"Nur wer sich ändert, bleibt sich treu."

Vor 100 Jahren wurde Robert Havemann geboren

Havemann (rechts) 1958 noch mit Parteiabzeichen

Havemann (rechts) 1958 noch mit Parteiabzeichen © BArch Bild 183-54865-0005

Am 11. März dieses Jahres wäre Robert Havemann, einer der bekanntesten Dissidenten der DDR, 100 Jahre alt geworden. Anlass genug für Bewunderer, Weggefährten, Freunde und Familienmitglieder im klassizistischen Ambiente eines Vorlesungsaals unweit der Berliner Charité ein Fest der Erinnerungen zu feiern.

Katja Havemann, die letzte Ehefrau des Regimekritikers, war ebenso wie der mit einer von vielen Kritikern als ungerechte Nestbeschmutzung verstandenen Havemann-Biografie hervorgetretene Sohn Florian in das Langenbeck-Virchow-Haus gekommen. Marianne Birthler, Markus Meckel, Antje Vollmer und 150 weitere, mehr oder weniger prominente Gäste hatten an diesem 11. März auf den blaubespannten Stühlen des Hörsaals Platz genommen, zwischen dessen ansteigenden Reihen die Gäste wie Badende zwischen Wellenbergen hervorschauten und damit ein angemessen heiteres, geburtstagsfröhliches Bild boten. 

Die Feier im klassizistischen Vorlesungssaal des Langenbeck-Virchow-Hauses auszurichten war nicht ohne gewisse Pikanterie, hatte hier doch die DDR-Volkskammer vor ihrem Umzug in den Palast der Republik getagt. Eines der Mitglieder dieses Pseudo-Parlamentes war Robert Havemann. Als Mitglied der Fraktion des Kulturbundes und strenggläubiges SED-Mitglied hatte er in den fünfziger Jahren die stalinistische Politik seiner Parteiführung mitgetragen und in seinem Wirkungsbereich vorangetrieben – nur einer der vielen Widersprüche, oder besser: Wendungen, im Leben dieses Mannes, der, so der Vorstandsvorsitzende der Havemann-Gesellschaft Siegfried Zoels, "vom Ja-Sager sich hin entwickelt hat zum radikalen Kritiker der neuen Gesellschaftsordnung". Eine Bildprojektion zeigte den Kommunisten Havemann, mit prophetischem Zeigefinger zwei jungen Menschen die Zukunft weisend. Unter dem Eindruck der Enthüllungen über Stalins Verbrechen begann Havemann sich Mitte der 1950er Jahre von der Ulbricht-SED zu distanzieren. Seiner freigeistigen, kritischen Vorlesungen wegen verlor er in den 1960er Jahren sämtliche Ämter und seine Parteimitgliedschaft. Als er 1976 gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte, wurde Havemann unter Hausarrest gestellt. Insgesamt 200 Bewacher sorgten für eine zwei Jahre währende Isolation.

Uwe Richter, Pressesprecher der Havemann-Gesellschaft, befragte Gerd Poppe, der seit den frühen 1970er Jahren mit Havemann befreundet war. Für ihn wie für weite Teile der kleinen DDR-Opposition sei Havemann ein Vorbild gewesen, bekannte Poppe. Ein Vorbild wohlgemerkt, das zur Selbstkritik fähig gewesen sei. Havemann habe mit seinem Beispiel bewiesen, dass auch der Einzelne der Diktatur etwas entgegenzusetzen vermochte. "Phantasievoll" habe Havemann sich gegen die Schikanen des Staates zur Wehr gesetzt. Immer wieder sei es ihm trotz der Rundumbewachung der Staatssicherheit gelungen, seine Texte in den Westen zu schmuggeln.

Der Maler Thomas Klingenstein, der als sehr junger Mann, nachdem er sich vom SED-Staat losgesagt hatte, den Kontakt zu den "bösen Leuten" der Opposition gesucht hatte, berichtete, Havemann sei ein "seltenes Exemplar Mann seiner Generation" gewesen: Er sei nicht autoritär aufgetreten, habe aber dank seiner Intellektualität über Autorität verfügt. In einer kleinen schauspielerischen Einlage führte Klingenstein die charakteristische Sitzhaltung Havemanns vor: einmal zurückgelehnt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen – selbstsicher und selbstgewiss, ein anderes Mal aufmerksam vorgebeugt, als wolle er förmlich in seinen Gesprächspartner hineinkriechen.

Katharina Meinel, Tochter des mit Havemann eng befreundeten Grünheider Pfarrers, die als Kind und Heranwachsende im Hause Havemann ein- und ausging, fügte dem freundlichen Havemann-Bild eine weitere Nuance hinzu. Ihr habe vor allem Havemanns Scharfsinn imponiert. Havemann sei für die mathematikbegeisterte Heranwachsende ein "Trainer im streng logischen Denken" gewesen, der auf andere Weise fragte und dachte als die meisten Mitglieder der ostdeutschen Oppositionsszene, bei denen ein eher assoziatives und emotionales Sprechen überwogen habe. Robert Havemann, so Meinel, "fuhr keinen Schmusekurs". Als "Sparringspartner" habe er sie fit für die Auseinandersetzung mit der FDJ- und Parteileitung ihrer Schule gemacht.

Kurz darauf erzählte Biermann in einem Konzert, das nur wenige Lieder, aber viele mit Derb- und Heiterkeiten und locker aus dem Handgelenk geschüttelten Neologismen versehene Anekdoten bot, von seiner engen Freundschaft mit Havemann. Dem Hamburger Sänger stand die Freude über die Chuzpe seines Freundes, der die Nazis ebenso wie die DDR-Kommunisten genarrt habe, noch zwei Jahrzehnte nach dessen Tod ins Gesicht geschrieben. "Feige war er nicht", lobte Biermann, sondern "chronisch zukunftsfreudig". Havemann "mit seinem Hochmut, seiner naturwissenschaftlichen Härte" habe ihm Kraft gegeben, wenn er verzagt sei. Das Lied "Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um" könne als musikalisches Psychogramm Havemanns verstanden werden. Ohne Havemann hätte er ein solches Lied nicht schreiben können. Ohne Havemann, so gestand der nicht gerade für übermäßige Selbstzweifel bekannte Sänger, wäre er "vertraurigt".

Biermann zog die Lederjacke aus, krempelte die Ärmel hoch und öffnete den obersten Knopf seines rostbraunen Hemdes – und sang. Seine noch immer kraftvoll modulierende Stimme füllte ohne Mühe den fast wehmütig den alten Liedern hinterher lauschenden Hörsaal. Doch Biermann sang seinem Freund keinen Heiligenschein. Aufkommende andachtsvolle Momente bremste er, indem er mehrmals betonte, dass Havemann in den 1950er Jahren ein "Bonze" gewesen sei, der aktiv an der Diskriminierung von Mitgliedern der "Jungen Gemeinde" mitgewirkt habe. Doch Havemann habe die Kraft gehabt, mit dieser Vergangenheit zu brechen und neu zu beginnen. Denn, und hier führte Biermann einen seiner geradezu zum Sinnspruch gewordenen Titel an: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu." Auf der Leinwand im Hintergrund lächelte ein älterer Havemann verschmitzt aus dem Fenster seines Grünheider Hauses.

Andreas Stirn

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