Schlange stehen für den Kapitalismus

Anfang April 1990 wird aus dem ersten Volkseigenen Betrieb eine Aktiengesellschaft

Montagehalle im VEB Elektromaschinenbau

Montagehalle im VEB "Elektromaschinenbau" © BArch 183-1986-0313-020, Häßler

Die Treuhandverordnung vom 1. März 1990 regelte die Umwandlung der Volkseigenen Betriebe in Aktiengesellschaften und GmbHs. Doch was im Frühjahr 1990 für viele staatliche Großbetriebe der DDR als ebenso abenteuerliches wie chaotisches Unterfangen begann, endete nur wenige Jahre später in vielen Fällen mit dem dramatischen Niedergang traditionsreicher Industriestandorte. Ein Beispiel ist die VEM-Antriebstechnik AG in Dresden, die erste ostdeutsche Aktiengesellschaft des Jahres 1990.

Im großen Sitzungssaal des DDR-Außenhandelsministeriums wurde am 5. April 1990 Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Unter der Regie der soeben begründeten Treuhandanstalt verschwand der erste Volkseigene Betrieb (VEB) von der Landkarte: Mit wenigen Federstrichen wurde aus dem Dresdner Kombinat VEB "Elektromaschinenbau" die "VEM-Antriebstechnik" Aktiengesellschaft. Der Debütant erschien zu diesem Zeitpunkt durchaus in robuster Verfassung: Im Geschäftsjahr 1989 hatte das Kombinat mit seinen 28.500 Mitarbeitern 3,7 Milliarden Mark Umsatz erwirtschaftet und einen Gewinn von knapp 400 Millionen Mark erzielt. Die VEM mit Sitz in Dresden war der zweitgrößte Exporteur von Maschinenbauerzeugnissen und setzte ihre Produkte vor allem in den osteuropäischen Ländern des RGW ab. Die Marke war ein ostdeutsches Gütesiegel, die gefertigten Antriebsmaschinen genossen international durchweg einen guten Ruf. Der Kapitalismus, so schien es, konnte kommen.

Die zügige Umwandlung der Volkseigenen Betriebe war der kleinste wirtschaftspolitische Nenner, auf den sich die Verhandlungspartner am Runden Tisch im Februar verständigen konnten. Weil in der Bundesrepublik volkseigene Eigentumsformen rechtlich unbekannt waren, griff die Modrow-Regierung tief in die rechtliche Trickkiste, um das Vermögen der DDR vor dem "willkürlichen Zugriff" des Westens zu schützen: Da das GmbH-Gesetz von 1892 und das Aktiengesetz von 1937 in der DDR formal nie außer Kraft gesetzt worden waren, konnte sich die letzte SED-Regierung beider Gesetze nun zum eigentumsrechtlichen Umbau der Großkombinate bedienen. Als formale Eigentümerin der neuen GmbHs und Aktiengesellschaften sollte, gemäß der Treuhand-Verordnung vom 1. März 1990, die soeben begründete Treuhandanstalt fungieren, die gleichsam den Umbauprozess zu organisieren hatte, auf eine "Anleitung" der Betriebe aber verzichten sollte: Ihre erste Aufgabe war lediglich die "Bewahrung" des volkseigenen Vermögens in den Wirren des Jahres 1990.

Bei den ostdeutschen Betriebsleitungen wurde das Ansinnen in aller Regel freundlich, bisweilen regelrecht enthusiastisch aufgenommen, da man sich nun endlich des auf westlichen Märkten unpopulären Labels "VEB" entledigen konnte. Völlig neue Möglichkeiten etwa für umfangreiche Kooperationen mit westlichen Unternehmen schienen sich durch die angestrebte Umwidmung und die damit verbundenen unternehmerischen Freiheiten aufzutun. Nicht zuletzt aus diesem Grunde bildeten sich vor dem ersten Sitz der Treuhandanstalt Unter den Linden im Frühjahr 1990 lange Warteschlagen von Anzugträgern: Um den langwierigen Postweg zu umgehen und damit die Umwandlung des eigenen Betriebes zu beschleunigen, brachten die meisten Betriebsdirektoren die benötigten Unterlagen am liebsten höchstpersönlich mit dem Auto nach Ostberlin. Kaum jemand wollte den Start in die neue Zeit verpassen.

Die noch nicht einmal hundert, zumeist aus der sich auflösenden DDR-Planungsbürokratie rekrutierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Treuhandanstalt brachen unter dem allgemeinen Andrang fast zusammen: Die Papiere stapelten sich in den viel zu knapp bemessenen Büros, die wenigen Telefonleitungen waren heillos überlastet, die Büroausstattung vollends marode. Auch der bürokratische Ablauf erwies sich als überaus kompliziert. Die eingereichten Unterlagen waren oft fehlerhaft, wichtige ökonomische Kennziffern fehlten und obendrein mangelte es in der DDR an Notaren. Die eigentlich erforderlichen Abschluss- und Eröffnungsbilanzen für die umgewandelten Betriebe konnte die Treuhand sogar erst 1992 vorlegen. Viele Angelegenheiten wurden im Frühsommer 1990, wie THA-Mitarbeiter später fast schon wehmütig berichteten, einfach nur noch "auf Zuruf" abgesprochen. In drei überaus chaotischen Monaten hatte die Treuhandanstalt in ihrer "Pionierzeit" auf diesem Wege knapp 3.500 Betriebe umgewandelt, knapp drei Viertel davon in GmbHs. Damit blieben immerhin gut 4.500 Betriebe, die mit Inkrafttreten des neuen Treuhandgesetzes am 1. Juli 1990 pauschal umgewandelt wurden.

Doch der anfängliche Enthusiasmus versiegte schnell, auch bei der ersten ostdeutschen Aktiengesellschaft. Die VEM hatte nach der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli 1990 mit massiven Liquiditätsschwierigkeiten zu kämpfen. Die angestammten osteuropäischen Absatzmärkte brachen in dramatischem Ausmaß weg, das ostdeutsche Management war für den Sprung in die globale Marktwirtschaft nur unzureichend gewappnet. Der anfängliche Hoffnungsträger VEM entwickelte sich für die Treuhandanstalt mehr und mehr zum Problemfall: Da eine zügige Privatisierung auch 1991 nicht gelang, wurde die inzwischen deutlich geschrumpfte VEM im Mai 1992 in eine "Management-KG" übertragen, die sich unter privater Leitung im Auftrag der THA an der Sanierung des Unternehmens versuchte, dem andernfalls die baldige Abwicklung gedroht hätte. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die VEM mit zehntausend Mitarbeitern nur noch über ein Drittel der Belegschaft von 1989 und häufte pro Jahr gut 160 Millionen DM Verluste an, für die die Treuhandanstalt und damit der Bund aufzukommen hatte. Letztlich gelang im Fall VEM schließlich doch noch eine späte Wende zum Besseren: Im Jahr 1997 übernahm die westdeutsche Merckle-Gruppe den schwer angeschlagenen Elektromaschinenbauer, der damit dem Schicksal einer Vielzahl von DDR-Markenherstellern entging und die Transformationszeit in deutlich geschrumpfter Form überlebte. Im Jahr 2008 beschäftigte die VEM-Gruppe in ihren runderneuerten Werken in Sachsen und Sachsen-Anhalt noch knapp 1.600 Mitarbeiter.

Marcus Böick

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