Konservative Revolutionärin

Angela Merkel spricht über ihren demokratischen Aufbruch von 1989

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Angela Merkels Rückblick auf 1989/90

Unter den DDR-Bürgern, die sich 1989 politisch zu engagieren begannen, war auch eine junge Politikerin, deren Namen damals nur wenigen bekannt war: Es war die promovierte Physikerin Angela Merkel. Ab Ende 1989 unternahm sie mit dem Mitgliedsbuch des Demokratischen Aufbruch (DA) in der Tasche erste Gehversuche auf dem politischen Parkett. Am vergangenen Freitag blickte die Bundeskanzlerin in einer durchaus persönlichen Rede auf ihren demokratischen Aufbruch von 1989/90 zurück.

Viele der Parteien und Bürgerbewegungen des Herbstes 1989 gaben sich Namen, die Programm waren. Zu ihnen gehörte der Demokratische Aufbruch (DA), der aus einer im Sommer 1989 gegründeten kirchlichen Initiativgruppe hervorging. Zunächst vertraten nicht wenige Mitglieder des DA die Idee eines "Dritten Weges" und einer Reform der DDR. Ende 1989 richtete sich der DA politisch neu aus und strebte nun als konservative Partei die schnelle Einheit an. Als Mitglied der "Allianz für Deutschland" gehörte der DA trotz eines mageren Ergebnisses von 0,9 Prozent zu den Gewinnern der Volkskammerwahl vom 18. März 1990. Er stellte in der Regierung von Lothar de Maizière unter anderem den Minister für Abrüstung und Verteidigung. Anfang August 1990 fusionierte der DA mit der Ost-CDU und beendete damit seine weniger als ein Jahr währende politische Existenz.

In Erinnerung an den demokratischen Aufbruch von 1989/90 – den Prozess der Friedlichen Revolution und die Partei gleichen Namens – hatte die Bundesstiftung Aufarbeitung am 23. April zu einem Abend geladen, der bisweilen Züge eines Klassentreffens trug. Alte Bekannte, politische Weggefährten und zeitweilige Kontrahenten saßen auf dem Podium und unter den nahezu 200 Gästen im Saal. Zu den Rednern des Abends gehörte auch Angela Merkel.

Die Bundeskanzlerin berichtete, wie sie Ende 1989 zum DA stieß – in einer Zeit, als die Spannung zwischen den eher sozialistischen und den konservativen Strömungen in der Partei  nicht mehr zu übersehen war. "Bei manchem denkt man es gar nicht, dass man mal in einer Partei war", sagte Merkel, die damals mit dem heute in der SPD beheimateten Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer in einem politischen Boot saß. Der DA habe sie mit seinem Slogan "sozial + ökologisch" ebenso überzeugt wie mit seinem klaren Eintreten für die schnelle Einheit. Bis zur Wahl vom 18. März übernahm Merkel das Amt der Pressesprecherin. Diesen Posten hatte ihr Wolfgang Schnur, bis zu seiner Enttarnung als MfS-Zuträger Chef des DA, ganz unbürokratisch, das heißt ohne demokratische Legitimation, übertragen. "Nicht alles war demokratisch, aber alles war für die Demokratie und damit gut", so Merkel.

Die Kanzlerin nutzte ihre Rede, um die historische Rückschau in einen Vergleich mit der politischen Gegenwart münden zu lassen und nebenbei ein persönliches Fazit zu ziehen. Ein gewisser Wehmut war nicht zu überhören, als sie sich an 1989/90 als eine Phase des revolutionären Elans und unkonventionellen Politikmachens erinnerte. Es sei eine "unendlich intensive Zeit" gewesen, "in der ich viel weniger müde war als heute", sagte Merkel. "Wenn Spontanität auf Erfahrung trifft, bleibt nicht nur die Spontanität übrig…" Als "Mut zur eigenen Farbe, zum eigenen Denken" seien die Ideen des politischen Aufbruchs von 1989/90 noch immer aktuell. Zuweilen vermisse sie heute diesen Mut. Zu vieles laufe in eingefahrenen Bahnen. "Ich ermuntere alle, den Mut des Anfangs zu haben, den Mut, die wichtigen Fragen zu stellen." Dies gelte auch für die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur.

Andreas Stirn

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Kommentare

masa    (02.05.2010 18:48h)
1989/90 aus einer anderen Perspektive:
http://www.medienfabrik-b.de/beta01/texte/sites/gesellschaft/gesellschaft01.html#bundestag01

Oliver    (29.04.2010 19:56h)
beeindruckend offen und persönlich...

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