Anschreiben gegen "Dolchstöße"

Der Ex-Finanzminister von Sachsen-Anhalt, Karl-Heinz Paqué, zieht Bilanz

Paqué, Die Bilanz

Paqué, Die Bilanz © Carl Hanser Verlag

Bilanzen zur Wiedervereinigung erfreuen sich einer ungebremsten Konjunktur – Weltwirtschaftskrise hin oder her. Genre und Autorenkreis sind mittlerweile kaum noch überschaubar. Helmut Schmidt, Wolfgang Herles, Uwe Müller oder Jens Bisky schlagen so ihre Bögen über politische, gesellschaftliche, kulturelle hin zu ökonomischen Nabelschauen der Wiedervereinigung, die zumeist zwischen persönlichem Erinnern, abstrakter Wissenschaftlichkeit oder unverhohlenem Populismus changieren.

Bilanz meint, bezogen auf die Wiedervereinigung, Abrechnung im Wortsinn: Endlose Kaskaden von Zahlen, Statistikkanonaden im Superlativ. Über Lagergrenzen hinweg herrscht Einigkeit: Es geht um etwas ganz Großes, historisch Einmaliges – den Übergang vom Plan zum Markt mit all seinen Krisenmomenten und Enttäuschungen. Bilanzen zur Wiedervereinigung sind aus diesem Grunde als zeitgenössische Deutungsangebote zur unmittelbaren Vorgeschichte der Gegenwart immer auch eminent politische Traktate. Einen abermaligen Versuch, die Einheit aus genuin ökonomischer Perspektive zu beschreiben, hat Karl-Heinz Paqué in seinem 2009 im Hanser-Verlag erschienenen Buch Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der Deutschen Einheit unternommen.

Dieses Unterfangen ist allein vom Biographischen her interessant: Der Autor ist Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Politik sowie Ost und West. 1996 übernahm der gebürtige Saarländer Paqué einen volkswirtschaftlichen Lehrstuhl an der Universität Magdeburg, von 2002 bis 2006 amtierte er für die FDP als Finanzminister einer christliberalen Koalition in Sachsen-Anhalt. Paqué schreibt nicht aus gemütlicher Distanz über den "Aufbau Ost", wie viele altbundesrepublikanische Fachkollegen. Er war (und ist) als Politpraktiker, Forscher und Zeitzeuge mittendrin.

Thematisch bewegt sich das Buch in durchaus gewohnten Bahnen: Paqué legt sich auf knapp 250 Seiten die nachgerade klassischen Hauptfragen der ökonomischen Transformation zur Erörterung vor. Die wirtschaftshistorischen Themenkomplexe handelt der Autor in den ersten beiden Kapiteln ab. Der erste Abschnitt beschreibt das "Schwierige Erbe" der Ostwirtschaft. Hier analysiert der Autor die verbreiteten "Illusionen" in West und Ost über den  Zustand der Planwirtschaft im Jahr 1990 und kritisiert den allseitigen Glauben an die "Machbarkeit" eines zügigen Umbaus in Form der Angleichung als "großen Irrtum" (S. 2). Das zweite Kapitel ist mit "Schneller Start" überschrieben und behandelt die erste Phase des Wirtschaftsumbaus in den frühen 1990er Jahren: Über Währungsunion (weitgehend alternativlos) und Treuhandanstalt (besser als ihr Ruf) arbeitet sich Paqué zu offenen Vermögensfragen (volkswirtschaftlich nebensächlich) vor. Das hat man alles schon mal irgendwo gelesen.

Im dritten Kapitel "Forcierte Entwicklung" konzentriert sich der Verfasser auf die längerfristigen Entwicklungsdynamiken in der ostdeutschen Ökonomie seit Mitte der 1990er Jahre. Es geht um regionale Wirtschaftsförderung, Bauboom und Sozialtransfers. Diese sensiblen Themen werden dabei betont nüchtern und differenziert abgehandelt – viel Licht und viel Schatten. Im vierten Kapitel widmet sich Paqué dem "Industriellen Neuanfang", dem Herzstück eines ostdeutschen Wiederaufbaus, wenn man dem Verfasser folgen mag: Ohne einen innovativen industriellen "Motor" fehle es der Ostwirtschaft trotz aller Fortschritte im Dienstleistungs- und Niedriglohnbereich an Antriebskräften für eine selbsttragende regionale Wirtschaftsstruktur, der Osten bliebe eine "verlängerte Werkbank" des Westens.

Im letzten Kapitel stellt sich der Autor die große Frage nach dem "Wert" der Einheit. Hier bleibt Paqué ganz akademischer Volkswirt und setzt den in dunkelsten Farben gehaltenen Katastrophenbilanzen zum "Milliardengrab" jenseits der Elbe ein versöhnlich differenziertes Bild entgegen, dass die Aufbauerfolge im Vergleich zu den anderen mittelosteuropäischen Transformationsländern herausarbeitet. Die oft kritisierten Transfermilliarden haben, so Paqué, zu durchaus "respektablen Ergebnissen" geführt (S. 206) – mehr sei unter den gegebenen Umständen einer sich globalisierenden Wirtschaftswelt kaum möglich gewesen. Eindringlich streicht Paqué hier das schwerwiegende "Erbe" der Planwirtschaft heraus, die bei einer Diskussion um den "Aufbau Ost" als Ausgangspunkt zu selten mitgedacht werde.

Genretypisch versorgt der Autor seine Leser nicht nur mit Diagnosen, sondern liefert freilich auch die politischen Rezepte zu deren Linderung mit. Hier wartet der Verfasser mit einem merkwürdig aus der (Krisen-)Zeit gefallenen liberalen Politallerei auf, das über Deregulierung, Bürokratieabbau, Föderalismusreform, öffentlichen Personalabbau sowie industrieller Innovationsförderung kaum hinausgeht. Auch die Forderung, sich aus der "starren Orientierung“ (S. 237) auf "den Westen" zu lösen und offensiv mit den neuen Stärken "des Ostens" (hohe Flexibilität, gute Infrastruktur) zu werben, dürfte mittlerweile zum Standardrepertoire zu zählen sein. In dieser Hinsicht also im Osten beunruhigend wenig Neues.

In einigen Abschnitten bleibt Paqué ganz Wissenschaftler – er zweifelt an, ist bemüht zu verstehen, will gleichsam erklären. Sein Ziel: Anschreiben gegen dräuende "Dolchstoßlegenden" (S. 228), schillernde Geschichtsmythen und atemberaubende Räuberpistolen der Wendezeit. "Wirtschaftsferne" linke Intellektuelle wie Günter Grass haben es Paqué dabei besonders angetan (S. 207). Hier vermengen sich Wissenschaft und Politik, auch das ist durchaus typisch. In der Folge erscheint bei Paqué Vieles am krisenhaften Wirtschaftsumbau nach 1990 alternativlos, "natürlich", pragmatisch – bei allem Verständnis für die Enttäuschungen in der ostdeutschen Bevölkerung, die auch in diesem Buch eher als verstörter Zaungast der Weltgeschichte verharrt: Ein wenig Frust über verkannte Lebensleistungen hier, ein bisschen regionaler Ingenieursstolz und verflossenes Unternehmertum dort. Es ist viel zwar über Migration, Qualifikation und Demographie die Rede, wenig aber über handelnde Menschen. Hier bleibt die von Paqué gewählte makroökonomische Vogelperspektive unscharf und grobkörnig.

Im Großen und Ganzen ist Die Bilanz ein stilistisch ansprechendes Buch. Teils schwungvoll, eingängig, meist lesbar auch für Nichtökonomen. Insbesondere das erfrischend journalistisch gehaltene Dutzend an zweiseitigen "Einwürfen" mit kleinen, oft hoffnungsfrohen Anekdoten zum Wirtschaftsumbau sticht hier ins Auge. Doch auch Paqué kann sich dem Charme der wuchtigen Zahlenketten, zackigen Graphen und trendigen Theorien und Begriffe nicht entziehen. Manchmal treten politische Praxis und wissenschaftliche Theorie in einen fruchtbaren Dialog: Während der einstige Finanzminister mit schwindelerregender Verve die "Kosten der Einheit" zusammenaddiert, wendet der vorsichtige Volkswirt ein, dass derlei statistisches Milliardenjonglieren immer auf "außerordentlich sandigem Grund" erfolge und nicht mehr als eine "grobe Orientierung" liefere (S. 191). Während Paqué im Buch durchaus als Politiker und Wissenschaftler auftritt, vermisst man explizit autobiographische Elemente oder Anekdoten des Grenzgängers, die das Buch zwar aus dem Mainstream herausgehoben, aber vermutlich den (populär)wissenschaftlichen Charakter des Buchs konterkariert hätten.

Wo lag nun, nach Paqués Bilanz, der Kardinalfehler beim gar nicht so desaströsen Wirtschaftsumbau Ost? Der Autor kritisiert die in der frühen Wendezeit verbreiteten einseitigen Modernisierungsvorstellungen, die lediglich eine physische Anpassung des Ostens an Weststandards zum Ziel hatten. Der langfristig wirksame "Flurschaden des Sozialismus" (S. 208) habe sich aber mitnichten allein materiell in abgewirtschafteten, ineffizienten Fabriken mit ihren hoffnungslos veralteten Produkten bemerkbar gemacht. Vielmehr habe die 40jährige Herrschaft der Planungsbürokratie das für Paqué essentielle Band zwischen technischem Fortschritt und freien Unternehmertun in den Köpfen der Menschen gewaltsam gekappt, das kreative ökonomische Denken im Osten veröden lassen. Hierin steckt wohl eine der interessantesten Diagnosen des Autors: Durch massive West-Ost-Transfers konnte der "Aufbau Ost" Staatlichkeit, Straßen und Städte zwar in Windeseile materiell erneuern, aber den langfristigen mentalen Folgen des Plandiktats in den Köpfen war so nicht beikommen: Gelebte Freiheit lässt sich nicht einfach über Nacht verordnen oder transferieren. Eine These, über die sich durchaus diskutieren ließe.

Marcus Böick

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