Zwischen Aufbruch und Stagnation

Ausgangslage – Die DDR im Frühjahr 1989

Die DDR im Frühjahr 1989

Bundesarchiv Bild 183-1989-0906-026, Foto: Peter Zimmermann

Alles geht seinen sozialistischen Gang im 40. Frühling der DDR. Die Mauer steht, die Jugend schwört dem Staat ihre Treue und die Zeitungen feiern den "bewährten Kurs" der SED. Doch die Unzufriedenheit der Menschen wächst und Zehntausende sitzen auf gepackten Koffern.

Am Osterwochenende 1989 beginnen in der DDR die Jugendweihefeiern. Zehntausende Jungen und Mädchen sollen an diesem 23. und 24. März in die "große Gemeinschaft des werktätigen Volkes" aufgenommen werden. Teil der Feier ist die Vorführung eines kurzen Dokumentarfilms. Im beschwingten Vogelflug geht es über die DDR, über blühende Felder, moderne Industrieanlagen und gepflegte Städte hinweg – ein Bild des Wohlstands, der Harmonie und Ruhe. Es ist ein Wunsch- und Trugbild; die Realität sieht anders aus.

Was wie Ruhe erscheint, ist in Wirklichkeit Lethargie. Weite Teile der Industrie sind marode, der Staat ist überschuldet, die Umweltzerstörung besorgniserregend. 95 Prozent der Industrieabwässer laufen kaum oder gar nicht geklärt in die Gewässer. Der Braunkohleabbau hat große Teile Brandenburgs und Sachsens in Mondlandschaften verwandelt. In den Betrieben fehlen Material und Arbeitskräfte, in den Kaufhallen fehlt frisches Obst und – am wichtigsten – es fehlt eine Perspektive. Während in Ungarn und Polen die Alleinherrschaft der Kommunisten endet, zeigt sich die SED-Führung unbeweglich. Erich Honecker, der 76 Jahre alte SED-Chef, der das Land seit 18 Jahren regiert, hat allen Reformhoffnungen eine Absage erteilt.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst und doch haben sich die meisten Menschen mit den Verhältnissen arrangiert. Fast jeder fünfte Erwachsene ist Mitglied oder Kandidat der SED. 80 Prozent aller Beschäftigten sind in der Pseudo-Gewerkschaft FDGB organisiert. Der Verband der Kleingärtner hat 1,4 Millionen Mitglieder. Ein Netz blühender Parzellen überzieht das altersschwache, kaum 40 Jahre alte Land.

Laubenpieper und Datschenbesitzer, Camper und Tramper, Bluesfreaks und Punks suchen auf jeweils eigene Weise nach selbst bestimmten Freiräumen, dem kleinen Ausbruch und privaten Glück. Die Vervollkommnung seiner staatsfernen Lebenswelt ist für den DDR-Bürger eine lebenslange Anstrengung und Aufgabe. Mühsam muss er sich "organisieren", was nicht ohne weiteres zu kaufen ist. Wer eine Levis-Jeans oder einen Urlaubsplatz am Balaton "ergattert", hat das Gefühl, den Verhältnissen ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Die Menschen warten. Sie warten auf ein Telefon (nur 17 Prozent der Haushalte besitzen eines), auf eine Wohnung, einen Urlaubsplatz. Mancher darf sich in diesem Frühjahr 1989 endlich ans Steuer eines neuen Trabants oder Wartburgs setzen – auch das ist nach 13 Jahren Wartezeit ein Moment des Glücks. Auf eine grundlegende Änderung der Verhältnisse wartet indes kaum einer mehr.

An die Öffnung der Mauer oder gar an die deutsche Einheit denkt niemand. Im Januar 1989 prophezeit Erich Honecker: "Die Mauer wird noch 50 oder 100 Jahre stehen…" Allabendlich emigriert ein ganzes Land per Fernsehschirm in den Westen. Das Westfernsehen schafft Ablenkung und Ruhe, zugleich schürt der fortwährende Vergleich mit der Bundesrepublik die Unzufriedenheit.

Während die Mehrheit ausharrt, sucht eine wachsende Minderheit einen dauerhaften Ausweg aus der Stagnation. Mehr als 110.000 Menschen warten auf die Genehmigung, in die Bundesrepublik ausreisen zu dürfen. Täglich kommen mehr als einhundert neue Anträge hinzu. Manche Ausreiseantragssteller formieren sich zu Gruppen. Am 6. März 1989 ziehen 600 Ausreisewillige durch Leipzig. Vor allem junge Menschen sehen keine Zukunft mehr in der DDR – jene, die bei ihrer Jugendweihe Treue zur DDR und zur SED gelobt haben.

Nur wenige Menschen engagieren sich in den etwa 250 Menschenrechts-, Friedens- und Umweltgruppen. Man hofft auf Reformen und macht sich zugleich keine Illusionen über den Starrsinn der SED-Führung. Wie schon im Jahr zuvor kommt es auch im Januar 1989 anlässlich der offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration zu Protesten. In Leipzig ziehen einige hundert Menschen in einem Schweigemarsch durch die Innenstadt. In Berlin versuchen zwei Frauen ein Transparent zu entrollen, auf dem sie "Perestroika und Glasnost auch bei uns" fordern. Beide Male greifen Volkspolizei und MfS ein.

Am 1. Mai 1989 ziehen wieder Hunderttausende an der SED-Führung vorbei, die monoton winkend und stoisch lächelnd, von Personenschützern des MfS bewacht, die Akklamation des Volkes entgegennimmt. Wie in jedem Jahr tragen die Demonstranten die vom Politbüro genehmigten Losungen vor sich her: "Weiter voran auf dem bewährten Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik!", heißt es da. Alles scheint wie immer in diesem Frühjahr 1989.
Doch nur sechs Tage später zeigt sich, dass das Protestpotential mittlerweile über die engen Kreise der Opposition hinausgeht. Bei den Kommunalwahlen vom 7. Mai bleiben ungefähr zehn Prozent der Wahlberechtigten dem "Zettelfalten" fern. Weitere zehn bis zwölf Prozent geben eine Gegenstimme ab. Im Frühjahr 1989 ist die DDR ein Land zwischen Aufbruch und Resignation.

Andreas Stirn

Zurück

Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte