Revolutionspfarrer und Behördenleiter

Joachim Gauck: Erinnerungen einer Schlüsselfigur

Revolutionspfarrer Gauck

Revolutionspfarrer Joachim Gauck

Im Januar 2010 feiert Joachim Gauck seinen 70. Geburtstag - und hat schon seine Memoiren unter dem Titel "Winter im Sommer - Frühling im Herbs" vorgelegt. Neben dem bekannten Bild, das Joachim Gauck als engagierten Systemgegner und Protagonist im Prozess der Wiedervereinigung zeigt, zeichnet er in seinen Erinnerungen vor allem mit Blick auf die Anfangsjahre ein wenig bekanntes Bild: Da spürt man die tiefe Zuneigung zu den Eltern, Großeltern und der Heimat Mecklenburg aber auch eine Fähigkeit zum politischen Beobachten und Schlüsse ziehen, die schon sehr früh zum Durchschauen des sozialistischen Alltags führte.

Schon als Kind erlebt Joachim Gauck, was Willkür bedeutet: 1951 wird sein Vater aus nichtigem Anlass verhaftet und zu zweimal 25 Jahren verurteilt: angeblich hatte er mit westlichen Geheimdiensten kooperiert und antisowjetische Hetze betrieben, dafür musste er in die Verbannung nach Sibirien.

Diese erste Umkehr der natürlichen Verhältnisse, die Gauck in dem titelgebenden  "Winter im Sommer" beschreibt, beeinflussten ihn nachhaltig. Er wächst in einer stillen Gegnerschaft zum DDR-System heran. Intuitiv, schreibt Gauck, wehrte er "das Werben des Regimes für die Akzeptanz seiner moralischen und politischen Ziele ab". Zugleich sah er das Recht und die Moral auf seiner Seite und ließ sich schon früh nicht in die Schranken weisen. Diese Haltung wird durch Ausflüge ins Saarland, nach Paris und mit dem Rad durch Hamburg und Schleswig-Holstein gestärkt, dennoch sei ihm damals nie in den Sinn gekommen, dort zu bleiben.

Er fasst den Beschluss, Theologie zu studieren, weil er nur darin – neben den Alternativen eine Berufslehre anzufangen oder in den Westen zu gehen – die Möglichkeit sah, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Für ihn war die theologische Fakultät ein Ort, an dem unabhängiges Denken möglich war und das für Gauck das große politische Engagement vieler Pastoren 1989 und danach erklärt.

Anderen, die diesen Frei- und Schutzraum in der DDR nicht fanden, sahen oft nur in einer Ausreise die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Eine seiner Schwestern sowie drei seiner vier Kinder verließen die DDR. Die Zeit des Wartens auf die Ausreisegenehmigung zerrte auch an den Nerven derer, die blieben.

Doch allmählich änderte sich das öffentliche Klima und plötzlich wurden die Entwicklungen im eigenen Land hoch interessant und der sehnsuchtsvolle Blick nach Westen richtete sich wieder zurück. Die Ereignisse der Friedlichen Revolution, die einen unerwarteten "Frühling im Herbst" brachten, erreichten Mecklenburg zwar später als den Süden der Republik, waren aber genauso turbulent.

Neben der Rolle als Pastor wächst Gauck Schritt für Schritt in eine politische Rolle hinein.

Er engagiert sich im Neuen Forum und setzt sich für die deutsche Einheit ein. Sein politischer Aufbruch gipfelt in seinem Amt als "Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die Verwaltung der Akten und Dateien des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit".

Zusammen mit dem bayerischen Juristen Hansjörg Geiger und David Gill, seinem ersten Pressesprecher baute er eine Behörde auf, die sich um eine gigantische Hinterlassenschaft zu kümmern hatte.

Gauck beschreibt aus seiner detaillierten Innenkenntnis das Wesen des Stasisystems und berichtet offen und ehrlich über die Schwierigkeiten bei der Umstrukturierung der Behörde, die Rolle der Medien und die der Bürgerrechtler.

Dabei lässt er in seinen Memoiren erfreulich viel Platz für andere Personen, deren Schicksal ihn beeindruckte und mit denen er zusammen arbeitete. Jedem begegnet er mit Respekt und Dankbarkeit und räumt ihnen Platz ein, aus eigener Sicht zu berichten. Gauck passt die Schilderungen in den eigenen Text ein, ohne sich fremder Verdienste zu rühmen. Es ergibt sich ein facettenreiches Bild, zum Beispiel, wenn er den Mauerfall nicht als wichtigstes Ereignis im Herbst 1989 beurteilt.

Der Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen bleibt auch nach seinem Rücktritt als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen im Jahr 2000 sein großes Thema. Heute ist Joachim Gauck unter anderem Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen – Für Demokratie", der sich nicht nur der Aufarbeitung des Kommunismus, sondern auch der Nazi-Diktatur verschrieben hat. Es sei sein Lebensthema, "in der Öffentlichkeit den Wert der Freiheit im Bewusstsein zu erhalten." Das gelingt ihm erfolgreich als unermüdlicher Vortragsreisender und nun als Buchautor. Auf wohltuende Weise geht bei der Lektüre von Gaucks Erinnerungen die Zufriedenheit über das Erreichte auch auf den Leser über.

Ellen Koth

Joachim Gauck: Winter im Sommer, Frühling im Herbst. Erinnerungen. Siedler Verlag, München 2009. 20 s/w Abbildungen, 352 Seiten, 22,95 €, ISBN 978-3-88680-935-6

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Kommentare

Siegfried Wittenburg    (13.01.2010 09:21h)
Dieses spannende und ehrliche Buch habe ich wie einen Krimi gelesen.
Ich kann mich noch an die 80er Jahre erinnern, als ich eine Zeit lang in Rostock-Evershagen wohnte. Als Familie gingen wir in die Kirche, obwohl wir keine aktiven Christen waren, denn dort sprach Joachim Gauck und traf die Seelen der Menschen..
Damals war er noch jung. Heute spricht er mit seinen Lebenserfahrungen intensiver.
Dieses Buch steht jetzt in meinem Regal der Weltliteratur.

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