Warten auf ein Wirtschaftswunder

Die Treuhandanstalt organisierte das Ende der Planwirtschaft

Die Treuhand in der Kritik, 1990

Die Treuhand in der Kritik, 1990 © BArch Bild 183-1990-1219-006, Franke

Montagsdemonstrationen und Mauerfall sind fest im öffentlichen Bewusstsein verankert. Die "Abwicklung" der ostdeutschen Wirtschaft und die Arbeit der Treuhandanstalt sind hingegen seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend aus dem Blickfeld geraten. Dabei prägte der radikale Umbau der Ostwirtschaft den Wiedervereinigungsprozess entscheidend, und das zum Teil bis heute.

Als die Modrow-Regierung am 1. März 1990 nach längeren Debatten am zentralen Runden Tisch per Verordnung die Einrichtung einer treuhänderischen Anstalt zur Bewahrung des Volksvermögens zum 15. März beschloss, nahmen davon lediglich wenige Experten in Ost und West Notiz – zu sehr absorbierte der erste Volkskammerwahlkampf die öffentliche Aufmerksamkeit. Die soeben gegründete Behörde mit ihren noch nicht einmal einhundert, aus der sich auflösenden Planungsbürokratie heraus rekrutierten Mitarbeitern gebot damit formal über das Gros der DDR-Volkswirtschaft: Über vier Millionen "Werktätige" waren in den knapp 8.000 Kombinaten und Betrieben beschäftigt, zudem verwaltete die THA mehr als 25.000 Immobilien und knapp 60 Prozent der Fläche der DDR an Grund und Boden. Die Treuhand wusste so gut wie nichts über ihre weitläufigen Besitzungen, so dass sich die ersten Monate ausschließlich in einer fast verzweifelten Bestandserfassung erschöpften. Eine Privatisierung des immensen Vermögens stand im März 1990 keineswegs zur Debatte, im Gegenteil: Hauptaufgabe der neuen Behörde und ihrer 15 Außenstellen in den Bezirkshauptstädten der DDR sollte es sein, das Volkseigentum vor einem "Ausverkauf" an westliche Investoren zu schützen – durch die möglichst schnelle Umwandlung der Ostfirmen in die bundesrepublikanisch gängigen Eigentumsformen der GmbH und Aktiengesellschaft.

Der Wahlsieg des bürgerlichen Lagers bei der Volkskammerwahl am 17. März 1990 war auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht eine fundamentale Richtungsentscheidung: Nicht mehr die schrittweise Reform des Volksvermögens stand nun im Vordergrund, sondern die möglichst zügige Einführung einer am bundesrepublikanischen Vorbild orientierten Marktordnung, die ausschließlich auf Privateigentum beruhte. Das von der de-Maizière-Regierung eingebrachte und am symbolträchtigen 17. Juni 1990 von der Volkskammer nach hitziger Debatte beschlossene "Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens (Treuhandgesetz)" bezeichnete nun die zügige "Verwertung des volkseigenen Vermögens" und die schnellstmögliche "Rückführung staatlicher Aktivitäten" durch umfangreiche Privatisierungen als wirtschaftspolitisches Kernanliegen der dafür deutlich um- und auszubauenden Behörde.

Mit der Wirtschafts- und Währungsunion vom 1. Juli 1990 sah sich die THA, deren ostdeutsches Personal noch immer fieberhaft an der Erfassung und Umwandlung des von ihr verwalteten Volkseigentums arbeitete, mit einem vollkommen veränderten Handlungsumfeld konfrontiert: Plötzlich mussten die schlagartig den freien Marktkräften ausgesetzten Ostunternehmen alle finanziellen Transaktionen, vor allem die Auszahlung der Löhne und die Bezahlung von Vorprodukten, in DM abwickeln und sich hierfür um Kredite bei westdeutschen Bankhäusern bemühen – und das ohne die hierfür notwendigen betriebswirtschaftlichen Kennziffern. In dieses "Chaos" hinein kamen die ersten westdeutschen Mitarbeiter zur Ostberliner Treuhandzentrale am Alexanderplatz, die insbesondere auf Druck der Bundesregierung künftig die Führungsetagen der THA übernehmen sollten. Der erste Treuhand-Präsident, der Chef der Bundesbahn Reiner Gohlke, warf schon nach vier Wochen überfordert das Handtuch. Ihm folgte am 15. August der als energischer "Sanierer" bekannte Chef des krisengeplagten Dortmunder Stahlkonzerns Hoesch, Detlev Rohwedder, der sich fortan an den Um- und Ausbau der THA machte, um westdeutsches Personal warb und in der Öffentlichkeit zum populären wie meinungsfreudigen "Gesicht" der frühen Treuhand avancierte.

Hatten im Frühjahr und Sommer 1990 noch diffuse Hoffnungen auf ein "Zweites Wirtschaftswunder" im Osten wie Westen weite Teile der Öffentlichkeit dominiert, kippte diese Stimmung mit den ersten großen Stilllegungsentscheidungen der Treuhand im Oktober 1990 schlagartig. Die ehemalige Staatsairline Interflug wurde ebenso abgewickelt wie die DDR-Automobilindustrie. Insbesondere im Frühjahr 1991 sah sich die THA unter ihrem Präsidenten Rohwedder einem regelrechten "Tornado der Kritik" ausgesetzt: Zehntausende Menschen versammelten sich auf ostdeutschen Marktplätzen zu "Montagsdemonstrationen", blockierten Flughäfen und Autobahnabschnitte, besetzten ihre von der Schließung bedrohten Betriebe und immer wieder die Treuhandzentrale in Berlin. Mitte März 1991 folgten in Leipzig mehr als sechzigtausend Menschen einem Aufruf von IG-Metall, Kirchen und Oppositionsparteien, um lautstark gegen das "barbarische Treuhand-Regime" und den "brutalen Kahlschlag" auf dem "Schlachthof Ost" (IG-Metall-Chef Steinkühler) zu demonstrieren. Die aufbrandende Welle des sozialen Protests in Ostdeutschland sollte erst mit den tödlichen Schüssen auf Detlev Rohwedder am 1. April 1991 für einige Zeit abebben.

Rohwedders Nachfolgerin wurde die einstige niedersächsische Finanz- und Wirtschaftsministerin Birgit Breuel, die in den kommenden Jahren das mühsame "Alltagsgeschäft" der Privatisierung und Abwicklung, später auch der Sanierung ausgesuchter Großbetriebe verantwortete. Der ostdeutsche Protest gegen den radikalen Wirtschaftsumbau und seine sozialen Folgen vor Ort hatte sich indessen in die Regionen verlagert und drang nur noch gelegentlich ins Blickfeld der gesamtdeutschen Öffentlichkeit – wie etwa der drastische Hungerstreik von Kalibergarbeitern von Bischofferode im Sommer 1993 gegen die Schließung ihres Bergwerks. Die Treuhandanstalt selbst wurde am 30. Dezember 1994 aufgelöst, die verbliebenen Aufgaben nahmen wenig bekannte Nachfolgebehörden war. Die Zeit der großen Bilanzen war gekommen: Von den über vier Millionen Arbeitsplätzen waren lediglich 1,2 Millionen erhalten geblieben, die sich nun ganz überwiegend in der Hand westdeutscher Investoren befanden. Vor allem die klassischen Großindustrien hatten den abrupten Übergang vom Plan zum Markt nicht verkraftet; fast alle Ostprodukte waren vom Markt verschwunden. Statt der im Sommer 1990 erhofften Privatisierungserlöse hatte die THA über 270 Milliarden DM an Schulden angehäuft, die von der Bundesregierung in einen Schattenhaushalt verschoben wurden. Das Wirtschaftswunder Ost war ausgeblieben.

Marcus Böick

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