Ein geplanter "Sturm" auf die Bastille in Lichtenberg?

Die Presse rätselt über die Besetzung der Stasi-Zentrale vor 20 Jahren

Zeitungen

Hohe Aufmerksamkeit für Fragen nach einer Manipulation der Ereignisse

Vor 20 Jahren, am 15. Januar 1990, stürmten Tausende Ostberliner die Stasi-Zentrale in Berlin, einen der letzten Horte des alten Regimes, der stets von sich selbst behauptet hatte, "Schild und Schwert der Partei" zu sein. Grund genug für zahlreiche Presseorgane, sich noch einmal mit dem Ereignis zu befassen.

Der Tagesspiegel nahm sich schon vier Tage vor dem eigentlichen Jubiläum des Themas an und lieferte eine eher ungewöhnliche, "psychoanalytische Würdigung" der Stasi-Stürmung. Die Zentrale sei, in Zusammenhang mit ihrer Besetzung, als ein Ort "kollektiven symbolischen Handelns" anzusehen. Hier habe die Mauer ihre "geistig-seelische Entsprechung" gefunden. Die Erstürmung der Zentrale könne, als symbolischer Akt, mit der Erstürmung der Bastille während der französischen Revolution gleichgesetzt werden.

Zum 15. Januar publizierte das Gros der Presseorgane. Die Süddeutsche Zeitung berichtete unter der Überschrift "Klirrende Fensterscheiben", wie Zeitzeugin Hannelore Köhler die Stürmung erlebte. Zahlreiche, auch heute noch offene, Fragen, vor allem zur Rolle der Stasi, wurden dabei angesprochen. Warum zogen die Demonstranten, nachdem sie auf das Gelände gelassen worden waren, zunächst zu den Versorgungstrakten der Zentrale, anstatt sofort die, mit belastendem Aktenmaterial gefüllten, Büros zu besetzen? Wie konnten die Scheiben der oberen Etagen des Gebäudekomplexes bersten, wenn die Demonstranten diese doch noch gar nicht erreicht hatten?

Die Märkische Allgemeine schloss sich dieser These unter der Überschrift "Nur ein Ziel: die Kaufhalle"an. Auch für sie stand der Verdacht im Raum, dass die Stürmung inszeniert worden sei, weshalb die Beteiligten der damaligen Aktion das Wort "Sturm" heute auch "lieber in Anführungsstriche gesetzt sehen" würden. Zur Überraschung der Demonstranten waren die Tore der Zentrale damals aufgegangen. Überraschend war auch, dass sich Mitglieder des Bürgerkomitees schon zu dieser Zeit in der Zentrale aufhielten. Hannelore Köhler, die hier nochmals zu Wort kam, sah in der Tatsache, dass das Bürgerkomitee eine Arbeitsgruppe für Quellenschutz gegründet hatte, den Beleg dafür, dass "offenbar sehr systemnahe Leute" unter den Oppositionellen weilten. Zur Kritik Modrows, der damals nach der Demonstration erschienen war, um die Schäden, die durch diese entstanden waren, anzuprangern, wurde neben Frau Köhler auch der Zeitzeuge, Autor und Mitarbeiter der Birthler-Behörde, Christian Halbrock, herangezogen. Dieser hatte in einem seiner letzten Bücher zur Stasizentrale geschrieben, dass Zerstörungen schon bestanden hatten, bevor erste Demonstranten das Gelände auch nur betreten hatten. Er sah die geplanten Verwüstungen vor allem als Versuch der Stasi, die Bürgerrechtsbewegung in der Öffentlichkeit zu diskreditieren.

 

Der Tagesspiegel und die Potsdamer Neueste Nachrichten brachten in diesem Kontext ein Interview von Matthias Schlegel mit der Beauftragten für Stasiunterlagen Marianne Birthler. Unter dem Titel "Versöhnung kann man nicht anordnen" äußerte sich Frau Birthler zur Erstürmung der Stasi-Zentrale, den rot-roten Aufarbeitungsversuchen und der Zukunft ihrer Behörde. Den Verdacht einer "Inszenierung" der Erstürmung der Stasizentrale durch die SED hielt sie für "absurd". Beweise gäbe es dafür ihrer Ansicht nach nicht.

Schließlich berichtete auch Die Welt über den 15. Januar 1990, betitelte ihn aber mit "nur ein halber Sieg der DDR-Opposition". Sie ging ebenfalls von einer bewussten Lenkung der Massen durch die Stasi aus, die sensible Einrichtungen und Informationen gesichert sehen wollte. Zudem hätten Hans Modrow und Gregor Gysi großes Interesse daran gehabt, zumindest Teile des Staatssicherheitsdienstes zu erhalten. Die Politiker wollten diese in einen neu einzurichtenden "Verfassungsschutz" der DDR überführen. Ihr Plan ging aber nicht auf. Auch das Nachfolgeorgan der Stasi, das "Amt für Nationale Sicherheit", sollte schon bald aufgelöst werden. Dennoch, so die Welt, sollte nicht vergessen werden, dass zahlreiche alte Kader an der Auflösung des Amtes teilnahmen und auf diesem Wege belastendes Aktenmaterial beseitigen konnten. Unter Berücksichtigung dieses Faktums schloss der Artikel mit dem Fazit: "Der 15. Januar 1990 war höchstens ein halber Sieg der DDR-Opposition."

Torben Gülstorff

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