Die Tele-Revolution (Teil 2)

Momentaufnahmen von der rumänischen Revolution 1989

Tele-Revolutionäre

Tele-Revolutionäre

Am 22. Dezember flieht Ceaueşcu aus Bukarest. Doch mit der Flucht der Diktators ist die Gewalt nicht zu Ende. Mehr als 900 Menschen sterben nach dem 22. Dezember. Während das rumänische Fernsehen zur Bühne der Revolution wird, gehen die Kämpfe auf den Straßen weiter.

Es gibt bis heute keine gesicherte historische Interpretation der revolutionären Ereignisse im Dezember 1989. Inwiefern sie als Volksaufstand oder (auch) als Staatsstreich der sozialistischen Gegenelite zu verstehen sind, bleibt weiterhin undurchsichtig. Fest steht, dass dem Militär eine entscheidende Rolle dabei zukam, die Staatsmaschinerie Ceauşescus außer Kraft zu setzen und ehemalige oder jüngere Kader wie Ion Iliescu und Petre Roman an die Spitze der neu sich formierenden Führungskreise zu hieven. Man vesprach sich über deren Kontakte zur Sowjetunion einen Anschluss an die Perestrojka.

Die Tele-Revolution

Für die rumänische Bevölkerung spielte sich die Revolution vor allem als ein Fernsehstück anonymer Regisseure ab.

Nachdem Demonstranten am Morgen des 22. Dezember den Sitz des Zentralkommitees der RKP besetzen und die Ceauşescus mit dem Hubschrauber von der Dachplattform des Gebäudes fliehen, strahlt das rumänische Fernsehen um 11 Uhr 50 die erste freie Sendung aus. Von Mircea Dinescu, "unserem Helden, dem Poeten", erfahren die Rumänen von der Solidarisierung der Armee in Bukarest mit den Aufständischen, von der Flucht des Diktators. Seine Ansprache endet mit dem pathetisch-ergreifenden Ausruf: "Brüder, wir haben gewonnen!" Im Laufe des Tages erfolgen Fernsehauftritte von bekannten Kulturmenschen, Militärs und Securitate-Leuten, von zahlreichen Anonymen und Statisten, während sich in den wichtigsten Stadtzentren – entgegen der Behauptungen vom Triumph über das Regime – die Schießereien intensivieren. Gegen 14 Uhr wendet sich Ion Iliescu, der Hauptakteur der rumänischen Nachwendepolitik und spätere Präsident des Landes, zum ersten Mal an das rumänische Volk. Als "Sohn eines Patrioten, und selbst ein Patriot" betont er die Notwendigkeit der Bildung einer provisorischen Front zur Nationalen Rettung, deren Zusammensetzung und wirtschaftsideologisch janusköpfiges Programm er am Abend desselben Tages verkünden wird. Das Studio 4 des rumänischen Fernsehens wird zur politischen Profilierbühne.

Währenddessen werden Nicolae und Elena Ceauşescu bei Târgovişte im Südwesten des Landes von Armeetruppen gefangen genommen. Am 25. Dezember werden sie in einem Schauprozess summarisch abgeurteilt und sofort danach durch Erschießen hingerichtet. Die Entscheidung zur Hinrichtung ist bereits ein Tag davor von der Front zur Nationalen Rettung gefällt worden, doch soll die Inszenierung eines Tribunals dem Todesurteil so etwas wie den Anschein von Rechtmäßigkeit verleihen. Am 26. Dezember berauscht sich die gesamte Nation an den ausgestrahlten Aufnahmen der Exekution, die Bilder der Leichen des Diktators und seiner Frau gehen um die Welt. Auf den Straßen der rumänischen Städte verstummen nach und nach die Waffen.

 

Die gestohlene Revolution (Revoluţia furată) – Epilog

Über 1000 Menschen kamen während der revolutionären Ereignisse in Rumänien um, etwa 900 davon nach dem 22. Dezember, also nach der Flucht des Diktators. Wer die Schießbefehle erteilte, wer wen bekriegte und mit welcher Zielsetzung, ist weiterhin unklar. "Wer hat auf uns nach dem 22. geschossen?", eine auf postrevolutionären Demonstrationen skandierte Frage ist nach wie vor offen.

Die Front der Nationalen Rettung ging als neue politische Macht im Land hervor und regierte nach der Inamtsetzung der Regierung Roman ausschließlich durch Dekrete und ohne öffentliche Kontrolle. Mit Blick auf die angekündigten freien Wahlen im April 1990 wurde das rumänische Fernsehen per Dekret der Rettungsfront untergeordnet. Die Tele-Revolutionäre der ersten Stunde sicherten sich das Bildmonopol. Ihre Strategie ging auf: Bei den Wahlen im Mai 1990 vereinte der charismatische Altkommunist und Präsidentschaftskandidat Ion Iliescu 85% der Stimmen auf sich, die Front der Nationalen Rettung gewann zwei Drittel der Parlamentssitze. Der rumänischen Opposition und Studentenschaft galt die Revolution als gestohlen. Mit Recht.

Carmina Peter

Zurück

Ähnliche Artikel :

Die Tele-Revolution


Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte