Wiedervereinigung mal anders...

Gerhard A. Ritters kurze Geschichte des deutschen Einigungsprozesses

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Eine kurze Geschichte der Einheit: Gerhard A. Ritter © Nora Bibel

Gerhard A. Ritter, einer der bekanntesten deutschen Sozialhistoriker, hat eine konzise Geschichte der Wiedervereinigung und ihrer Folgen vorgelegt. Der schnelle Anschluss der DDR sei notwendig gewesen, um das nur kurz geöffnete Zeitfenster für die Wiedervereinigung zu nutzen.

Rechtzeitig zum Jubiläum des Einigungsprozesses erschien ein kleines publizistisches Werk, welches die Geschichte der Einigung aus einem neuen, bisher wenig beachteten Blickwinkel betrachtet. Autor Gerhard Albert Ritter ist Professor Emeritus für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München und hat seine Schwerpunkte unter anderem in der Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, der Geschichte der Bundesrepublik bis 1990 sowie der DDR und der Bundesrepublik seit der Wiedervereinigung.

Dementsprechend greift seine Arbeit die Wendezeit aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive auf. Eine Untergliederung in drei größere Abschnitte führt von der "deutschen Einigung als Problem der internationalen Politik", über "Sozialpolitik in der deutschen Einigung", hin zur "Wirtschafts-, Finanz- und Verfassungspolitik der Einigung". Was sich zunächst recht trocken anhört, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als gelungener Ansatz die deutsche Wiedervereinigung zu beschreiben, ohne sich in Ereignissen wie dem Mauerfall oder den zahlreichen Demonstrationen der Bürger der DDR zu verlieren. Ritter greift hierbei auf sein letztes großes Werk, "Der Preis der deutschen Einheit" zurück und kann dessen Grundzüge auf gerade einmal 145 Seiten geschickt mit der deutschen Außenpolitik jener Jahre und aktuellen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Diskursen über die neuen Bundesländer verbinden.

Der erste Abschnitt beginnt mit dem Zusammenbruch der SED-Herrschaft, setzt sich chronologisch fort mit der Währungsunion und den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen sowie dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik und findet schließlich in einer Bilanz der deutschen und europäischen Einheit seinen Abschluss.

Hier sieht Ritter den glücklichen Ausgang der Einigung vor allem in den großen staatsmännischen Leistungen der amtierenden Politiker und der geschickten Ausnutzung eines nur kleinen Zeitfensters begründet. Ein Regierungswechsel in der Sowjetunion oder eine Verlagerung der amerikanischen Prioritäten, man denke nur an einen früheren Beginn des Golfkrieges, hätte dieses sicher geschlossen.

Der zweite Abschnitt setzt das Werk in einer eher thematischen Gliederung fort. Nach einer Vorstellung der politischen und sozialen Akteure wird das soziale Sicherungssystem beleuchtet. Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem Gesundheitswesen, der Pflegeversicherung, der Familien- und Frauenpolitik. Auch Arbeitsrecht, Arbeitsbeziehungen und Arbeitsmarktpolitik werden angegangen. Seinen Abschluss findet der Abschnitt in einer Bilanz mit internationalem Vergleich.

Ritter hält fest, dass Axel A. Weber, der Präsident der deutschen Bundesbank, Recht hatte, als dieser erklärte, die enormen Kosten der Wiedervereinigung würden Deutschlands "underperformance"  im internationalen Vergleich der letzten zehn Jahre erklären. Gleichzeitig merkt Ritter aber an, dass die Reformen der Wende den Umbruch zumindest sozial abgefedert hätten. Dieser Vorgang sei geglückt. Die Programme zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland hätten dagegen über lange Zeit nicht gefruchtet. So muss Ritter konstatieren, dass die Einigung die finanzielle Krise des deutschen Sozialstaates erheblich verschärft habe.

Der dritte und abschließende Abschnitt beginnt mit Einblicken in die Verfassungsproblematik und die politischen Auseinandersetzungen der Einigung. Anschließend blendet Ritter zum wirtschaftlichen Niedergang der DDR über. Es folgen der Staatsvertrag vom 18. Mai 1990 und der Einigungsvertrag vom 31. August 1990, die in ihren Auswirkungen auf Währung, Wirtschaft, Soziale Fragen und Verfassung beleuchtet werden. Den Abschluss bildet ein Überblick über die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf Wirtschaft und Staatskörper der BRD und die zahlreichen Veränderungen, denen die Bevölkerung der neuen Bundesländer, im Zuge der Wiedervereinigung unterworfen war.

Hier nimmt Ritter Stellung gegen diejenigen Kritiker der Wiedervereinigung, die ein langsames Zusammenwachsen der beiden Staaten im Einigungsprozess vermissten und betont nochmals das kurze Zeitfenster, welches den Architekten der Wiedervereinigung zur Verfügung stand. Auch Ritter steht der Umsetzung der Vereinigung kritisch gegenüber und zählt zahlreiche politische und bürokratische Fehlleistungen auf. Vor der historischen Entwicklung, dem temporären Druck, der einer Wiedervereinigung nur wenig Zeit ließ, lässt er diese Probleme aber zurücktreten. Als Preis dafür müsse Deutschland, so Ritter, ein noch lange fortbestehendes wirtschaftliches Ungleichgewicht in Kauf nehmen.

Als Einstieg in die Spätphase der Wiedervereinigung und ihre Sozialgeschichte ist das Werk nur zu empfehlen. Das große Quellen- und Literaturverzeichnis sowie die zahlreichen Fußnoten machen es zu einem gelungenen Überblickswerk.

Torben Gülstorff

 

Gerhard A. Ritter: Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk! Geschichte der deutschen Einigung. München 2009.

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