"Die DDR-Bürger haben sich für die Bundesregierung entschieden..."

Am 18. März 1990 wählt die Mehrheit der DDR-Bürger die Wiedervereinigung

Wahlplakate

Buhlen um die Gunst der Wähler © BArch Bild B 183-1990-0214-026, Häßler

Als die Übergangsregierung unter Ministerpräsident Hans Modrow Anfang Dezember einen Wahltermin im Mai 1990 ins Auge fasst, erscheint dies den meisten Oppositionsgruppen mit Ausnahme der SDP viel zu früh. Lediglich die in PDS umbenannte SED und die ehemaligen Blockparteien verfügen über einen einsatzfähigen Parteiapparat und die erforderlichen Kompetenzen für einen schlagkräftigen Wahlkampf. Mitten im Chaos der revolutionären Umwälzungen wird der Wahltermin schließlich auf den 18. März vorverlegt. Ein Thema bestimmt den Wahlkampf: Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten und die Auflösung der DDR.

Am Tag der ersten freien demokratischen Wahl seit der Reichstagswahl vom 6. November 1932 werben 24 Parteien, politische Vereinigungen und Wahlbündnisse um die Stimmen der DDR-Bürger. Zu vergeben sind 400 Mandate, es gilt das reine Verhältniswahlrecht, Listenvereinigungen sind dabei zulässig. Die Wahlbeteiligung ist historisch einmalig. 93,4 Prozent aller Wahlbeteiligten – 11,6 von 12,4 Millionen DDR-Bürgern – geben an diesem Tag ihre Stimme ab. Die ostdeutschen Sozialdemokraten scheinen die weitaus besten Ausgangsvoraussetzungen zu haben. Die Wahlumfragen prophezeien einen klaren Sieg der SPD.

Überraschender Wahlsieger am 18. März ist jedoch das Wahlbündnis "Allianz für Deutschland". Bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU (40,8 Prozent), der neu gegründeten Deutschen Sozialen Union (DSU) (6,3 Prozent) und dem Demokratischen Aufbruch (0,9 Prozent) erhält das Wahlbündnis insgesamt 48 Prozent. Klarer Verlierer der Wahl ist hingegen die SDP. Sie erhält lediglich 21,9 Prozent der Stimmen. Nur in Berlin unterliegt die "Allianz für Deutschland" der SDP und erhält mit 21,6 Prozent 13,3 Prozentpunkte weniger als die Sozialdemokraten. Auch die PDS erreicht nur 16,4 Prozent, ist aber dennoch der zweite große Wahlsieger an diesem Tag. Weitere Wahlverlierer sind mit 2,9 Prozent das Neue Forum, die Initiative Frieden und Menschenrecht und Demokratie Jetzt, die sich zum "Bündnis 90" zusammengeschlossen hatten sowie die Grüne Partei mit 2 Prozent. Der Bund Freier Demokraten erhält 5,3 Prozent. 

Bis auf die "Vereinigte Linke" – unter anderem bestehend aus christlichen Sozialisten, Trotzkisten und Autonomen – bekennen sich nun alle Gruppierungen zur Wiedervereinigung. Unterschiede bestehen lediglich in der Frage der Schnelligkeit und Form der Vereinigung. Die "Allianz für Deutschland" steht in Anlehnung an ihre westdeutsche Schwesternpartei und den bundesdeutschen Kanzler und CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl für den schnellsten Weg zur Einheit. Sie propagiert die Formel "Sofortige Einführung der D-Mark". Mit diesem Slogan findet sie bei der Mehrzahl der DDR-Bürger Gehör: Der schnellen Übernahme des westdeutschen Wirtschafts- und Währungssystems und einem Anschluss an die Bundesrepublik nach Art. 23 des Grundgesetzes scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

Auch die PDS, in der man aus heutiger Sicht zuweilen eine Gegnerin der Wiedervereinigung vermuten könnte, plädiert für das Unvermeidbare – die Einheit. Sie wünscht  sich allerdings einen langsameren und schrittweisen Einigungsprozess, bei dem Werte und Leistungen der DDR-Gesellschaft bewahrt bleiben sollen. Was das konkret heißt, bleibt allerdings vage. Vorstellungen der oppositionellen Bürgerbewegungen über einen "dritten Weg" finden bei den Bürgern der DDR kaum Anklang.

Das Wahlergebnis bestätigt, was sich während der letzten Wochen des Wahlkampfes bereits abzeichnete. Sowohl die West-SPD als auch die West-CDU hatten ihre ostdeutschen Schwesternparteien mit Millionenbeträgen unterstützt. Entscheidend war aber nicht die Stärke der Organisation, sondern die Glaubwürdigkeit des Versprechens über den Vollzug der Wiedervereinigung. Der Vorsitzende der westdeutschen Sozialdemokraten, Oskar Lafontaine, begegnet der Wiedervereinigung eher skeptisch und warnt auf einem Parteitag im Dezember 1989 vor emotionalen Überschwungshandlungen. Auf Wahlkampfveranstaltungen in Erfurt und Chemnitz jubeln währenddessen über hunderttausend Besucher Helmut Kohl zu. Die Unterstützung der westdeutschen Schwesternpartei mit großen finanziellen und personellen Leistungen zahlt sich aus. Bei der ersten demokratischen Wahl richten sich die Wähler gegen ihr einstiges Land. Steffen Reiche, Vertreter der SPD in der DDR resümiert somit zu Recht: "Die DDR-Bürger haben sich für die Bundesregierung entschieden, nicht für eine bestimmte Partei."

Kaja Wesner

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