Doppelleben

"Ibrahim" Böhme und die Gespenster der Staatssicherheit

Rücktritt Böhmes © BArch 183-1990-0326-017

Böhme (re.) im Rampenlicht © BArch 183-1990-0326-017

Die erste, am 18. März 1990 frei gewählte Volkskammer der DDR hatte einen klaren Auftrag: sich selbst und die DDR abzuschaffen. Sie war der demokratisch legitimierte Totengräber eines Staates, der moralisch und wirtschaftlich ruiniert war. Mit dem Ende der DDR begann jedoch auch das Unheimliche dieses Staates an die Oberfläche zu treten. Das Gespenst der inoffiziellen Stasimitarbeit ging in den Reihen der jungen, demokratischen Parteien um.

Noch vor der Volkskammerwahl im März 1990 tauchte plötzlich eine Stasiakte auf. Sie belastete den Spitzenkandidaten des "Demokratischen Aufbruch", Wolfgang Schnurr. Die Beweislage ließ keinen anderen Schluss zu: der Kandidat des Demokratischen Aufbruchs, einer aus der friedlichen Revolution hervorgegangenen Partei, die mit der CDU und der DSU zur "Allianz für Deutschland" gehörte, hatte Oppositionelle bespitzelt und Berichte für die Stasi geschrieben. Dass die Akte ausgerechnet im Vorfeld der Wahlen auftauchte, deutete darauf hin, dass es sich hier um letzte Manöver der Stasi handelte, Verwirrung zu stiften und das Vertrauen in demokratischen Wahlen zu erschüttern.

Tatsächlich waren zahlreiche Oppositionsgruppen der DDR von Inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi unterwandert. Bereits eine Woche nach der Volkskammerwahl wurden im Spiegel auch massive Vorwürfe gegen den Spitzenkandidaten der Ost-SPD, Manfred "Ibrahim" Böhme, erhoben. Schon im Vorfeld der Wahlen hatte es Gerüchte gegeben, Böhme sei ein Stasispitzel gewesen. Doch Böhme galt als Dissident. Ihm eilte der Ruf eines unverdorbenen Politikers voraus, der mit dem Charisma eines anderen Politikstils die Westmedien für sich gewann und durch seine zahlreichen Kontakte zur oppositionellen Szene der DDR als vertrauensvoll galt. Nicht zuletzt seine Haft in Hohenschönhausen und sein Parteiausschluss aus der SED machten ihn zu einem Vorzeigepolitiker des Ostens.

Doch Böhme hatte bewusst Legenden gestreut und Hintergründe seines Lebens ausgeblendet. Er gab sich als Findelkind aus und wollte mit dem Namen "Ibrahim", den er sich selbst zulegte, eine jüdische Herkunft vortäuschen. Dieses irritierende Verdecken seiner Identität hatte einen verstörenden Hintergrund. Böhmes zahlreiche Kontakte zur Opposition beruhten auf eine langjährigen, intensiven Tätigkeit für die Stasi. Böhme hat Oppositionelle belastet, umfangreiche Konvolute angefertigt und die Opposition, für die er sich vordergründig engagierte, an die Stasi ausgeliefert.

Böhme führte dieses Doppelleben so konsequent, dass viele nach seiner Enttarnung im Spiegel durch einen Führungsoffizier im März 1990, ihm noch immer Glauben schenkten. Die Akten und Vorgehensweise der Stasi waren noch weitgehend unerforscht. Die Aktenvernichtung sowie der fortschreitende demokratische Umbruch des Staates ließen das Bild in der Öffentlichkeit noch eine zeitlang verschwommen. Erst im Dezember 1990, als Rainer Kunze, seine Stasiakte einsah, lagen die Beweise offen zu Tage, dass Böhme ein Stasizuträger war.

Neben Böhme und Schnurr musste auch Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident und einer der führenden Unterhändler der Einheit, seine Karriere als Politiker beenden, weil ihm Stasi-Mitarbeit unter dem Decknamen IM Czerny vorgeworfen wurde. Mit der inoffiziellen Mitarbeit für die Staatssicherheit der DDR kam im Frühjahr 1990 so etwas wie das politische Unheimliche der DDR zu Tage. Die Institution der Stasi hatte im Kern eine unheimliche Anlage. Sie arbeitet getarnt, mit eine Vielzahl von Deck- und Tarnnamen. Ihre Behörden, Verhörzimmer, Gefängnisse waren unzugänglich, ihre Vorgehensweisen größtenteils unbekannt. Dass der Schriftsteller Jürgen Fuchs  ihre Arbeitsweise in seinen Werken bekannt zu machen versuchte,  machte ihn zum Staatsfeind Nr. 1 des MfS.

Das Unheimliche der Stasi bestand in ihrer Arbeitsweise, in den geheimen Berichten und Protokollen, in den Abhöranlagen und Überwachungsfotos, in den verdeckten Diffamierungskampagnen und sog. Zersetzungsmaßnahmen, die ins Private drangen, Menschen verängstigte und Biografien zerstörten. Ihre Informationen bezogen sie aus einem Heer inoffizieller Mitarbeiter, die wie Böhme in die oppositionellen Gruppen eindrangen und diese aushorchten.

Das Doppelleben zwischen Anpassung und Auflehnung gewinnt bei Böhme eine fast schon klinische Dimension. Im Extrem, als Negativ, wird zugleich aber auch deutlich, dass das Doppelleben für die DDR charakteristisch war: neben der offiziellen Denk- und Lebensart gab es für viele auch ein anderes Leben, das man je nach Kontext verdeckt hielt, und sei es nur das Westfernsehen, mit dem man sich allabendlich aus der offiziellen Ideologie verabschiedete. Im Fall der IMs jedoch drehte sich dieses Doppelleben um: nicht die Abweichung des Denkens von der Parteidoktrin behielt man für sich, sondern ihre Übererfüllung.

Diese Dopplung des Denkens und Verhaltens erleichterte in den 90er Jahren einer spezifischen Lebensform den Umbruch: der sog. "Wendehals" vollzog problemlos den Übergang von einem System ins andere. So bedeutete auch nicht für jeden IM die Enttarnung als Stasizuträger das politische Aus. Noch heute sitzen im Brandenburger Landtag für DIE LINKE Politiker, die nachweislich der Stasi Dienste geleistet haben.

Jochen Thermann

Christiane Baumann hat den Lebenslauf von Manfred Böhme in einer gründlich recherchierten biographischen Studie rekonstruiert.

Christiane Baumann: Manfred "Ibrahim" Böhme. Ein rekonstruierter Lebenslauf. Biographische Studie, erschienen, Berlin 2009, 193 Seiten, Fotos u. Faksimiles, Broschur, Preis: 10,00 EUR. Schriftenreihe der Robert-Havemann-Gesellschaft, Band 15, ISBN: 978-3-938857-08-3.

 

 

 

Zurück

Ähnliche Artikel :

Wer war Ibrahim Böhme?


Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte