Der Zorn des Volkes

Die Erstürmung der ehemaligen Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990

Erstürmung der Stasi-Zentrale

Erstürmung der Stasi-Zentrale © BArchiv Bild 183-1990-0115-034, Zimmermann

Um 17 Uhr vor der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin Lichtenberg. Zehntausende DDR-Bürger versammeln sich hier nach einem Aufruf des Neuen Forum und fordern lautstark "Stasi raus!" und "Wir wollen rein!". Einige Demonstranten schaffen es, ein meterhohes Tor an der Normannenstraße einzudrücken – die Menge stürmt den riesigen Komplex der Stasi.

Der Runde Tisch wird nach dem 9. November 1989 zu einer Institution der Gegenmacht in der DDR, die alle Versuche der Regierung verhindern will, alte Strukturen unter neuem Namen zu erhalten. Vor allem gilt dies für die Stasi, die Regierungschef Modrow als Amt für nationale Sicherheit weiterführen will. Nach heftigen Auseinandersetzungen zeigt sich Modrow Mitte Dezember bereit, stattdessen ein Amt für Verfassungsschutz und einen Nachrichtendienst zu schaffen, rückt jedoch am 15. Januar 1990 auch von diesem Vorsatz ab. Er sagt zu, die Errichtung dieser Behörden nicht vor den Wahlen zu realisieren und einer neuen Regierung zu überlassen. Der Staatssicherheit-Apparat soll unter ziviler Kontrolle so genannter Bürgerkomitees aufgelöst werden. Dies mobilisiert die Sicherheitsleute, die die Aktenvernichtung im MfS vorantreiben. Das Neue Forum ruft daraufhin zu einer Demonstration vor der Zentrale auf – Tausende folgen diesem Aufruf. Doch es bleibt nicht bei einer Versammlung vor den Toren des Gebäudes. Aufgebrachte DDR-Bürger verschaffen sich Zugang zur ehemaligen Stasi-Zentrale und dringen in das Innere des Machtapparates vor.

Das Bild, dass sich den Eindringlingen im Innern des MfS bietet, facht die Wut der Menge erneut an. In den Versorgungs- und Kühlräumen lagern neben Rindfleischfilets und Spargel auch exotische Speisen wie Haifischsuppe. Die Menschen sind empört darüber, dass die Mitarbeiter der Stasi lebten wie die "Maden im Speck", während die Bevölkerung in der Kaufhalle Schlange stand und oft vergeblich auf Lebensmittel wartete.

Die Menge dringt weiter vor in die Büros der Stasi-Zentrale. Hier findet sie Akten, die die Bespitzelung von DDR-Bürgern und Bundesbürgern dokumentieren. Lose Aktenblätter fliegen nicht nur in den Büroräumen herum, sondern auch im Treppenhaus des vierstöckigen Gebäudes. Jeder ist auf der Suche nach seiner eigenen Akte, Tausende wühlen in den vorher so hermetisch weggeschlossenen Dokumenten einer gigantischen Spitzelmaschinerie.

Die Wut der Demonstranten entlädt sich – entgegen des bisherigen Bürgerprotestes im Herbst 1989 – bei der Erstürmung der Stasi-Zentrale in Gewalt: Fenster und Türen werden eingetreten, Möbel werden aus Fenstern geworfen. Ein Bild von Erich Honecker wird zerrissen, die Türen zu Büroräumen gewaltsam aufgebrochen und Schreibtische umgestürzt. Aggression und Wut der Menschen sind kaum zu stoppen, die Lage droht zu eskalieren. Der Aufruf "Keine Gewalt" von Konrad Weiß vom Runden Tisch – eine knappe Stunde, nachdem die ersten Demonstranten in das MfS gestürmt sind – geht im Toben der aufgebrachten Menschen unter. Nur langsam gelingt es gemäßigteren Demonstranten, die Menge zu beruhigen und aus dem Gebäude zu drängen.

Vor den Mauern des MfS haben sich in der Zwischenzeit Hundertausende Demonstranten versammelt. Regierungschef Modrow und die Mitglieder des Runden Tisches haben ihre Versammlung unterbrochen, um ebenfalls zur Normannenstraße zu eilen und die Bürger zu beschwichtigen. Vor einer tatsächlichen Eskalation kann die Lage entschärft werden.

Durch den Sturm auf die Berliner Stasi-Zentrale verliert die SED-Regierung endgültig ihre Machtstütze und ihren innenpolitischen Rückhalt. Der 15. Januar ist ein Kristallisationspunkt für das Ende der SED: die vollständige Auflösung des MfS ist kein Beschluss der Regierung, sondern ein Resultat der Erstürmung und des Willen des Volkes. Die Besetzung der Stasi-Zentrale führt den friedlichen Widerstand der Revolutionszeit im Herbst 1989 weiter und schafft die Vorraussetzung für die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit der DDR.


Johanna Schniedergers

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