Phantomschmerzen der Vergangenheit, Grenzöffnung und Gegenwart

Eine Bücherschau der Leipziger Buchmesse 2010

Kein Blick zurück © Éole (flickr)

Kein Blick zurück © Éole (flickr)

Alljährlich gilt die Leipziger Buchmesse als erster großer Branchentreff des Jahres und stellt mit der Präsentation der Neuerscheinungen des Frühjahres die kommenden Trends für den Büchermarkt vor.

Die Leipziger Buchmesse 2010 (18.-21.3.) ist vorüber und schloss auch diesmal mit einer positiven Bilanz: 156.000 Besucher, 9000 mehr als im Vorjahr kamen zum Jahresauftakt der Buchbranche nach Leipzig. Wirtschaftskrise, aber keine Buchkrise?

Mehr als 2.000 Aussteller aus 39 Ländern präsentierten die Neuerscheinungen des Frühjahrs. Diesmal war die Literatur aus 13 Ländern Südosteuropas (darunter Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Albanien und Montenegro) eingeladen. Und während Slowenien den Blick nach Westeuropa richtet, arbeiten Dichter aus Bosnien und Kroatien die Kriegsverbrechen des Balkankrieges literarisch auf. Allen gemeinsam ist, dass mit den Veränderungen in den neunziger Jahren neue geographische Grenzen und Staaten entstanden, die Vorurteile und Probleme des Zusammenlebens mit sich brachten.

Im Programmheft, das die Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa vorstellte, bezeichnete der Budapester Historiker und Publizist György Dalos, der dieses Jahr den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen bekam, in seinem Grußwort die südosteuropäische Literatur als "Literatur der Grenzöffnung", die nun versuche, die "Phantomschmerzen der nahen Vergangenheit zu lindern" und ein "Gefühl der geistigen und kulturellen Zusammengehörigkeit" zu stärken und zu reflektieren. Dies scheint auch eine Aufgabe, der sich die deutschen Schriftsteller stellen können. Tun sie es? Welche Neuerscheinungen gibt es dazu auf dem Buchmarkt?

Im österreichischen Programm stehen neben lokalen Größen wie Falco und Antonia Rados (Fernsehjournalistin und Kriegsberichterstatterin) die Erinnerungen an 1938-1945 zwischen Exil und Asyl noch weit stärker im Blickpunkt als die Umbrüche vor 20 Jahren und die Neuanfänge. Auch die Schweizer Verlage haben neben zeitgenössischer Schweizer Literatur vor allem Krimis und Humor im Gepäck. Und die deutschen Verlagshäuser?

Besonders die Eulenspiegel Verlagsgruppe hat sich vielfältigen DDR-Themen verschrieben, sei es mit Erinnerungen ehemaliger DDR-Sportler oder Trainer, mit der Biografie Karl Eduard von Schnitzlers oder einer kritischen Untersuchung zu "Die DDR und die Juden" (Februar 2010).

Vor allem die persönlichen Erinnerungen an die DDR-Zeit werden in der Literatur aufgearbeitet und verarbeitet. So berichten Uwe-Karsten Heye und Bärbel Dalichow in "Wir wollten eine anderes Land" (Droemer/Knaur, März 2010) von einer besonderen Familiengeschichte, die die DDR nicht nur vom Ende, vom Stasiland, sondern von ihrem Anfang her sieht. Dalichows Eltern, Brunhilde und Helmut Hanke, sie Oberbürgermeisterin von Potsdam, er Professor für Kulturwissenschaften, lebten den Traum von einer besseren Gesellschaft. Die Zweifel behielten sie für sich, während ihre Tochter rebellierte gegen Unfreiheit, Reglementierung, Bespitzelung und ihre Republikflucht plante. Die Familie zerbrach beinah daran, Helmut Hanke wurde psychisch krank, Brunhilde Hanke konnte die Politik nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinen und Tochter Bärbel stellte fest, dass ihr Ehemann sie an die Stasi verraten hatte.

Auch Politiker melden sich zu Wort. Richard von Weizsäcker, der am 15. April 2010 seinen 90.Geburtstag feiert, verband schon letzten Herbst in "Der Weg zur Einheit" (C.H Beck, September 2009) persönliche Erlebnisse mit Betrachtungen zur deutschen Geschichte, beginnend mit der Niederlage und dem Neuanfang 1945/46. Weizsäckers Biografie erschien im Februar diesen Jahres in zweiter Auflage und seine Buchpräsentationen gehörten in Leipzig zu den Publikumsmagneten.

Eine neue Biografie gibt es auch über "Helmut Kohl. Virtuose der Macht", die als verfrühtes Geburtstagsgeschenk, Kohl begeht am3. April seinen 80. Geburtstag, bei Artemis&Winkler im Januar 2010 erschien. Die Autoren Rolf Steininger und Heribert Schwan widmen dabei die Hälfte des Buches den Ereignissen von 1989/90. 

Und erstmals äußert sich Gerhard Beil, Außenhandelsminister der DDR in seinen Erinnerungen "Außenhandel und Politik" (edition ost, April 2010) über den täglichen Kampf der DDR ums Überleben.

An Sachbüchern über die DDR mangelt es also zu Beginn des Jahres nicht, und wie sieht es im Bereich der Belletristik aus?

Der Aufbau Verlag bringt die Werke renommierter DDR Autoren wie Brigitte Reimann, Anna Seghers und Erwin Strittmatter in neuen Taschenbuchausgaben heraus ebenso wie den brandneuen Roman von Hermann Kant "Kennung", ein zur Groteske getriebenes Spiel über die frühen Jahre der DDR und wohl auch nur etwas für DDR-Veteranen.

Und wie äußern sich jüngere Autoren zum Geschehen? Clemens Meyer, der mit "Als wir träumten" (Fischer 2006) seinen Blick auf Jugendbanden im Leipzig der Nachwendezeit richtete und dafür 2008 unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, ist mit seinem neuen Band "Gewalten. Ein Tagbuch" (Fischer, März 2010) vertreten, autobiografisch gefärbte Geschichten über den Irrwitz unseres Lebens.

Benjamin von Stuckrad-Barre meldet sich mit "Auch Deutsche unter den Opfern" (Kiepenheuer&Witsch, Februar 2010) zurück, einer Reportagen-Sammlung zum Geschehen in Politik, Kunst und Gesellschaft der letzten zwei Jahre.

Also kein Blick zurück sondern auf das Hier und Jetzt. Es scheint so, als ob die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit den Älteren überlassen wird, die 1990er Jahre gehen da ein bisschen unter. Doch Literatur braucht Geduld und Zeit. Und vielleicht heben sich die Autoren und die Verlage das für die Frankfurter Buchmesse auf, die vom 6. bis 10. Oktober stattfindet.

Ellen Koth

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