Grüner Pfeil und miese Einlagen

Eine Diskussion zur ökonomischen Krise der DDR in den achtziger Jahren

Grüner Pfeil und miese Einlagen

Bundesarchiv Bild 183-1986-0422-301-1, Foto: Rainer Mittelstädt

Die Debatte im Atrium der Deutschen Kreditbank in Berlin bewies gestern Abend zumindest eines: Wer über die finale Krise des Sozialismus spricht, kann über die strukturellen Defizite der Planwirtschaft nicht schweigen. Wirtschaftspolitische Ignoranz und Inkompetenz innerhalb der SED-Führung beschleunigten den Weg in den ökonomischen Abgrund.

Am Ende waren Ost und West friedlich vereint und die Fotografen hatten ihr symbolträchtiges Bild. Zwei Stunden hatten Sachverständige und Zeitzeugen am 25. März 2009 über die ökonomische Krise des DDR-Sozialismus und ihren Anteil am Untergang der SED-Herrschaft mehr geplaudert als gestritten. Nun wechselte Thilo Sarrazin noch ein paar freundliche Worte mit Günter Schabowski. Der eine war 1989/90 als Referatsleiter im Bundesfinanzministerium maßgeblich an der Vorbereitung der Währungsunion beteiligt, der andere hatte als Politbüromitglied unabsichtlich die Voraussetzungen dafür geschaffen. "Sie waren also der Mensch, der mir gestattete, einen Teil meiner miesen Einlagen in D-Mark umzutauschen", stellte Schabowski, der Maueröffner, mit einer gewissen Selbstironie fest.

Während Schabowski und Sarrazin das Publikum mit Anekdoten und Anmerkungen aus den inneren Kreisen der Macht in Ost und West unterhielten, zeichnete der Potsdamer Wirtschaftshistoriker André Steiner in seinem Einführungsvortrag ein differenziertes, gleichwohl aus düsteren Farben gemischtes Bild der DDR-Wirtschaft. Die finale Wirtschaftskrise der DDR führte er – wenig überraschend – auf strukturelle Defizite der Planwirtschaft und ideologisch motivierte Fehlentscheidungen der SED-Spitze zurück. Leistungsanreize für die Beschäftigten fehlten, die Komplexität des Systems überforderte die Steuerungsfähigkeit der Politik, notwendige Anpassungen an die technologische Entwicklung kamen zu spät. Fehlentscheidungen der SED-Spitze, die aus Angst vor einer innenpolitischen Destabilisierung vor umfassenden Wirtschaftsreformen – etwa einer Anhebung der Verbraucherpreise – zurückschreckte, verschärften die Probleme.


Petrochemie in Schwedt an der Oder in den 1980er Jahren

"Liquidität statt Rentabilität" lautete Ende der 1980er Jahre die Devise, so Steiner. Um den Schuldendienst zu bedienen, habe die DDR alles in den Westen verkauft, was sich dort irgendwie absetzen ließ. Das Angebot im Lande selbst verschlechterte sich durch die Exportoffensive weiter, was dem Unmut der Bevölkerung neue Nahrung lieferte. Die ökonomische und die politische Krise, wie sie in den Massenausreisen und Massendemonstrationen zutage trat, waren eng miteinander verknüpft und verstärkten sich wechselseitig. Dennoch: 1989 war die DDR "im engeren Sinne noch nicht Pleite", urteilte Steiner. Die Verschuldung im Westen belief sich lediglich auf 10,8 Milliarden US-Dollar – eine Summe, die durchaus beherrschbar schien. Wie in der Politik fehlte jedoch auch in der Wirtschaft die Perspektive. Eine Besserung war nicht in Sicht – im Gegenteil.

Ernsthaft infrage stellen mochte keiner der Diskutanten die Thesen Steiners. Die Historikerin Jeanette Madarász und der Leiter der Magdeburger BStU-Außenstelle, Jörg Stoye, illustrierten vielmehr mit Beispielen aus dem Chemiefaserwerk Premnitz und zwei Magdeburger Maschinenbaukombinaten die Auswirkungen der von Steiner beschriebenen Defizite. Ende der 1970er Jahre war es an der Basis mit dem Optimismus vorbei, den der Machtantritt Honeckers ausgelöst hatte. Fluktuation und Krankenstand stiegen wieder, in den mittleren Leitungsebenen machte sich Apathie breit. Auf Jubelberichte über Fortschritte in der Robotertechnik reagierte die Belegschaft in Premnitz nur noch mit Sarkasmus.

Als Chefredakteur des Neuen Deutschland hatte Günter Schabowski derartige "Nachrichten" zu verantworten. Noch heute überrascht die Ignoranz, mit der er und seine Politbürokollegen die Augen vor dem Verfall der Wirtschaft – über den sie bestens informiert waren – verschlossen: "Das hat uns überhaupt nicht beunruhigt", gibt Schabowski heute freimütig zu. Der Glanz des heraufziehenden kommunistischen Zeitalters habe alle Krisen der Gegenwart überstrahlt und die Führung gegen Reformdebatten immunisiert. "Unsere Grundprägung war, dass wirtschaftliche Probleme hinter der Ideologie zurücktreten mussten."  Die getönten Scheiben der Dienst-Volvos und die frisch getünchten Fassaden an den "Protokollstrecken" dürften die ideologische Ignoranz – oder war es doch nur Dummheit? –  erleichtert haben.

Mit dem Fall der Mauer war aus der geschlossenen Volkswirtschaft der DDR über Nacht eine offene geworden. Um ein "Leerlaufen" der DDR – eine neue Massenflucht zu den höheren Einkommen im Westen – zu verhindern, habe es nur zwei Möglichkeiten gegeben, so Thilo Sarrazin: eine Zollgrenze, also eine, diesmal vom Westen hochgezogene, halbdurchlässige Mauer oder eine schnelle Wirtschafts- und Währungsunion. Dass dabei zu wenig Rücksicht auf Bewahrenswertes aus der DDR genommen worden sei – so eine Meinung aus dem Publikum – mochte Sarrazin nicht erkennen. Der pointenstarke Finanzexperte zeigte auch hier Mut zur klaren Meinung: "Wir haben auch etwas Positives aus der DDR übernommen – den Grünen Pfeil."


Andreas Stirn

 

Fotos: Müller, Mittelstädt, Bundesarchiv

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