Der Kanzler und sein Präsident

Helmut Kohls 80. und Richard von Weizsäckers 90. Geburtstag im Spiegel der Presse

Presseschau

Presseschau zum Doppelgeburtstag von Weizsäcker und Kohl im April

Im April würdigte die Presse fast gleichzeitig den 80-jährgen Helmut Kohl und den 90-jährigen Richard von Weizsäcker. Der eine wurde 1990 zum ersten Kanzler, der andere zum ersten Präsidenten des wiedervereinigten Deutschland. Während der eine im Einigungsprozess auf Tempo setzte, mahnte der andere zur Besinnung und Vorsicht. Während Kohls Verdienste um die Deutsche Einheit heute unbestritten sind, fallen die Urteile über von Weizsäcker kontrovers aus. Doch die Zweifel an seiner konstruktiven Rolle im Einigungsprozess können nicht überzeugen.

Dass sie nicht sonderlich gut miteinander konnten, der Kanzler und der Präsident, war schon während ihrer Amtszeit ein offenes Geheimnis. Während der eine ein geschickter Machttaktiker war, der Wahlschlachten schlagen und Mehrheiten organisieren konnte, galt der andere als politischer Intellektueller von Format, der mit scharfem Verstand und großer Eindringlichkeit die Menschen zu überzeugen vermochte. Für Helmut Kohl gerieten die Auftritte Richard von Weizsäckers im Laufe von dessen Amtszeit immer mehr zum Ärgernis, zeigte doch der Präsident mit den Jahren eine immer größere Distanz zu den Niederungen der Tagespolitik und den Machenschaften der Parteien und erhielt für seine Unabhängigkeit dabei auch noch die Anerkennung der Öffentlichkeit. Er, Kohl, dagegen blieb in der Presse lange Zeit der aus der Provinz stammende, etwas unbeholfene Machtpolitiker, von dem große intellektuelle Leistungen nicht zu erwarten waren. Dabei hatte doch erst die von ihm geschmiedete starke CDU-FDP-Mehrheit im Bundestag die Voraussetzungen für Weizsäckers Präsidentschaft geschaffen, die sich nun aber vom Parteienstaat zunehmend zu lösen und quasi aus eigener Machtvollkommenheit über den Parteien und ihren Machtspielchen zu schweben schien. Die Verständigung zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Männern darf als schwierig gelten.

Wie es der Zufall so will, sind sich diese beiden für die Geschichte der Bundesrepublik so bedeutsamen Politiker nicht nur während ihrer parallel verlaufenden Amtszeiten immer wieder ins Gehege gekommen, auch ihre runden Geburtstage liegen so eng beieinander, dass ihre Würdigung, die erst kürzlich wieder an der Zeit war – bei Helmut Kohl war es der achtzigste, bei Richard von Weizsäcker der neunzigste Geburtstag, den es zu feiern galt – mehr oder weniger gleichzeitig die schreibende und sendende Zunft beschäftigt. Da der Festakt für Helmut Kohl erst einige Wochen nach seinem eigentlichen Geburtstag stattfand, rückten beide Ereignisse medial sogar noch näher aneinander. Nachdem sich die Presse Anfang April 2010 mit der historischen Leistung Helmut Kohls beschäftigt hatte (s. Der "ewige Kanzler" vom 10. April 2010), wandte sie sich danach Richard von Weizsäcker zu.

Schien Kohl während seiner Amtszeit oft im Schatten des eloquenteren und weniger an der Tagespolitik orientierten Richard von Weizsäcker zu stehen, ist dies im Rückblick nicht mehr der Fall. Die Aufmerksamkeit der Presse richtete sich in den vergangenen Wochen jedenfalls stärker auf den Alt-Kanzler als auf den Alt-Präsidenten. Dies mag sicherlich zum Großteil dem schwer angeschlagenen Gesundheitszustand Kohls und der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass Kohl in den letzten Jahren kaum noch öffentlich aufgetreten ist. Doch dies ist nicht der einzige Grund. Mit dem Abstand der Jahre ändert sich der Blick auf Kohl, wird weniger der Machttaktiker und Tagespolitiker als vielmehr die historische Figur gesehen. Richard von Weizsäcker gilt demgegenüber weiterhin als herausragender Bundespräsident, der durch seine moralische Kraft und intellektuelle Stärke Maßstäbe setzte. Vor allem seine Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes von 1985 wird erinnert. Dennoch tritt seine bloß repräsentative Funktion als Bundespräsident heute hinter der historischen Bedeutung des "Kanzlers der Einheit" zurück.

Überhaupt hat der Prozess der Deutschen Einheit den Blick auf das ungleiche Paar Kohl-Weizsäcker verändert. Von Weizsäcker galt bereits vor 1989 als bedeutende politische Persönlichkeit, die über ihre eigene Amtszeit hinausweisen würde, Kohl nicht. Das hat sich durch das geschickte und erfolgreiche Agieren des Kanzlers auf nationaler und internationaler Ebene in den Jahren 1989 und 1990 grundlegend geändert. Er ergriff eine historische Chance, die er zwar nicht selbst herbeigeführt hatte, aber doch trotz großer Widerstände zu nutzen wusste. Für Rainer Blasius hat sich dadurch auch die Stellung von Weizsäckers gewandelt. "Bis in den Herbst 1989 hinein erschien Weizsäcker vielen Deutschen als eine Art Gegenbild zum Partei- und Machtpolitiker Kohl" so Blasius, "sogar als wortgewaltiger und moralisierender Überkanzler in der Villa Hammerschmidt, mit dem sich Intellektuelle aller Art identifizieren wollten. Jedoch schlug mit der Friedlichen Revolution in der DDR und dem Ende des Sowjetsystems die Stunde der Exekutive, und Kohl ergriff beherzt und unbeirrt die geistig-moralische Führung." Demgegenüber habe von Weizsäcker Verwunderung und Verwirrung hervorgerufen, so Blasius weiter, als er nach dem Fall der Mauer ein "Zusammenwuchern" der deutschen Staaten befürchtet, die Debatte um die Wiedervereinigung noch Anfang März 1990 als "sehr eskaliert" und "verfrüht" eingestuft und die Bundespolitiker davor gewarnt habe, die DDR zu vereinnahmen oder die Deutsche Mark zum "Maßstab aller Dinge" zu machen (FAZ.NET vom 15.4.2010). Ähnlich scheint dies auch Bernd Ulrich zu sehen, der in der ZEIT die Frage stellt: "Und was wäre aus dem Land geworden, wenn Oskar Lafontaine Kanzler gewesen wäre oder der von der ZEIT bewunderte damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der mit der Einheit wenig anzufangen wusste?" (DIE ZEIT vom 25.3.2010).

Gegen dieses Ausspielen Kohls gegen von Weizsäcker verteidigt Robert Leicht den früheren Bundespräsidenten eine Woche später an gleicher Stelle. "Es trifft zwar zu" so Leicht, "dass Weizsäcker nach dem 9. November 1989 sehr skeptisch gegenüber einem überstürzten Einigungsprozess blieb. Sagte Willy Brandt damals, es wachse nun zusammen, was zusammen gehöre, meldete sich der Präsident mahnend: 'Zusammenwachsen ja, aber nicht zusammenwuchern.' … Aber doch nicht, weil ihm die Einheit zuwider gewesen wäre, sondern weil er nicht wollte, dass der Zug zur Einheit im allzu rapiden Tempo entgleist." Zu recht stellt Leicht fest: "Richard von Weizsäcker lag, was den Weg und das Tempo des Einigungsprozesses betrifft, damals falsch. Er irrte in dieser Einschätzung gewiss, doch nicht unehrenhaft, und war erst wieder auf der Höhe der Zeit, als er dem Bundestag vorschrieb, er habe nach Berlin umzuziehen. Aber dass er mit dem Ziel der Einheit wenig anzufangen gewusst hätte, etwa wie Oskar Lafontaine, das ginge an der Geschichte weit vorbei." (DIE ZEIT vom 31.3.2001). Auch im Tagespiegel hebt Leicht die positive Rolle von Weizsäckers hervor, indem er dessen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes würdigt und zu dem Schluss kommt, diese Rede habe die Wiedervereinigung erst möglich gemacht. "Dies war und bleibt die bedeutendste, ja ist überhaupt die deutsche Rede der Nachkriegszeit", so Leicht. Und: "Sie hatte die geistigen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Wiedervereinigung für unsere Nachbarn überhaupt akzeptabel wurde." (Der Tagesspiegel vom 7.5.2010).

Auch Peter Pragal bewertet in der Berliner Zeitung die Rolle von Weizsäckers für den Einigungsprozess positiv, und zieht dabei auch die Jahre vor der Friedlichen Revolution in Betracht. "Beim Umgang mit den kommunistischen Machthabern war Weizsäcker den meisten westdeutschen Politikern voraus" meint Pragal. "Als erster West-Berliner Regierungschef traf er im September 1983 in Ost-Berlin mit dem Staatsratsvorsitzenden und SED-Chef Erich Honecker zusammen. Als im November 1989 die Mauer fiel, an deren Bestand er immer wieder öffentlich gezweifelt hatte, warnte er davor, die Ostdeutschen zu bevormunden. Nach der staatlichen Vereinigung, so Weizsäcker, hätten viele Landsleute im Osten das Gefühl, sie seien 'stärker angepredigt als angehört worden'. Sich zu vereinen, heiße teilen lernen, mahnte er die Alt-Bundesrepublikaner und warnte sie zugleich vor Hochmut: 'Im Westen haben wir die Freiheit geschenkt bekommen, der Osten hat sie erkämpft.'" (Berliner Zeitung vom 15.4.2010)

In der Tat hatte von Weizsäcker noch in den 1980er Jahren, als viele westdeutsche Politiker die Wiedervereinigung Deutschlands längst abgeschrieben hatten, öffentlich erklärt, die deutsche Frage bleibe so lange offen wie das Brandenburger Tor geschlossen sei. Er konnte dies sagen, ganz ohne deswegen als Kalter Krieger verdächtigt zu werden. Schon früh hatte er sich innerhalb der CDU gegen die ablehnende Haltung der Union zur Ostpolitik der sozialliberalen Koalition stark gemacht. Er konnte glaubwürdig gleichzeitig an der Einheit der Deutschen festhalten und für Entspannung zwischen Ost und West eintreten. Im Neuen Deutschland setzt sich Friedrich Schorlemmer sehr ausführlich mit dem Wirken von Weizsäckers gegenüber den Ostdeutschen vor und während der Friedlichen Revolution auseinander und würdigt dabei auch die Rede, die dieser am 25. September 1983 auf dem Marktplatz in Wittenberg hielt: "Dass wir hüben und drüben Deutsche sind und unter einem Himmel leben, das hatte auf dem Territorium der DDR uns seit Jahrzehnten niemand mehr gesagt. Und welch einen Respekt vor uns sprach aus diesen Sätzen!" Und: "Es ging uns nahe damals. Wir hatten das Gefühl, dass wir nicht vergessen sind. Und hatten das wärmende Empfinden, zueinander zu gehören und einander verständlich machen zu können. Dieser Präsident konnte dann 1990 auch klare und klärende Worte über das Leben im Osten sagen, ohne uns in irgendeiner Weise von oben her zu beurteilen, zu bewerten oder gar abzuwerten." (ND vom 14.4.2010)

Das ungleiche CDU-Paar Kohl-Weizsäcker und sein Agieren während des Umbruchs von 1989/90 mag auf den ersten Blick an das SPD-Paar Brandt-Lafontaine erinnern, das zur gleichen Zeit ebenfalls nicht gerade einheitlich auftrat. Ähnlich wie von Weizsäcker stellte auch Lafontaine öffentlich klar, dass ihm der Einigungsprozess, so wie er seit dem Fall der Mauer in Gang gekommen war, zu schnell ging und nicht recht geheuer war. Doch der Unterschied zwischen beiden ist groß. Von Weizsäckers Einwände waren nicht grundsätzlicher Natur. Die Einheit sollte kommen, aber mit Besonnenheit und nicht überstürzt. Lafontaine dagegen versuchte kaum zu verbergen, dass ihm die ganze Richtung nicht passte. Hier geschah etwas, das er nicht aufhalten konnte, das er sich aber auch wahrlich nicht gewünscht hatte. Damit stand er in krassem Gegensatz zu Willy Brandt, der die Wiedervereinigung Deutschlands als Weiterentwicklung und Krönung seiner Politik des Wandels durch Annäherung betrachtete. Es ist denn auch kein Zufall, dass Brandt in seinen letzten Lebensjahren nach 1990 den CDU-Politikern Kohl und von Weizsäcker in vielem näher zu stehen schien als dem angeblichen Brandt-Enkel Lafontaine.

 

Florian Giese

 

 

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