Planlos in die Marktwirtschaft?

Anfang 1990 begann der Aufbau marktwirtschaftlicher Strukturen in der DDR

Cottbus-Brikettfabrik im "Ruhestand"

Brikettfabrik im "Ruhestand" © BArch Bild 183-1990-0509-018, Weisflog

Die revolutionäre Umwälzung von 1989/90 betraf das ökonomische System der DDR ebenso wie das politische. Im Spätherbst 1989 war klar, dass die in Ineffizienz erstarrte Planwirtschaft ohne Zukunft war. Zugleich begann das wirtschaftliche Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten, vielfach noch ungesteuert, beflügelt durch die Initiative vieler Wagemutiger und einiger "Goldgräber", die die Gelegenheit für ein gutes Geschäft gekommen sahen. Die Angleichung der DDR an die ökonomischen Strukturen der Bundesrepublik bereitete die staatliche Einheit vor. Alternative Vorstellungen zur Revolutionierung des ostdeutschen Wirtschaftssystems blieben auf der Strecke.

Zum Jahreswechsel 1989/90 kursierten verschiedene Vorstellungen über die Zukunft der DDR-Wirtschaft. In ihrer vier Monate währenden Amtszeit arbeitete die Regierung Modrow ein wirtschaftspolitisches Reformkonzept aus, das die Abkehr von einer staatlich gelenkten Planwirtschaft vorsah und eine grundsätzliche Anerkennung marktwirtschaftlichen Handels beinhaltete. Zugleich sollten Schlüsselindustrien in staatlicher Hand verbleiben, sollte kollektiven Eigentumsformen, etwa in Form von Genossenschaften, Priorität eingeräumt werden. Kleinbetriebe, die während der letzten Verstaatlichungswelle Anfang der siebziger Jahre enteignet worden waren, sollten reprivatisiert werden. "Wir erleben ein großes Abenteuer", erklärt der DDR-Wirtschaftswissenschaftler Heinz-Dieter Haustein im Hinblick auf den schnellen und historisch einzigartigen Wechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft. "Wir stoßen uns an einem Ufer ab, wissen aber nicht, ob und wann wir am anderen Ufer ankommen."

Ein Papier aus dem DDR-Wirtschaftsministerium definierte Anfang Februar 1990 als Ziel der umfassenden Reformen eine "sozial und ökologisch orientierte Marktwirtschaft", die das Leistungsprinzip fördern sowie Gewerbefreiheit und die Gleichberechtigung aller Eigentumsformen garantieren sollte. Die am Runden Tisch beteiligten Bürgerbewegungen begrüßten die wirtschaftspolitischen Absichtserklärungen der Modrow-Regierung, da sie hofften, dass so ein"Ausverkauf" der DDR-Wirtschaft insbesondere an bundesdeutsche Unternehmer verhindern werden könne. Das Kabinett Modrow hatte allerdings bereits Ende Januar angekündigt, westlichen Kapitalgebern Mehrheitsbeteiligungen an ostdeutschen Unternehmen zu gestatten. Ein schlüssiges und detailliert ausgearbeitetes Reformkonzept besaß die Modrow-Regierung nicht.

Am 1. März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, die die am gleichen Tag beschlossene Umwandlung der Kombinate und Volkseigenen Betriebe in Kapitalgesellschaften begleiten sollte. Die Initiative zur Bildung einer derartigen Behörde war Mitte Februar von den Bürgerbewegungen am Runden Tisch ausgegangen. Diese hatten vor allem eine Sicherung des Volksvermögens vor einem Zugriff aus der Bundesrepublik und dessen sozial gerechte Verteilung im Sinn gehabt. Die Angst vor einem "Ausverkauf", der den DDR-Bürgern ihr gerade erst errungenes Selbstbestimmungsrecht in ökonomischer Hinsicht nehmen könnte, kursierte. Eine zentrale Forderung von Bündnis 90 (das Anfang Februar aus dem Neuen Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative Frieden und Menschenrechte gegründet worden war) und der Ost-SPD: Das Volksvermögen sollte durch Anteilsscheine unter den Ostdeutschen verteilt werden – Planungen, die nicht weniger als eine Neudefinition des Begriffs des Volkseigentums und dessen tatsächliche Demokratisierung bedeuteten. Doch derartige Vorstellungen blieben im Prozess der schnellen deutsch-deutschen Annäherung ohne Chance. Stattdessen eröffnete die Modrow-Regierung mit einer Verordnung vom 1. März die Möglichkeit, staatliche Kombinate in Privatunternehmen nach bundesdeutschem Vorbild umzuwandeln. Dies tat sie nicht zuletzt auf Verlangen Bonns. Die Bundesrepublik hatte Kreditzusagen von einer schnellen Privatisierung der DDR-Wirtschaft abhängig gemacht. Es scheint, als ob die letzte Regierung unter Führung der SED-PDS, ebenso wie auf deutschlandpolitischem Gebiet, auch in wirtschaftlichen Belangen von den Sachzwängen und der Dynamik der Entwicklung überrollt wurde.

Indessen hatten findige Ostdeutsche längst damit begonnen, das Heft des Handelns in die eigene Hand zu nehmen. Immer mehr Menschen gründeten eigene Unternehmen oder bemühten sich, enteignetes Firmeneigentum zurückzuerhalten. Am 26. Januar hatte ein Erfurter Ladenbesitzer erstmals Ananas und Bananen gegen D-Mark verkauft und damit das staatliche Devisenmonopol gebrochen. Kleinere und mittlere Unternehmensgründer bauten eine eigene Verbandsstruktur auf. Ende Februar verkündete der Präsident des Mitte Januar gegründeten Unternehmerverbandes der DDR, dass in Ostdeutschland eine breite mittelständische Wirtschaft im Entstehen begriffen sei. Bis Mitte 1990 werde es 10 000 mittelständische Firmen auf ostdeutschem Boden geben, zehntausende Menschen seien bereits jetzt auf dem Weg in die Selbständigkeit. Mancher Beobachter machte "Goldgräberstimmung" im Osten aus.  

Um an die als Zweitwährung begehrte D-Mark zu kommen, boten Ost-Berliner ihre Wohnungen oder Häuser Westdeutschen zur Miete an. Viele suchten sich eine Arbeit im Westteil der Stadt. Zehntausende Menschen gingen gleich ganz in die Bundesrepublik. Immer wieder hieß es auf den Montagsdemonstrationen: "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir!" Eine Wirtschafs- und Währungsunion, wie sie Bundeskanzler Kohl Mitte Januar vorschlug, schien unvermeidlich, um die anhaltende Massenabwanderung aus der DDR zu stoppen.

Zugleich rückten bundesdeutsche Unternehmen auf den unerschlossenen ostdeutschen Markt vor. Kurz nach dem Jahreswechsel eröffnete die Dresdner Bank ihre erste Filiale in der namensgebenden Elbestadt. In Rostock hielt eine Kieler Handelskette Anfang 1990 bereits Anteile an 40 Kaufhallen. Im Februar eröffnet eine westdeutsche Drogeriekette ihrer erste Ost-Berliner Filiale, in der sie Waren zum offiziellen Kurs 1:3 anbot. Die West-CDU empfahl der DDR, die harte Mark offiziell als Parallelwährung zuzulassen.

Während sich bei den einen Aufbruchstimmung ausbreitete, wuchs bei vielen, die in ineffizienten Betrieben arbeiteten oder auf entbehrlichen Arbeitsstellen saßen, die Furcht vor Arbeitslosigkeit. Am 31. Januar 1990 wurden in der DDR, die bis 1989 offiziell keine Arbeitslosigkeit gekannt hatte und deren Verfassung immer noch ein Recht auf Arbeit garantierte, bereits 50 000 Arbeitslose gezählt – Tendenz steigend. Zur Reform der Wirtschaft gehörte auch die Aufhebung von Subventionen. Mitte Januar verteuerte sich etwa Kinderkleidung um das Zwei- bis Dreifache, da staatliche Stützungen fortfielen. Offenbar auch wegen derartiger Härten des Transformationsprozesses befürworteten im Januar 1990 lediglich 22 Prozent der befragten DDR-Bürger eine Privatisierung der gesamten Wirtschaft; 67 Prozent plädierten zumindest für den Verbleib von Schlüsselindustrien in staatlicher Hand. Eine Alternative zur Marktwirtschaft schien die Mehrheit jedoch nicht zu sehen, wie das Wahlergebnis vom 18. März zeigte. Mit dem Sieg der Allianz für Deutschland entschied sich die Mehrzahl der Ostdeutschen nicht nur für die Wiedervereinigung, sondern auch für die Übernahme des bundesdeutschen Modells der sozialen Marktwirtschaft.

Die Planwirtschaft hatte unübersehbar abgewirtschaftet. Die industrielle Infrastruktur war überaltert und mit Ausnahme einiger Vorzeigebetriebe vielfach marode. Das zeigt sich drastisch, als am 9. Februar bei einer Explosion im Buna-Werk bei Halle fünf Arbeiter ums Leben kamen. "Privat geht vor Katastrophe", hieß es vor 1989 sarkastisch unter den Arbeitern, die ab und zu ein paar volkseigene Säcke Zement für den Ausbau des Wochenendgrundstückes beiseite schafften. 1990 bekam die fatalistische Redewendung eine ganz neue Bedeutung.  Nun sah die Mehrheit der Ostdeutschen in der Privatisierung der volkseigenen Wirtschaft den einzigen Ausweg aus dem drohenden ökonomischen Kollaps.

Andreas Stirn

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Kommentare

Gabriele Abild-Schindler    (15.07.2010 13:04h)
bin an weiteren Informationen interessiert

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