Ein Reich zerfällt

Die Sowjetunion und die deutsche Einheit

Ein Reich zerfällt

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Die deutsche Einheit war das Ergebnis eines langwierigen historischen Prozesses. Sie ist weder allein auf das Wirken Helmut Kohls, noch auf die vielen anderen sogenannten "Architekten der Einheit" zurückzuführen. Weder die Friedliche Revolution auf der Straße, noch die Fluchtbewegung, der Mauerfall oder der Wahlsieg der Allianz für Deutschland können hinreichend erklären, warum 1990 die Wiedervereinigung gelang. Die entscheidende historische Schlüsselfrage bleibt: Warum hat die Sowjetunion das von ihr selbst geschaffene Konstrukt namens DDR ebenso wie die Nachkriegsordnung des Kalten Kriegs aufgegeben?

Weder der Wille der Ostdeutschen noch das entschlossene Handeln Kohls hätten die Einheit herbeiführen können, wenn sich nicht parallel ein viel größerer Prozess Bahn gebrochen hätte: der Zerfall des sowjetischen Imperiums. Aus der historischen Rückschau wird erkennbar, dass die Erosion der sowjetischen Hegemonie sich seit langem ankündigte und ironischerweise mit einem Prozess zusammenfiel, der ursprünglich auf die wirtschaftliche und politische Erneuerung der UdSSR abzielte. Die Sowjetunion befand sich in den 1980er Jahren in einer ideologischen, vor allem aber in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Der Kalte Krieg mit seinem enormen rüstungstechnischen Aufwand hatte die Sowjetunion an den Rande ihrer Kräfte gebracht. Gorbatschow reagierte aus ökonomischen, politischen und gewiss auch moralischen Gründen auf die Krise des Kommunismus und strebte eine innere Erneuerung der erstarrten Staatsapparatur an. Glasnost und Perestroika sollten Transparenz, Reformen und Offenheit an die Stelle der Willkürdiktatur setzten, um aus einer inneren Erneuerung neue wirtschaftliche Vitalität zu schöpfen und so das Überleben des Sowjetimperiums zu sichern.

Aus dieser Perspektive erschien es nur folgerichtig, vom Hegemonialanspruch in den mittelosteuropäischen Staaten abzurücken. Dass Polen und Ungarn Ende der 1980er Jahre auf eine Liberalisierung drängten, dass sie sich nach Westen orientierten, dass sie auf Dauer als Satelliten nur mit Gewalt zu halten waren, war nicht allein eine Folge von Gorbatschows außenpolitischer Zurückhaltung. Es war eine historische Beharrungskraft, die seit der Installation der sowjetischen Hegemonie nach dem Ende des II. Weltkrieges immer wieder aufs Neue aufkeimte.

Dass Moskau nicht mehr, wie in den Jahrzehnten zuvor, wie 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn oder 1968 in Prag, mit Panzern auf Demokratisierungs- und Unabhängigkeitsbestrebungen antworten würde, erschien in den 1980er Jahren politisch sinnvoll und ökonomisch klug. Warum auch sollte sich die Sowjetunion, die mit eigenen systemischen Problemen kämpfte, militärisch und moralisch auf zweifelhafte Gefechte mit Ländern einlassen, die hoch verschuldet waren und nach mehr Unabhängigkeit strebten. Die osteuropäischen Satellitenstaaten ihrer Eigendynamik zu überlassen, wusste sich nicht nur mit dem Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Völker in Übereinstimmung, sondern war nicht zuletzt ökonomisch begründet. Wer bankrotte Staaten sich selbst überließ, lief nicht Gefahr, deren Schulden tilgen zu müssen.

Grob vereinfacht lässt sich der Zusammenbruch des Kommunismus anhand eines kruden wirtschaftlichen Versorgungsproblems veranschaulichen – Fleischmangel. Schon der große Aufstand der Solidarnosc im Jahr 1980, in dessen Folge sich zehn Millionen Polen mit der freien Gewerkschaft solidarisierten, hatte als Initialzündung einen banalen Grund: Die Fleischpreise waren erhöht worden. Ein Streik begann – ein Funke, aus dem der große Flächenbrand entstand, der einen Monat darauf in Danzig entscheidenden Zündstoff erhielt, als die Kranführerin Anna Walentynowicz, eine Symbolfigur der Opposition, fünf Monate vor ihrer Pensionierung entlassen wurde und Lech Walesa zum Nationalheld aufstieg.

Zehn Jahre später, im Januar 1990, als die Kommunisten in Polen, Ungarn und der DDR weitgehend abgedankt hatten, meldete sich Moskau in Bonn, wie Horst Teltschik und Lothar de Maizière kürzlich auf einer Podiumsdiskussion erklärten. Moskau hatte ein Problem. Es mangelte an Fleisch. Und genau hier zeigt sich, wie drängend die Motive für die sowjetische Annäherung an Bonn waren und wie die potente Bundesrepublik, ahnungsvoll, dass sich Gorbatschow dankbar zeigen könnte, großzügig tausende Tonnen Fleisch nach Russland lieferte. In Fleischfragen musste Kohl als Kenner des pfälzischen Saumagens jedem Kind zuverlässigerer erscheinen als die verknöcherte SED.

Ende Januar 1990 kam dann, wie gehofft, aus Moskau erstmals das Signal, dass die deutsche Einheit kein grundsätzliches Problem darstelle, während Hans Modrow erfahren musste, dass Erdöllieferungen und Zahlungen aus der Sowjetunion stockten. "Das Kind der Sowjetunion, die DDR, lag todkrank auf der Intensivstation – und Moskau begann, die Lebensstränge abzuklemmen", formulierte Hans Modrow rückblickend. Gorbatschow brauchte die Bundesrepublik mehr als die DDR, um seinen Reformkurs zu finanzieren. Und je mehr das Imperium erodierte, desto stärker wurde der Druck auf Gorbatschow und desto mehr wuchs der Zwang, sich in finanzielle Abhängigkeit von Bonn zu begeben.

Im Sommer 1990, als Gorbatschows Führungsanspruch erheblich gefährdet war, erwies sich das Bündnis zwischen Kohl und Gorbatschow als lebensrettend für den sowjetischen Generalsekretär. Die Sowjetunion stand vor der Zahlungsunfähigkeit. Das drohende Fiasko und Gorbatschows Ende konnte nur mit einer Soforthilfe über fünf Milliarden DM abgefedert werden. Den Scheck brachte Horst Teltschik persönlich nach Moskau.

Gorbatschows Position zur deutschen Einheit gründete somit nicht allein auf der moralisch und politisch weisen Erkenntnis, dass der Kalte Krieg zu überwinden und das Selbstbestimmungsrecht der Völker anzuerkennen sei. Sie gründete ebenso sehr auf materiellen Hoffnungen, den eigenen Reformkurs mit Hilfe der Bundesrepublik als potentem Partner zu retten. Dieser unvermeidbare Pakt änderte schließlich Gorbatschow historische Rolle entscheidend. Der mächtigste Mann des Ostblocks wurde vom Reformer zum Nachlassverwalter des bankrotten Sowjetimperiums. Er hatte die historischen Kräfte unter- und die Reformpotentiale des Kommunismus überschätzt. Dennoch war es ein Glücksumstand von historischen Dimensionen, dass zum Zeitpunkt des sowjetischen Ruins ein Mann an der Spitze dieses hochgerüsteten Imperiums stand, der dessen Zerfall in weiser Einsicht in das Unvermeidliche hinnahm und damit Chaos von Europa abwendete. Und der damit letztlich die Deutsche Einheit möglich machte.

Jochen Thermann

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