Ausgemauert

Im Juni 1990 begann der Abriss der Berliner Mauer

Abbau der Grenzen © Vivao Pictures/flickr

Abbau der Grenzen © Vivao Pictures/flickr

Wer heute in Berlin nach der Mauer sucht wird nicht mehr viel finden. Orte, die die Realität der geteilten Stadt authentisch vermitteln, gibt es nicht mehr. Dass die trennende Betonwand, die die Entwicklung Berlins über fast 30 Jahre so entscheidend geprägt hat, nahezu komplett verschwunden ist, ist trotz ihrer traurigen Geschichte und monströsen Gestalt nur schwer zu verstehen. Doch als man dem Ungetüm 1990 mit schwerem Gerät zu Leibe rückte, interessierte sich die Öffentlichkeit mehr für die noch offene Zukunft des wieder zusammenwachsenden Landes als für seine jüngste Vergangenheit. So wurden Fakten geschaffen noch bevor der Denkmalschutz dem Kahlschlag wirksame Grenzen setzen konnte.

Wer in den 90er Jahren regelmäßig mit der S-Bahn zwischen Bornholmer Straße und Wollankstraße unterwegs war, konnte sie noch eine ganze Weile lang sehen: auf dem dreieckigen Areal im früheren Grenzgebiet zwischen Nordbahn und Stettiner Bahn wurden Teile der Mauer gelagert und Stück für Stück kleingehexelt. Etwas weiter im Norden, zwischen den Bahnhöfen Wilhelmsruh und Wittenau, stand sogar noch ein recht langes Stück als Fabrikmauer des früheren VEB Bergmann-Borsig, der auf Pankower Seite direkt an der Grenze zu Reinickendorf, also zu West-Berlin, lag. Dann jedoch verschwand auch dieser Mauerabschnitt und wurde durch einen simplen Zaun ersetzt, der nun das Industriegelände nach Westen hin abgrenzte. Andernorts war die Mauer zu diesem Zeitpunkt schon fast vollkommen verschwunden. Der Abriss war mit unglaublicher Geschwindigkeit vonstatten gegangen.

Schon unmittelbar nach dem 9. November 1989 hatte die Mauer in Form zahlreicher neuer Grenzübergänge einige Lücken erhalten. Außerdem hackten, nachdem das martialische Bauwerk seine abschreckende Wirkung verloren hatte, sofort die berüchtigten "Mauerspechte" auf ihm herum. Sie konzentrierten sich allerdings vor allem auf den Innenstadtbereich. In den abgelegenen Außenbezirken tat sich an der Mauer auch nach dem 9. November zunächst einmal nichts. Dass sich auch hier bald alles ändern würde, war nun zwar abzusehen, aber noch immer nicht recht vorstellbar. Selbst der Dienst der Grenzer schien zunächst wie gewohnt weiterzugehen, obgleich es kaum noch einen Sinn haben konnte, eine Grenze abzuriegeln und zu bewachen, die an anderer Stelle bereits offen war, auch wenn an den Grenzübergängen noch immer eine gewisse Kontrolle stattfand. Nachdem Ende Dezember 1989 der Visumszwang für West-Berliner und Westdeutsche, die in die DDR einreisen wollten, abgeschafft worden war, hatte die Mauer ihre Funktion, die Menschen in Ost und West voneinander zu trennen, endgültig verloren. Doch noch immer war der Großteil der Straßenverbindungen zwischen beiden Teilen der Stadt durch sie gesperrt, erhob sie sich über Straßen, Wege und Plätze hinweg und behinderte den neu anschwellenden Verkehr zwischen Ost und West.

Diese unübersehbare Widersinnigkeit veranlasste denn auch die DDR-Regierung unter Hans Modrow, in Übereinstimmung mit dem Berliner Magistrat am 29. Dezember 1989 den Abriss des gigantischen Bauwerks zu beschließen. Widerspruch oder nennenswerte Einwände dagegen scheint es nicht gegeben zu haben. Die von der SED so oft und so schwülstig als "antifaschistischer Schutzwall" bejubelte Betonwand hatte offenbar keine Freunde mehr. Man darf getrost vermuten, dass so manch einer, der die Mauer über Jahre hinweg verteidigt und gerechtfertigt hatte, nun vor allem auf ihr schnelles und möglichst vollständiges Verschwinden hoffte, um hier nicht ein Mahnmal gegen den gescheiterten Realsozialismus und sein martialisches Grenzregime entstehen zu lassen. Doch wer so dachte befand sich durchaus im Konsens mit der Mehrheitsmeinung der Berliner in beiden Teilen der Stadt, die die hässliche Betonwand zwischen ihnen, die man ihnen einst ungefragt vor die Nase gesetzt hatte, nun endlich loswerden wollten. Obwohl sich viele Menschen vor allem in West-Berlin über die vielen Jahre hinweg durchaus an die große Trennwand gewöhnt hatten, und sie ihnen schon fast selbstverständlich geworden war, waren auch sie froh, als ihr nunmehr zu Leibe gerückt wurde. Zwischen früheren Mauerfreunden, Mauerhassern und Gleichgültigen entstand ein ungewohnter Konsens: das Ding musste weg! Die Frage nach dem Erhalt längerer Teilstücke im Originalzustand als Dokumente der Teilung stellten zunächst nur wenige. Wichtiger als die gerade erst abgeschüttelte jüngste Vergangenheit erschienen jetzt die offenen Fragen der noch unklaren Zukunft des wieder zusammenwachsenden Landes.

Und noch etwas anderes mag die DDR-Regierung in ihrem Abrisseifer ein wenig beflügelt haben: die Mauer, die seit ihrer Existenz vor allem für Negativschlagzeilen und sonstige schlechte Presse gesorgt hatte, erfreute sich in abgerissener Form plötzlich erstaunlicher Beliebtheit und brachte Devisen ein. Die abgebauten Mauersegmente ließen sich bestens verkaufen. Aus aller Welt kamen jetzt Anfragen nach Restbeständen des Eisernen Vorhangs, der von einem Symbol der Teilung und der Konfrontation zu einem Symbol der Wiedervereinigung und des Friedens geworden war. Schon im Dezember 1989 florierte das Weihnachtsgeschäft mit den Mauersegmenten, die den neu geschaffenen Grenzübergängen gewichen waren. Doch auch dort, wo keine neuen Übergänge mehr entstehen würden, sollte sich nun bald Geld aus Beton machen lassen. Der DDR-Außenhandelsbetrieb LIMEX-Bau-Export-Import wurde mit dem Verkauf der Segmente und der Vermarktung wiederverwendungsfähiger Materialien beauftragt.

Der Komplettabriss des riesigen Bauwerks sowie der der Grenzanlagen zwischen der DDR und Westdeutschland erschien allerdings zunächst als eine kaum zu bewältigende Aufgabe, die möglicherweise mehrere Jahre in Anspruch nehmen würde. Kein Abrissunternehmen würde einer solchen Herausforderung gewachsen sein. So wurde beschlossen, dass diejenigen die Mauer abreißen sollten, die sie jahrzehntelang bewacht hatten: die DDR-Grenztruppen. Als dann nach der ersten und letzten demokratischen Volkskammerwahl vom 18. März 1990 die neue DDR-Regierung unter Lothar de Maizière ihre Amtsgeschäfte aufnahm, ging die Zuständigkeit für den Mauerabrisses an den neuen Minister für Abrüstung und Verteidigung, Rainer Eppelmann, über. Notwendig war nun u.a. die Demontage von Sperrelementen, Beobachtungstürmen, Führungsstellen, Kfz-Sperrgräben, Stacheldraht und des Grenzsignalzauns.

Der offizielle Beginn des Mauerabrisses fand schließlich am 13. Juni 1990 in der symbolträchtigen Bernauer Straße statt, wenige Tage vor Inkrafttreten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, mit der die Kontrollen an den Grenzen zu Westdeutschland und zu West-Berlin endgültig wegfielen. Die Abrissarbeiten gingen sehr viel schneller voran als zunächst erwartet. Schon im November 1990 war der Abriss im innerstädischen Bereich abgeschlossen, nur ganz wenige Teilstücke waren erhalten geblieben. Die erhaltenen Teilstücke an der Bernauer Straße, der Niederkirchnerstraße sowie am Osthafen ("East Side Gallery") wurden nun unter Denkmalschutz gestellt, allerdings war man auch im nun denkmalgeschützten Bereich in der Bernauer Straße durch einen vom Magistrat nicht beabsichtigten Teilabriss den beschlossenen Schutzmaßnahmen zuvorgekommen. Der Abriss der Mauer und Grenzanlagen zwischen West-Berlin und dem nunmehr wiedererstandenen Land Brandenburg dauerte indes noch bis Ende 1991 fort.

Erst als die Mauer verschwunden war, wurde ganz erkennbar, wie prägend sie über die vielen Jahre gewesen war. Viele Berliner, vor allem viele West-Berliner, hatten sie in der langen Zeit schon ganz vergessen, so wie man Dinge vergisst, die man täglich sieht. Erst durch ihre Öffnung und schließlich ihr Verschwinden drang sie wieder voll ins Bewusstsein der Menschen. Dort wo sie gestanden hatte war nun ein seltsames Nichts. Und so wie es den Menschen in den Wochen nach dem 13. August 1961 merkwürdig erschienen war, wie sich nun auf ehedem freien Straßen und Plätzen zunächst Stacheldraht und dann Stein für Stein eine ungewohnte und unüberwindliche Mauer erhob, die allem ein neues Gesicht gab, so merkwürdig waren die Menschen nun berührt, als der gewohnte Anblick der bekannten Betonwand plötzlich verschwunden und einer unverhofften Weitsicht gewichen war. Erst jetzt wurde deutlich, wie lang diese 28 Jahre gewesen waren, wie sehr man sich doch an das gewöhnt hatte, an das man sich nicht hatte gewöhnen wollen.

So wie die Straßen und Plätze den Menschen 1961 plötzlich verändert und verfremdet erschienen waren, so verändert und verfremdet erschienen sie ihnen nun erneut, als sie zum Teil ihre alte Gestalt wiedererlangten. Gleichzeitig wurde deutlich, wie sehr die beiden Stadthälften, die schon in den 15 Jahren vor dem Mauerbau unter ihren verschiedenen Besatzungsmächten sehr unterschiedliche Wege gegangen waren, sich seit Errichtung der gigantischen Trennwand weiter auseinander entwickelt hatten. Vor allem West-Berlin war in vielem anders geworden, doch auch der Osten hatte sich in den Jahren gewandelt. Und auch die Menschen selbst hatten sich verändert. Wer damals jung gewesen war, war nun im mittleren Alter, wer damals schon etwas älter gewesen war, war nun alt. Ein ganzer Generationswechsel hatte stattgefunden, Menschen mit anderen Erfahrungen, Ansichten und Vorstellungen bestimmten nun die Stimmung in der Stadt. Viele waren erst in der Zwischenzeit nach Berlin gezogen oder dort geboren worden. Sie sahen Berlin nun zum ersten Mal ohne Mauer, und der Anblick war ungewohnt. Er war eine Freude und ein Befremden. So lang waren die Jahre gewesen.

Doch auch dieser Zustand hielt nicht lange an. Wie immer zeigte sich bald, dass die Gegenwart das Denken der meisten Menschen beherrscht, und dass die Erinnerung an das Vergangene in erstaunlicher Weise verblasst. Nach dem 13. August 1961 hatten die Menschen geglaubt, dass der Spuk an der Sektorengrenze schon bald wieder vorbei sein würde, denn dass eine Mauer quer durch eine pulsierende Stadt gezogen auf Dauer Bestand haben könnte, dass erschien ihnen unvorstellbar. Doch die Trennung hielt an, und nach nur wenigen Jahren war es umgekehrt: Unvorstellbar war es den Menschen nun, dass die trennende Wand alsbald wieder verschwinden könnte. Als sie dann aber nach langer Zeit doch plötzlich wieder verschwand, da dauerte es erneut nur wenige Jahre, und es erschien den Menschen schier unvorstellbar, dass sie hier überhaupt mal gestanden hatte, und dass sie unter etwas anderen Umständen nicht gefallen wäre und noch immer hier stehen würde. Und so erscheint das, was über Jahre hin Alltag und unabänderliche Realität war, heute vielen Menschen wieder – wie im August 1961 – unglaublich und unvorstellbar.

Florian Giese

 

Ein guter Überblick über das Verschwinden der Mauer findet sich in:

Gerhard Sälter: Mauerreste in Berlin. Der Abbau der Berliner Mauer und noch sichtbare Reste in der Berliner Innenstadt, herausgegeben vom Verein Berliner Mauer Gedenkstätte und Dokumentationszentrum, Berlin 2007.

Weitere Einzelheiten zum Mauerabriss bietet ferner die Homepage

www.chronik-der-mauer.de

Beachtenswert sind dort u.a. folgende Quellen:

Schreiben des Chefs der Grenztruppen an den Minister für Abrüstung und Verteidigung, 27. April 1990

DDR-Grenztruppen, Liste der vom 12. bis 21. Juni 1990 neu eröffneten Straßenübergänge zu West-Berlin

Schreiben von Oberst Günter Leo, Grenzkommando Mitte, an den Ost-Berliner Oberbürgermeister Tino Schwierzina zum Stand des Abbaus der Grenzsicherungsanlagen, 27. Juli 1990

Zurück

Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte