, die diese Hochschule im 20. Jahrhundert prägte. Am gestrigen Abend waren Zeitzeugen und Sachkundige zusammengekommen, um über einen der widersprüchlichsten Geister der Universitätsgeschichte zu sprechen – über Robert Havemann, den orthodoxen Kommunisten und späteren Vorzeigeoppositionellen der DDR.

Opulent ist die Ausstellung, die die Berliner Humboldt-Universität derzeit im Foyer des neu eröffneten Grimm-Zentrums unweit der Friedrichstraße präsentiert. 200 Jahre Universitätsgeschichte werden in margentafarbenen Kuben präsentiert – eine Geschichte, die stets von einem "Wechselspiel zwischen freier Wissenschaft und ihren politischen, finanziellen und gesellschaftlichen Bedingtheiten" geprägt war, wie es etwas umständlich auf einem der Kuben heißt. Gestern Abend nun begrüßte die Kuratorin dieser Ausstellung Ilka Thom eine überschaubare Zahl an Gästen im schmucklos-unterkühlten Auditorium der neuen Superbibliothek zu einer Veranstaltung, in der es genau um dieses Spannungsverhältnis, die Spannung zwischen Geist und Macht, die Spannung zwischen Anpassung und Widerstehen, gehen sollte. Es ist eine Debatte, die die Humboldt-Universität spätestens seit der vor einigen Wochen aufgeflammten Diskussion um die DDR-Vergangenheit ihres zukünftigen Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz mit neuer Wucht erfasst hat. An diesem Abend sollte es um einen gehen, der gemeinhin als der DDR-Oppositionelle schlechthin gilt – um Robert Havemann.

Die andere Seite Havemanns, seine Vorgeschichte als "moskautreuer Kommunist", ist jedoch bis heute weniger bekannt und wurde sowohl an der HU als auch in der Robert-Havemann-Gesellschaft lange Zeit zu wenig beachtet. Die Sehnsucht nach Symbol- und Identifikationsfiguren war groß genug, um über deren augenscheinlichen Widersprüche hinwegzusehen, wie Christian Halbrock, Wissenschaftler bei der BStU, in seinem Eröffnungsvortrag ausführte. Innerhalb der DDR-Opposition selbst wurde die kommunistische Vergangenheit Havemanns ebenfalls kaum thematisiert, ja vielen jüngeren Oppositionellen war nicht einmal bekannt, dass Havemann als "ideologischer Scharfmacher", so Halbrock weiter, in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre mit größter Härte einen linientreuen Kurs an der HU durchgesetzt hatte.

Dieser Kurs richtete sich vor allem gegen christliche Studenten. Mit großem Eifer beteiligte Havemann sich 1953 an einer Kampagne gegen die Evangelische Studentengemeinde. Eine, die diesen ideologischen Kampf am eigenen Leibe zu spüren bekam, saß an diesem Abend auf dem Podium. Christa Richter war 1953 wegen ihrer Aktivität in der Studentengemeinde dreimal in das Büro des Prorektors Havemann bestellt worden. Beim ersten Mal sei Havemann "nett und väterlich" aufgetreten und habe ihr geraten, sie solle sich von der Gemeinde distanzieren. Beim zweiten Mal sei ihr Stipendium gestrichen worden, beim dritten Mal wurde sie exmatrikuliert. Der Exmatrikulation voraus ging eine Art "Schauprozess", in dem sie und eine Handvoll anderer Studierender öffentlich abgestraft und verstoßen wurden.

Wolf Krötke, nach 1990 Professor für Theologie an der HU und zu DDR-Zeiten wegen "staatsfeindlicher Hetze" in Waldheim inhaftiert, beschrieb sachkundig und immer wieder mit einem mild-sarkastischen Lächeln über die grausame Absurdität der DDR-Diktaturgeschichte im Gesicht den Kampf, den die SED gegen die theologischen Fakultäten führte. "In den 1950er Jahren, als Havemann hier Prorektor war, ist hier an der HU der Grundstein für eine SED-hörige Lehre an der theologischen Sektion gelegt worden", so Krötke. Zugleich berichtete der Theologe von seiner Faszination für den Religionsverächter Havemann. Mehrmals habe er in den sechziger Jahren vergeblich versucht, eine der weithin berühmten Vorlesungen Havemanns zu hören. Havemann sei mit seiner Person "so etwas wie ein Hoffnungszeichen" gewesen, dass auch der Kommunismus wandlungs- und reformfähig sei, wenn er sich der Freiheit der Wissenschaft aussetze. Havemann, der "alte Dogmatiker", habe später Zivilcourage gezeigt und damit ein Gegenbeispiel zum weit verbreiteten Opportunismus abgegeben. Nicht nur die Person Havemanns, so schien es an diesem Abend, war von vielfältigen Ambivalenzen gekennzeichnet, auch die Bewunderung seiner Anhänger schien nicht frei von Widersprüchen. Ulrike Poppe, die den Abend zurückhaltend und mit genauen Fragen moderierte, wies daraufhin, dass gerade in der DDR-Opposition – im Gegensatz zu anderen Ostblock-Staaten die intellektuellen Köpfe fehlten. Schon allein deshalb sei Havemann eine herausragende Stellung zugekommen. Auch die Systemkritiker der DDR suchten nach Helden.

Die entscheidende Frage jedoch, die sich aus den Widersprüchen der Person Havemanns ergibt und die gestern Abend im Auditorium gestellt wurde, blieb ohne überzeugende Antwort: Wie lässt sich der Wandel Havemanns vom überzeugten Systemträger zum ebenso scharfen Systemkritiker erklären? Wie kam es, dass Havemann in den siebziger Jahren mit eben jenen Pfarrern gemeinsame Sache machte, deren Glauben er einige Jahre zuvor noch aufs Schärfste angegriffen hatte? Christa Richter jedenfalls bezweifelte, dass der Stalinist Havemann tatsächlich durch die Ereignisse des Jahres 1956 – die Chruschtschow-Rede über Stalins Verbrechen und den Aufstand in Ungarn – zum Oppositionellen wurde. Noch immer sei das Bild Havemanns in der Öffentlichkeit viel zu positiv. Eine Schule nach Havemann zu benennen, wie es vor einigen Jahren im Berliner Stadtteil Karow geschah, halte sie immer noch nicht für richtig. "Dafür bräuchte man einen geradlinigeren Menschen." Geradlinig war Havemann auch – nur immer wieder auf neuen Wegen.

Andreas Stirn

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