Grünes Licht vom Roten Platz

Am 10. Februar 1990 stimmt Michail Gorbatschow der Wiedervereinigung zu

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Zwei Männer auf dem Weg zur Einheit © Bundesreg. Bild B 145 Bild-00002207

Mit seinem Zehn-Punkte-Plan hat Helmut Kohl für Verstimmung in Moskau gesorgt. Gegen den Willen der Sowjetunion aber kann es keine Vereinigung der beiden deutschen Staaten geben. Bis Anfang 1990 herrscht frostige Funkstille zwischen Bonn und Moskau. Doch dann stimmt Michail Gorbatschow doch noch einer deutschen Wiedervereinigung zu. Im Februar 1990 ist damit die größte Hürde auf dem Weg zur Einheit aus dem Weg geräumt worden.

Am Morgen des 10. Februar 1990 bricht Helmut Kohl zur wohl heikelsten außenpolitischen Mission seiner Amtszeit auf. Mit einer Bundeswehrmaschine fliegt der Kanzler nach Moskau, um mit Gorbatschow über die Frage einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu sprechen. Kohl will nicht weniger als die Zustimmung Moskaus zur Deutschen Einheit erwirken.

Zwei Monate zuvor, am 28. November 1989, war Kohl mit einem Zehn-Punkte-Plan vorgeprescht, der eine schrittweise Annäherung von DDR und Bundesrepublik mit dem Fernziel der Wiedervereinigung vorsah. Während Bonn den amerikanischen Präsidenten George Bush in den Plan eingeweiht hatte, fühlte Gorbatschow, der vorab nicht informiert worden war, sich von der Initiative des Kanzlers überrumpelt. Entsprechend frostig fiel die Reaktion des KPdSU-Vorsitzenden aus. Als alliierte Siegermacht des Zweiten Weltkrieges hatte die Sowjetunion bei allen Fragen, die Deutschlands als Ganzes betrafen, ein entscheidendes Wort mitzureden. Bei einem Zusammentreffen mit Außenminister Genscher Anfang Dezember 1989 brachte Gorbatschow seine Verärgerung unverhohlen zum Ausdruck und attackierte Kohls Zehn-Punkte-Programm scharf. Die Verweigerungshaltung Moskaus drohte weitere Schritte auf dem Weg zur Einheit zu blockieren.

Seit Anfang 1990 bemüht sich das Kanzleramt in Moskau um einen Gesprächstermin, doch die Kommunikationskanäle scheinen gestört zu sein. Der Grund für die merkwürdige Funkstille: Gorbatschow, der mit seinen Reformen ursprünglich den sowjetischen Kommunismus retten wollte, ist in die Schusslinie reformfeindlicher Kräfte geraten, die einen weiteren Zerfall der merklich geschwächten Sowjetmacht stoppen wollen – notfalls mit Waffengewalt. Erst als der Machtkampf hinter den Mauern des Kremls zugunsten der Reformkräfte entschieden ist, kann Moskau sich erneut für Gespräche über die Deutsche Einheit öffnen. Im Januar 1990 empfängt Bonn Signale aus der sowjetischen Führungsspitze, die Anlass für einen gewissen Optimismus geben. Moskau scheint zu einer neuen deutschlandpolitischen Beweglichkeit gefunden zu haben.

Kohl reist nicht ohne Rückendeckung aus Paris, London und vor allem aus Washington nach Moskau. Als der Kanzler am 10. Februar auf dem Flughafen Wnukowo II eintrifft, weiß er die westlichen Verbündeten weitgehend hinter sich. Vor allem George Bush hat ihm mit einem Schreiben an Gorbatschow, in dem der US-Präsident das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in Fragen der staatlichen Einheit betonte, den Rücken gestärkt. Außenminister James Baker hat in einem Gespräch mit Gorbatschow ebenfalls unmissverständlich klar gemacht, dass die USA eine deutsche Wiedervereinigung massiv unterstützen würden.

Am 30. Januar 1990 empfängt Gorbatschow Ministerpräsident Modrow, der auf Hilfe aus Moskau hofft. Stattdessen muss Modrow zur Kenntnis nehmen, dass der einstige "Große Bruder" die Wiedervereinigung nicht verhindern werde. Elf Tage später landet Helmut Kohl mit einer Bundeswehrmaschine  in der sowjetischen Hauptstadt. Für den Kanzler steht viel auf dem Spiel. Ohne das Entgegenkommen Moskaus wird er den immer lauter werdenden Rufen der Ostdeutschen nach einer schnellen Wiedervereinigung nicht gerecht werden können. Zudem steht die erste freie Volkskammerwahl vor der Tür und ein außenpolitischer Durchbruch in Moskau, so viel ist klar, wird dem konservativen Wahlbündnis "Allianz für Deutschland" einen unschätzbaren strategischen Vorteil verschaffen. Und, nicht zu vergessen: Der geschichtsbewusste Historiker Kohl weiß, dass er im Falle eines Verhandlungserfolgs die Fußstapfen, die sein Vorbild Konrad Adenauer 1955 in Moskau hinterließ, mit seinem eigenen Abdruck mehr als ausfüllen wird.   

Gorbatschow wiederum weiß, dass die Tage des sowjetischen Imperiums gezählt sind. Die Wirtschafts- und Versorgungskrise hat ein beunruhigendes Ausmaß angenommen. Nationalitätenkonflikte erschüttern den kommunistischen Koloss. Der KPdSU-Chef ist auf die Hilfe der westlichen Welt angewiesen. Aus der Bundesrepublik werden Lebensmitteltransporte als Geste des guten Willens und Vorgeschmack auf künftige Hilfe in die Sowjetunion geschickt.

Nach einem etwa einstündigen Gespräch erklärt der Staatschef der ernsthaft geschwächten Supermacht am Nachmittag dieses 10. Februar 1990 nun, Moskau werde das "Recht der Menschen, die Einheit anzustreben und über die weitere Entwicklung zu entscheiden" respektieren. Die Deutschen in Ost und West sollten in freier Selbstbestimmung darüber entscheiden, ob sie nach mehr als 40 Jahren der Trennung wieder in einem gemeinsamen deutschen Staat leben wollen. "Die Deutschen müssen selbst wissen, welchen Weg sie gehen wollen", erklärt er dem Bundeskanzler. Damit ist der Weg zur Wiedervereinigung frei. Lediglich die Frage der Bündniszugehörigkeit des vereinten Deutschland ist noch ungeklärt. Ebenso müssen die genauen Bedingungen Moskaus für den Vollzug der Einheit noch geklärt werden. Dass Kohl als "Kanzler der Einheit" in die Geschichte eingeht, hat er nicht zuletzt Michail Gorbatschow zu verdanken.

Andreas Stirn

 

 

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