Zum Untergang einer ganzen Branche

Eine grundlegende Untersuchung zur Geschichte der DDR-Verlage

Das Schicksal der DDR-Verlage © Ch. Links Verlag

Das Schicksal der DDR-Verlage © Ch. Links Verlag

Christoph Links, passionierter Herausgeber von Werken zur Literatur- und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts hat im Rahmen seiner Dissertation am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin das "Schicksal der DDR-Verlage" erforscht und den Privatisierungsprozess sowie die Konsequenzen für die Verlagsbranche in klare Worte gefasst.

Die 78 lizenzierten Buchverlage der früheren DDR, die vorwiegend dem Staat, den Parteien oder gesellschaftlichen Organisationen gehörten, besaßen ein klar voneinander abgetrenntes Profil, was vielen damals eine kleine Monopolstellung bescherte. Verlagsneugründungen wurden zu DDR-Zeiten nicht zugelassen. Offiziell wurde stets die allgemeine Knappheit an Papier, Druckkapazitäten und Devisen sowie die Entscheidung über deren Verwendung als Legitimierung der Zensur und des Druckgenehmigungsverfahrens angeführt. Deshalb kann man die ökonomischen Zwänge auch hier nicht vom Politischen trennen.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam dem Erzeugen und Vertreiben von Druckerzeugnissen neue politische Bedeutung zu und bedurfte der Erlaubnis der jeweiligen Besatzungsmacht. Um ein Buch drucken zu dürfen, genügte im Osten Deutschlands allerdings nicht nur die Lizenz des Verlages, sondern jedes einzelne Manuskript bedurfte einer speziellen Druckgenehmigung, die zunächst von wechselnden Behörden, ab 1956 dann von der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel erteilt wurde. Dieses System der Vorzensur blieb bis 1989 bestehen.

Auch die Struktur des Verlagswesen änderte sich kaum: Bis zum Ende der DDR waren ca. die Hälfte der Verlage in staatlichem Besitz, etwa 40% gehörten Parteien und Organisationen und weniger als 10% lagen formal in Privatbesitz, waren aber durch staatliche Treuhänder verwaltet oder hatten eine staatliche Beteiligung inne. Diese verschiedenen Besitzverhältnisse hat Christoph Links auch zur Gliederung seines Buches benutzt, wobei bei einzelnen Verlagen über die Eigentumsverhältnisse bis heute juristisch gestritten wird.

Die verworrenen Eigentumsverhältnisse waren auch eines der größten Probleme bei der Umwandlung der Verlage in Kapitalgesellschaften. Dieser schwierige Umgestaltungsprozess wurde durch die Verkaufspolitik der im März 1990 gegründeten Treuhandgesellschaft entscheidend bestimmt. Unter enormem Zeitdruck gingen die meisten Verkäufe innerhalb eines Jahres vonstatten. Dies führte dann zu folgenschweren Fehleinschätzungen wie im Fall des Aufbau-Verlages: Erst nach 13 Jahren juristischer Auseinandersetzung konnte geklärt werden, dass der Verlag nach wie vor dem Kulturbund gehörte.

Für die meisten Verlage war der Start in die Marktwirtschaft mit weiteren Schwierigkeiten verbunden. Neben der schlechten technischen Ausstattung, einem zu großen Apparat an Mitarbeitern, einer dünnen Kapitaldecke und so gut wie keiner Marketing-Erfahrung stand mit dem Tag der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion (1. Juli 1990) der gesamte ostdeutsche Buchmarkt für Lieferungen aus dem Westen offen. Der staatliche Volksbuchhandel machte seine Regale für bisher jahrzehntelang entbehrte Titel und Themen frei und DDR-Verlage bekamen ihre Bücher massenhaft wieder zurück gesandt. Die zentrale Auslieferungsfirma Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) wusste sich nicht anders zu helfen, als die in riesigen Mengen als unverkäuflich betrachteten Bücher aus Verlagen und Buchhandlungen, darunter viele druckfrische Werke und ganze Jahresproduktionen, als Makulatur auf Müllhalden zu kippen.

Nur wenige Häuser überlebten unter diesen Bedingungen und neu gegründete Verlage sind bis heute zu klein, um den Verlust auszugleichen. Christoph Links hat mit "Das Schicksal der DDR-Verlage" eine kritische Bilanz der Umgestaltung der Verlagsbranche vorgelegt. Jedem der 78 Verlage widmet er ein eigenes Kurzkapitel, die Darstellung erfolgt durchgängig in zwei Teilen: zuerst wird die Verlagsgeschichte bis 1990 betrachtet, danach dokumentiert Links die Privatisierung und die Entwicklung der einzelnen Unternehmen nach 1990, ohne diese zunächst zu bewerten. Dies sowie weitere Informationen wie eine alphabetische Übersichtstabelle zu den Eigentumsveränderungen und einem Vergleich zwischen 1988 und 2007 im Hinblick auf Titelproduktion und der Mitarbeiterzahl in den 78 DDR-Verlagen machen das Buch zu einem guten Nachschlagewerk, das einen wissenschaftlichen, disziplinübergreifenden Ansatz aus Geschichtswissenschaft, Wirtschaftsanalyse und Soziologie verfolgt. Dabei kann er sich auf die Auswertung unterschiedlicher Quellen stützen, wobei die Unterlagen der für die Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft zuständigen Treuhandanstalt nach wie vor gesperrt sind.

Am Ende lautet das Fazit der Privatisierung: Die meisten Verlage verschwanden in den frühen 90er Jahren still von der Bildfläche, nur zwölf der beschriebenen DDR-Verlage sind eigenständig geblieben (beispielsweise der Aufbau-Verlag in Berlin und die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig) von den Mitarbeitern blieb weniger als ein Zehntel. Und auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung geht die Verschiebung der Verlagsproduktion in Richtung Westen ungebremst weiter, denn es gibt – zu diesem Schluss kommt Christoph Links am Ende seines detaillierten Überblickwerkes – keine Entwicklung, die "ein regionales und kommunales Funktionieren aus eigener Kraft ermöglicht".

Ellen Koth

Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen. Ch. Links Verlag, Berlin 2009.

352 Seiten, 24,90 EUR, ISBN 978-3-86153-523-2

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