Erwachen aus der Euphorie

Im Frühjahr 1990 steigt die Zahl der Arbeitslosen und Ausreisewilligen weiter an

Aufschwung Ost

... ließ länger auf sich warten als gedacht © BPA B 145 Bild-00164100

Nach der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 erschien die deutsche Wiedervereinigung als einmalige historische Chance. Das Ergebnis der Märzwahl bestätigte, dass neben Bundeskanzler Helmut Kohl auch die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung eine schnelle Wiedervereinigung anstrebte. Die erste Euphorie über die wieder gewonnene Freiheit wich jedoch nach und nach der Einsicht in eine veränderte und gerade in wirtschaftlicher Hinsicht von Unsicherheit geprägten Realität. Ausschlaggebend für die schnelle Wiedervereinigung waren nicht allein historisch bedingte Emotionen – vor allem die wirtschaftliche Situation setzte die ost- und westdeutsche Regierung unter Druck.

Schon wenige Monate nach der Wende von 1989 hatte in der DDR ein tiefgreifender sozialer Wandel begonnen, der von einer zunehmenden Krisenfurcht und Existenzangst in der Bevölkerung begleitet wurde. In kürzester Zeit waren die Kosten für die Lebenshaltung durch die Aufhebung der staatlichen Subventionen enorm angestiegen. Fast täglich wurden die Zahlen über die Höhe der Gesamtverschuldung des ehemaligen DDR-Haushaltes angepasst, und niemand wusste so genau, wie sich die zukünftige politische und ökonomische Entwicklung gestalten würde. Während der Umwälzungen im Herbst 1989 konnte der bevorstehende Staatsbankrott der DDR von der Staatsführung noch vertuscht werden. Offen zu Tage trat das Ausmaß der Staatsverschuldung und wirtschaftlichen Misere jedoch spätestens im Frühjahr 1990, als sich aktuell bekannt gewordene Zahlen über den DDR-Haushalt auf ein Minus von umgerechnet 600 Milliarden D-Mark beliefen.

Unübersehbar war nun auch, dass die volkseigene Wirtschaft kurz vor dem Kollaps stand. Im Vergleich zur bundesdeutschen lag die ostdeutsche Arbeitsproduktivität bei nur zirka 30 Prozent. Die Betriebs- und Arbeitsorganisation waren durchweg defizitär, die Industrieanlagen ausnahmslos überaltet, der Mangel an Roh- und Ersatzstoffen nicht mehr zu übersehen. Mit der Anpassung an das marktwirtschaftliche System der Bundesrepublik zeichneten sich vielfach ökonomisch bedingte Entlassungen ab, die eigentlich längst überfällig waren. Die Anfang März ins Leben gerufene Treuhandanstalt sah sich der gewaltigen Aufgabe gegenüber, insgesamt 8 000 volkseigene Betriebe in Aktiengesellschaften oder GmbHs umzuwandeln. Unvermeidbar war meist eine Sanierung oder Aufteilung. Fand sich kein privater Investor, wurde der Betrieb mangels finanzieller Mittel über kurz oder lang häufig auch ganz stillgelegt. Darüber hinaus hatte die Entlassung Tausender Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, der Parteiapparate und anderer politischer Strukturen begonnen.

Die politisch forcierte und verfassungsrechtlich verankerte Arbeitsplatzgarantie im bisherigen planwirtschaftlichen System der DDR war somit nicht mehr haltbar. Viele Menschen sahen sich plötzlich einem bisher nicht bekannten Phänomen gegenüber: die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust. Lag die Zahl der Arbeitslosen Ende Januar bei etwa 20 000, war sie von März bis April innerhalb eines Monats von 38 313 auf 64 948 angestiegen. Im Sommer 1990 waren bereits etwa 200 000 Menschen arbeitslos gemeldet, und die Prognosen der Wirtschaftsinstitute wiesen noch höhere Zahlen aus. Sie rechneten mit einer Zahlenordnung von bis zu 500 000 Arbeitslosen bis Ende des Jahres. Die DDR-Arbeitsministerin Regine Hildebrandt (SPD) erklärte deshalb Mitte Mai, sie "rechne mit dem Schlimmsten". Schnell ins Leben gerufene ABM-Maßnahmen fingen zwar übergangsweise 14 Prozent der Arbeitslosen auf, einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf insgesamt 17 Prozent konnten sie dennoch nicht verhindern. Am Ende des Jahres 1990 waren nur 45 Prozent aller ostdeutschen Arbeitnehmer in ihren bisherigen Arbeitsverhältnis verblieben.

Ungewiss und besorgt über ihre zukünftigen Arbeitschancen, folgten viele DDR-Bürger einem verlockend wirkenden Neuanfang im Westen und packten ihre Koffer. Seit Anfang Januar 1990 hatten etwa 150 000 DDR-Bürger das Land verlassen, täglich kamen jeweils 2 000 Ausreisende hinzu. Bis Ende Mai stieg die Zahl sogar auf 184 000 an. Um den Massenstrom der Ausreisenden zu stoppen, stellte Bundeskanzler Helmut Kohl schon im Februar 1990 eine Wirtschafts- und Währungsunion in Aussicht – ungeachtet vieler Warnungen der Wirtschaftsexperten, eine zu frühe Angleichung der Währung sei unverantwortlich und daher abzulehnen. Laut Prognosen der Experten sei so der ökonomische Zusammenbruch vieler ostdeutscher Unternehmen abzusehen, da eine zu schnelle Angleichung einer Schocktherapie für die ostdeutsche Wirtschaft gleich käme. Viele Unternehmen wären dann der westdeutschen Konkurrenz und dem freien Wettbewerb nicht gewachsen. Wahrscheinliche Folge sei der Einbruch der Binnennachfrage nach DDR-Produkten, und viele Ostbetriebe würden dann die anfallenden Kosten, vor allem die Löhne, nicht zahlen können. Auch die östlichen Absatzmärkte seien nicht in der Lage, mit harter Währung zu handeln. Tatsächlich kamen die Exporte in den osteuropäischen Raum 1990 fast völlig zum Erliegen. 

Kohl erschien die schnelle Einführung der D-Mark jedoch als einzige Chance, die Verunsicherung der ostdeutschen Bürger abzumildern. Auf den nach wie vor abgehaltenen Montagsdemonstrationen galt seit der Revolution vom Herbst der Slogan: "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir!" Offensichtlich handelte es sich hierbei um keine leere Drohung. Der Ausgang der Märzwahl war ein klares Votum für die Wiedervereinigung und die schnelle Einführung der D-Mark. Für viele ostdeutsche Bürger versprach ein wiedervereinigtes Deutschland neben der historischen Zäsur vor allem eines: eine Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen. 

Direkt im Anschluss an die Wahl setzte sich Kohl über alle Warnungen der Wirtschaftsweisen hinweg und startete zusammen mit der Ostberliner Regierung die Verhandlungen über den Umtauschkurs der Ost- in die West-Mark. Zusätzlich verständigten sich der Bundeskanzler und die Ministerpräsidenten der alten Bundesländer auf den "Sonderfonds Deutsche Einheit", der vorerst auf eine Laufzeit von viereinhalb Jahren beschränkt sein und bis 1994 einen Betrag von 115 Milliarden bereit stellen sollte. Kohl selbst glaubte noch bis zum Herbst 1990, die nötigen Strukturanpassungen mit finanziellen Anschüben aus den Mitteln des Bundes und der Länder ohne größere Probleme bewerkstelligen zu können, da sich die Wirtschaft und die öffentlichen Finanzen der Bundesrepublik 1989 in einem guten Zustand befanden. Der ursprünglich eingerichtete Sonderfonds konnte das tatsächliche Ausmaß an nötiger finanzieller Unterstützung jedoch nicht tilgen. Er war nur der erste Schritt zu einem langwierigen Reformprozess für die Sanierung der neuen Bundesländer.

Kaja Wesner

 

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