Die Tele-Revolution

Momentaufnahmen von der rumänischen Revolution 1989 (Teil 1)

Ceausescus letzte Rede

Diktator mit Kontrollverlust

Die rumänische Revolution nahm einen chaotischen und blutigen Verlauf. Mehr als Tausend Menschen verloren in den Unruhen ihr Leben. Die Ceauşescus wurden hingerichtet. Die Ereignise in Rumänien sind wie das Negativ der friedlichen Revolutionen in Ost- und Mitteleuropa – und sie erinnern daran, dass der revolutionäre Ausnahmezustand nur selten friedliche Züge annimmt.

Initialzündung in Temesvar

Am 18. Dezember 1989 tritt Nicolae Ceauşescu eine Reise nach Teheran an. Er kehrt einem Land in Aufruhr den Rücken. In Temesvar haben Volksunruhen, die sich zunächst gegen die Zwangsumsiedlung des ungarisch-reformierten Pastors László Tökés gerichtet haben, bereits einen revolutionären Charakter angenommen. Über 10.000 Menschen demonstrieren auf den Straßen und fordern den Sturz des Diktators. Die Maßnahmen zur Niederschlagung der Volksunruhen, die Ceauşescu noch vor seiner Reise trifft, schlagen fehl. Der gewaltsame Einsatz von Streitkräften, die Verhängung des Ausnahmezustandes, die Nachrichten- und Grenzsperre können der entfesselten revolutionären Gewalt keinen Einhalt gebieten. Nachrichten über den Freiheitskampf der Temesvarer gegen das Terror-Regime sickern in den Westen und erreichen über den Umweg der Ausslandssender der USA, Europa Liberă (Radio Free Europe) und Vocea Americii (The Voice of America) einen Großteil der Rumänen.

Auf die spannungsgeladene Atmosphäre im Land und den Sieg der Demonstranten in der westrumänischen Stadt, die am Abend des 20. Dezember Temesvar zur freien Stadt ausrufen, will der sogenannte Conducător (Führer) bei seiner Rückkehr mit einer Machtbekundung antworten. Eine Bukarester Massendemonstration soll am 21. Dezember die ungebrochene Autorität des Regimes und die Loyalität der rumänischen Bevölkerung unter Beweis stellen. Doch die Live-Übertragung wird dem Diktator zum Verhängnis.

 "Die große Volksversammlung" – Prolog zur Tele-Revolution

Gegen das Kalkül des Regimes wird Ceauşescus Rede an die Volksversammlung auf dem Platz des Palastes, für welche Zehntausende von Arbeitern, Studenten und Angestellten mobilisiert wurden, zum Prolog eines politischen Schauspiels von überaus realer Wirkung: der rumänischen Tele-Revolution.

Millionen von Rumänen schauen zu als der Diktator zu Beginn seiner Rede noch den Organisatoren der "großen Volksversammlung" dankt. Statt des gewohnten Beifalls, der üblichen, eingeübten Parolen ("Ceauşescu und Rumänien sind unsere Ehre, unser Stolz!") erhebt sich ein Tosen im Off. Protest- und Buhrufe, Pfiffe werden hörbar. Im Bild das von schierem Unverständnis gezeichnete Gesicht des Diktators, das den Rumänen nur als Maske, als starrer Ausdruck einer grenzenlosen Selbstgefälligkeit bekannt war. Der verstörte Ceauşescu reagiert auf die spontanen Proteste wie auf eine technische Panne mit einem unbeholfenen, endlosen "Alo! Alo!". Das Live-Bild macht augenfällig, dass seine Autorität nunmehr zerfallen ist.

Die "große Volksversammlung" endet im Chaos. Im Laufe des Tages brechen in Bukarest und den Großstädten erneut Unruhen aus, die bis zum 27. Dezember währen. Für Reformkommunisten und machtinteressierte Militärs schlägt die Stunde ihres Auftritts auf die revolutionäre Bühne: Der Machtapparat des Ceausescu-Clans soll ausgehebelt werden.

Fortsetzung folgt.

Carmina Peter

 

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