Abgewirtschaftet

Warum die Planwirtschaft zusammenbrach und es keine Alternative zur schnellen Währungsunion gab

Chemiekombinat Buna

Chemiekombinat Buna 1950 © BArch, Bild 183-S94784

Schon die Annahme, die Planwirtschaft sei zusammengebrochen, entspringt einem bestimmten Deutungsmuster – dass die DDR an ihren inneren Widersprüchen und Unzulänglichkeiten zerbrach und die Revolution der Massen nur erfolgreich sein konnte, weil die Strukturen des Systems längst marode geworden waren. Einer dieser maroden Stützpfeiler war das planwirtschaftliche System. In der vergangenen Woche waren Wirtschaftswissenschaftler und zeitgenössische Entscheidungsträger zusammengekommen, um über den "Kollaps der Planwirtschaft" und die Herstellung der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zu sprechen. Eine Diskussion kam nur selten zustande – zu einig war man sich in den Kernfragen des Abends.

Eingangs skizzierte der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser an diesem 26. Mai seine Sicht auf das Scheitern der ostdeutschen Planwirtschaft. Dem voraus schickte er eine salvatorische Klausel, wonach die "Fokussierung auf die Wirtschaft vielleicht irreführend" sei. Nicht allein die ökonomischen Gründe seien verantwortlich für den Zusammenbruch der DDR gewesen. Aber um genau diesen wirtschaftlichen Aspekt der Revolutionsgeschichte sollte es an diesem Abend in der Deutschen Kreditbank im noblen Zentrum des Berliner Ostens Nahe der Friedrichstraße gehen.

Abelshauser zufolge hatte die DDR der Anziehungskraft des Westens nicht genug entgegenzusetzen. Und der Westen wiederum setzte ganz bewusst auf den zersetzenden Effekt seiner materiellen Anziehungskraft. Der permanente Druck habe die DDR unter fortwährenden "Stress" gesetzt. Nicht die ungleichen Ausgangsbedingungen in beiden Teilen Deutschlands nach Kriegsende hätten den Ausschlag für das Scheitern der DDR gegeben, widersprach Abelshauser einer immer wieder gehörten Legende, sondern die schon bei ihrer Einführung veraltete Variante der Planwirtschaft. Hinzu sei die systematische, nicht zuletzt ideologisch motivierte Verdrängung des Mittelstandes und damit die Zerstörung eines tragenden Pfeilers der Ökonomie gekommen. Alle Versuche, die träge und ineffektive Planwirtschaft zu optimieren, seien am Primat des Politischen gescheitert. Honecker habe schließlich die DDR mit seinem Modell der konsumgestützten "Bedürfnisbefriedigung" vollends abgewirtschaftet.

Aus Potsdam war André Steiner, ein weiterer Wirtschaftshistoriker, angereist, der in Ergänzung des Eingangsreferates den krisenhaften Zustand der DDR-Wirtschaft Ende der achtziger Jahre skizierte. Der Substanzverlust der Volkswirtschaft, die "immensen Versorgungslücken" und die Verschuldungskrise waren unübersehbare Krisensymptome. Gleichwohl sei die DDR im Herbst 1989 nicht bankrott gewesen. Klar war jedoch, dass sie über kurz oder lang bankrottgehen würde, da Kredite aufgrund der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit nicht abbezahlt werden konnten.

Richard Schröder, Theologe, SPD-Abgeordneter in der letzten Volkskammer und nach eigenem Bekunden kein Wirtschaftsfachmann, bestätigte aus eigener Erfahrung die von Werner Abelshauser eingangs erwähnte Verführungs- und Anziehungskraft des Westens, der die DDR mit den Intershops Tor und Tür geöffnet habe. "Dort konnte man sehen, was die DDR nicht zustande kriegt." Regelmäßig fuhr der Theologe durch die Gegend um Bitterfeld, wo er den desaströsen Zustand der Industriebetriebe in geradezu apokalyptischer Weise vorgeführt bekam. "Es sah aus wie eine Industriebrache, nur dass ab und zu Dampf aus Löchern aufstieg, wo er nicht aufsteigen sollte."

Auf dem Podium war man sich nach dieser Bestandsaufnahme weitgehend einig: Die Planwirtschaft musste aufgrund der ihr inhärenten Ineffizienz scheitern; eine Alternative zum schnellen Vollzug der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion gab es nicht. Allenfalls über Details, so André Steiner, hätte man streiten können. Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker aus Frankfurt/Main, zufolge hatte die DDR, als sie einmal ins Strudeln gekommen war, keine Überlebenschance mehr. Die Zeichen des Zerfalls seien im Westen, der von einer "Kultur des Nichtwissenwollens" geprägt gewesen sei, lange übersehen worden. Die Existenz der DDR galt dort als Selbstverständlichkeit – auch ihrer zahlreichen sportlichen Erfolge wegen, so Plumpes ironische Anmerkung. Das schnelle Ende des SED-Staates habe ihn, der sich in den siebziger Jahren den westdeutschen Linken zurechnete, überrascht.

Unterstützung bekam Plumpe von Thilo Sarrazin, der sich gerne als "Trumpf-As von Horst Köhler" vorstellen ließ. "Für die DDR hat sich in der Bundesrepublik vor 1989 keiner interessiert." Als Beamter im Bundesfinanzministerium war Sarrazin dem späteren Bundespräsidenten und damaligen Finanzfachmann Köhler untergeordnet. Tatsächlich aber, so ließ Sarrazin in gewohnt unbescheidener Weise durchblicken, habe er die Weichen für die Währungsunion im Juli 1990 fast ganz alleine gestellt. "Ich habe oft überlegt, was passiert wäre ohne mich", ließ er sich – mit einem Anflug von Selbstironie? – vernehmen. Kurz nach dem Mauerfall sei dem Finanzfachmann klar gewesen, dass akuter Handlungsbedarf bestand. Eine Zukunft für die DDR sah er zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Denn bei fortwährender staatlicher Teilung und offenen Grenzen, so Sarrazins nicht ganz falsche Annahme, wären DDR-Bürger in Massen in den Westen übergesiedelt bzw. hätten dort staatliche Zuwendungen beantragt. "Irgendwann würde der größere Teil der DDR bei uns sitzen", so Sarrazins damalige Überlegung. Eine Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft, die das verhindert hätte, sei indes aus politischen Gründen keine Option gewesen. Trocken rekapitulierte Sarrazin die Gedankengänge im Bonner Kanzleramt: "Wenn man schon zahlte, musste man auch die Richtung bestimmen." Tempo und Ausgestaltung der Wiedervereinigung seien von Westen aus vorgegeben worden, auch, um der ex-SED keine Erholungspause und den Anhängern eines "dritten Weges" keine Chance zu geben, so Sarrazin in geradezu brutaler Offenheit.

Richard Schröder bestätigte aus DDR-Perspektive, dass das Tempo der Vereinigung die ostdeutschen Parlamentarier überfordert habe. "Wir mussten mit der Währungsunion schneller vorankommen, als wir eigentlich arbeitsfähig waren." Zu umfangreichen Modifikationen an dem in Bonn ausgearbeiteten Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion sei die DDR-Seite nicht in der Lage gewesen.

Es kam, wie es kommen musste – so die geradezu ermüdend einhellige Ansicht der Podiumsteilnehmer. Und wie es kam, war es gut. Allen Härten zum Trotz. Die Wirtschafts- und Währungsunion habe der Planwirtschaft zwar den schnellen Todesstoß versetzt, aber dieser sei ohnehin unvermeidlich gewesen und habe eine langes Siechtum verhindert. Die DDR-Volkswirtschaft sei, so Thilo Sarrazin, "gar nichts wert" gewesen. Folglich konnte die Treuhand keine Werte vernichten. Wer das anders sehe, sei einer Legende aufgesessen.

Statt Kontroversen erlebte das Publikum im Atrium der Kreditbank eine harmonische Plauderei und weitgehende Einigkeit in der Bewertung der historischen Vorgänge.  Eine mit mehr Mut zur Konfrontation vorgenommene Auswahl der Gäste hätte der Diskussion und möglicherweise auch dem Erkenntnisgewinn gut getan. Einzig der Bielefelder Professor Abelshauser, der nach seinem Vortrag still im Auditorium verharrt hatte, brachte noch einmal Schwung in die Runde als er ans Rednerpult zurückeilte, um mitzuteilen, dass es doch eine Alternative zur rigorosen "Abwicklung" der DDR-Wirtschaft gegeben habe. Leider könne er dies nicht beweisen. Somit blieb die vom Publikum mit Beifall bedachte Attacke gegen den Podiumsmainstream im Ansatz stecken. Schade eigentlich.

Andreas Stirn

Eine Aufzeichnung der Diskussion ist demnächst bei Phoenix zu sehen. Ein Sendetermin steht noch nicht fest.

Zurück

Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte