Staatsziel: Medaillen

Ein Buch über den deutsch-deutschen Sportwettstreit

Wir gegen uns

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Der illustrierte Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung "Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland" zeigt in elf Beiträgen die 40 Jahre Mit- und Gegeneinander im deutsch-deutschen Sport und spart dunkle Kapitel wie Doping oder die politische Vereinnahmung des Sports in Ost und West nicht aus.

Das Buch verfolgt die sportlichen Entwicklungen in der Bundesrepublik und der DDR. Der thematische Bogen und die Bandbreite der Beiträge, die durch Zeitzeugen-Interviews ergänzt werden, sind vielfältig: es geht neben den Neuanfängen des Sports nach 1945 über den Kalten Krieg und die Instrumentalisierung der Olympischen Spiele hin zu Doping, Stasi und den Sport im wiedervereinigten Deutschland.

Dabei wird die politische Bedeutung des Leistungssports schon im Vorwort von Hans Walter Hütter hervorgehoben. Der Sport als ein "Schauplatz des Ost-West-Konflikts und seine politische Instrumentalisierung im Wettstreit der Systeme" zeige sowohl die Unterschiede und Entfremdungen zwischen den beiden deutschen Teilstaaten als auch immer wieder zahlreiche Kontinuitäten und Gemeinsamkeiten trotz unterschiedlicher Voraussetzungen.

Der Spitzensport wurde ab Mitte der 1960er Jahre in Ost und West verstärkt gefördert, doch unter dem Diktat der SED galt der Sport zu keinem Zeitpunkt als politisch neutrales Feld. Für die DDR waren Medaillen bei internationalen Wettkämpfen ein großer Prestigegewinn im Vergleich der beiden Systeme. In der Bundesrepublik waren die Anfänge des Sports zunächst von der deutlichen Abgrenzung zur politischen Überhöhung im Nationalsozialismus als auch von der Abgrenzung zum Staatssport der DDR geprägt.

Doch die massive Förderung des DDR-Spitzensports und seine beeindruckenden Erfolge galten spätestens nach den Olympischen Spielen in München 1972, als die DDR im Medaillenspiegel den dritten Rang vor der BRD erreichte, vielen als nachahmenswert. Die Orientierung am "Sportwunderland DDR" machte auch vor der Übernahme von Dopingpraktiken nicht halt. Nur mit dem Unterschied, dass Doping in der BRD durch den Markt reguliert wurde und nicht staatlich verordnet war.

Mit Doping in Ost und West setzt sich der Beitrag von Herbert Fischer-Solms und das anschließende Interview mit Ines Geipel auseinander. Geipel, ehemalige Weltklassesprinterin der DDR-Nationalmannschaft, deren Weltrekordzeit über 4x100-Meter noch immer nicht erreicht oder unterboten wurde, gab im Kampf gegen Doping diesen Staffelweltrekord zurück, da er nur unter unfreiwilliger Einbindung in das DDR-Dopingsystem zustande gekommen sei.

Auch der westdeutsche Sport war ab den 1970er Jahren im Doping-Zeitalter angekommen und nutzte Kenntnisse, die zum Teil aus der DDR geflüchtete Sportwissenschaftler mitbrachten.

Trotz dieser Schattenseiten bildete der Sport eine Brücke zwischen den beiden Systemen, zumal neben den politischen Zwistigkeiten eine gemeinsame Kultur- und Mentalitätsgeschichte bestand. So werden im Ausstellungsband den Olympischen Spielen und dem Fußball eigene Kapitel gewidmet, da sie, anders als die Friedensfahrt und die Turn- und Sportfeste, die unmittelbare Begegnung der beiden rivalisierenden deutschen Mannschaften zuließen.

Und während 1974, in der Zeit des Kalten Krieges, als Erich Honecker die internationale Anerkennung der DDR erreichen wollte, auf staatliche Souveränität pochte und das Aufeinandertreffen der beiden Nationalmannschaften bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 im Hamburger Volksparkstadium als Kampf der Systeme symbolhaft übersteigern ließ, setzte in der Bundesrepublik Willy Brandt offiziell auf eine Politik der Entspannung und innerdeutsche Annäherung. Im Bereich des Sports jedoch konnten solche Konflikte (teilweise) ausgetragen werden. Dennoch blieb es bis 1989 ein schmaler Grat, auf dem man miteinander verhandelte.

Mit dem Blick auf die Wiedervereinigung erinnert das Buch an erste gesamtdeutsche Erfolge, es zeigt aber auch die Probleme beim Zusammenwachsen von Ost und West auf, als es auch darum ging, zwei gänzlich unterschiedliche Sportsysteme miteinander zu vereinigen.

Heute gehören zu den vorherrschenden Wesensmerkmalen des gesamtdeutschen Sports der immer wieder von schweren Rückschlägen gekennzeichnete Kampf gegen Doping. Geprägt ist er auch von der zunehmenden Präsenz in den Medien, der deutlich gestiegenen Einflussnahme von Wirtschaftsunternehmen und der damit verbundenen Kommerzialisierung. Unpolitisch ist der Sport nicht geworden. Und der 1990 einsetzende Streit um das DDR-Erbe im Sport hält bis in die Gegenwart an.

Die Ausstellung "Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland", bisher im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zu sehen, wird vom 12.5 bis 10.10.2010 im Haus der Geschichte in Bonn gezeigt.

Ellen Koth

Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland. Hg. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Primus-Verlag, Darmstadt 2009, 160 S. mit 140 meist farb. Abb., 24,90 €, ISBN 978-3-89678-818-4

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Kommentare

Andreas Schumann    (23.06.2010 09:39h)
Eine tolle Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig (das übrigens immer eine Reise wert ist) und ein sehr gutes Buch dazu. Glückwunsch an Prof. Eckert und sein Team.

Highlights

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