Die dunkle Seite des Anderen und jeder für sich allein

Natascha Wodin: "Nachtgeschwister"

Die dunkle Seite des Anderen und jeder für sich allein

Natascha Wodin, Nachtgeschwister © Antje Kunstmann Verlag

"Nachtgeschwister" ist ein Roman über die Liebe, über das Schreiben und über die Nachtseite des Lebens. Das Buch reflektiert auf literarische Weise zudem die Beziehung der Autorin zu dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig. Ein eindringliches Buch von intensiver Genauigkeit vor dem Hintergund der Umbruchsjahre in Berlin.

Natascha Wodins Roman "Nachtgeschwister" ist zugleich eine schmerzhafte und in ihrem Wunsch nach Wahrhaftigkeit schonungslose Zustandsbeschreibung einer verhängnisvollen Liebe und doch auch eine liebevolle Annäherung an den Dichter Wolfgang Hilbig, die verdeutlicht, dass sich in ihrem Leiden an ihm auch das Leiden an sich selbst spiegelt. Das erträumte Bild einer Seelenverwandschaft zwischen den Liebenden kollidiert auf schmerzhafte Weise mit den psychischen Versehrtheiten und der inneren Zerrissenheit des Dichters, der im Roman den Namen Stumm trägt.

Natascha Wodin wählt in ihrem Roman "Nachtgeschwister" die Ich-Perspektive: Die Frau, von der sie spricht, bleibt namenlos. Der Geliebte, dem diese Frau sich unrettbar verschreiben wird, trägt den Namen Jakob Stumm. Was die namenlose Frau und den Dichter Stumm verbindet, ist ein Unbehaustsein in der Welt, ein Schmerz, der tiefer sitzt, als dass man ihm mit etwas anderem als Worten beikommen könnte; Worte, die man der Welt entgegenstellt, in die Welt hineinwirft – aus der Distanz. Aus der Nähe, im Zwiegespräch, in der gesuchten Liebe verschließen sich die Worte, verdunkeln sich, quälen, verletzen, offenbaren die dunkle Seite des Anderen.

Die Autorin wurde 1945 als Kind einer ukrainischen Zwangsarbeiterin in Nürnberg geboren. Ihre gesamte Kindheit war von dem Gefühl überschattet, ausgeschlossen, unerwünscht, ungeliebt, das "verhasste Russenkind" zu sein. Diese Gefühl der Verlorenheit und Ausgrenzung trägt sie mit sich als ihr in den 80er Jahren ein Gedichtband Wolfgang Hilbigs in die Hände fällt. Wie vom Blitz gerührt erkennt sie sofort die Dimension dieser Worte, es sind Überlebensgedichte, die in ihrer Wortgewalt unerbittlich genau zu umschreiben fähig sind, was auch ihr vertraut ist. Es sind mit Furor geschriebene Lebensbeschreibungen, und doch zart, leise, leuchtend still.

In ihren Romanen hat Natascha Wodin dieses Gefühl der schmerzhaften Verlorenheit wiederholt thematisch umkreist – in den Gedichten Wolfgang Hilbigs begegnet sie sich selbst im Anderen und ist gefesselt: "… ich war einem Zweiten in meiner Wüste begegnet, einem nie erträumten deutschen Bruder." Sie schreibt dem Dichter, und ruft ihn nach langem Zögern an. Die bizzaren Telefongespräche zwischen den Beiden, zwischen Nürnberg und Leipzig bestehen aus nichts als Schweigen – ein Atmen, der Zug an der Zigarette, eine vehemente Wortlosigkeit auf beiden Seiten, mehr nicht. Und schon hier deutet sich an, was die Beziehung der Ich-Erzählerin und des Dichters Stumm prägen wird: In der Literatur sind sie Seelengeschwister, im wahren Leben wird ihre Liebe von Schweigen, Geheimnissen, Worten der Wut und Erniedrigung, der Verweigerung von Nähe und der stillschweigenden Suche nach Halt und einem in der Welt gehalten sein im Anderen geprägt sein.

Als sich die beiden dann Mitte der 80er Jahre nach der Ausreise des Dichters in den Westen zum ersten Mal begegnen, sind die Weichen gestellt. Während sie erhofft, gemeinsam mit ihm sich gegenseitig Welt zu sein, wird er sie an sich binden und im Gefühl einer unauflösbaren Zerrissenheit zwischen Ost und West, zwischen sich und einer als bedrohlich empfundenen Umwelt, den Halt suchen und die Liebe verweigern. Denn die Frau gilt ihm auch als Bedrohung, seine "Literaturvernichterin" nennt er sie, während er unaufhörlich schreibt, veröffentlicht, auf Lesereise geht, und sie – aufgerieben im Wahn dieser Liebe, diesem Bruder im Geiste, alles zu opfern, verstummt, kaum noch schreibt, und, wie auch er, zwischen verzweifelter Liebe und abgrundtiefem Hass hin- und hergeworfen, erst nach  zwei Jahrzehnten den Absprung schafft.

Die gesellschaftlichen Umbrüche tun ein übriges zur Erschwernis der verzweifelten Situation zwischen den beiden Schriftstellern, die lange Zeit nicht miteinander und nicht ohne einander zu leben fähig sind. Nach dem Zusammenbruch der DDR verliert Wolfgang Hilbig das Koordinatensystem     seines schriftstellerischen Werks, er fühlt sich nirgends zugehörig, das System, gegen das er angeschrieben hat, ist verschwunden, der Westen ist ihm suspekt und beinhaltet latent eine unaufhörliche Bedrohung. Sein letzter Roman Das Provisorium beschreibt, wenn auch in der dritten Person, diesen depressiven Gemütszustand, der in lebensgefährlichen Alkoholexzessen und persönlichen Verstrickungen zu Tage tritt. Auch das Lebensgefühl in den frühen 1990er Jahren im Prenzlauer Berg – ein Gefühl des Aufbruchs, dessen Atmosphäre von Natascha Wodin anhand unzähliger kleiner Beobachtungen genau und detailgetreu umschrieben wird, bietet für Hilbig keinen Halt. Im Gegenteil.

Alkoholexzesse, Eifersuchtsanfälle, gepaart mit dem Genuss an der Erniedrigung, und Gewaltausbrüche sind nur die eine Seite eines Mannes, der in der gesuchten und erlittenen Entfremdung zum Anderen sich selbst der Selbstzerstörung anheimgibt. Und das Leiden der Ich-Erzählerin ist die Spiegelung desselben Zustands im Versuch sich selbst in der Selbstaufgabe im Anderen aufzulösen, zu verschwinden.

Natascha Wodin ist es gelungen, ihre Liebe in diesem Roman zu bewahren, ohne sie zu verklären oder zu diffamieren. Sie sucht und findet die Worte, die uns mit intensiver Genauigkeit in der Beschreibung den Dichter Wolfgang Hilbig auf eine Weise näherbringen, die erschreckt und doch auch berührt, die uns mit ihm und ihr fühlen lassen, und eine Ahnung davon geben, wie schwer sein Leiden an der Welt und wie überlebenswichtig der Ort der Sprache für ihn war.

Dass Natascha Wodin diesen eindringlichen Roman einer unmöglichen und doch auch gelebten Liebe erst nach dem Tod Wolfgang Hilbigs schrieb, und es ihr erster Roman seit zwöf Jahren ist, lässt nochmals erahnen, welche Loslösungsprozesse auch sie durchlaufen musste.

Mit geradezu psychoanalytischem Blick vermittelt sie die traumatischen Unterströmungen, die Hilbigs Sprache, die ihre Sprache durchziehen, und die sich in den Worten manifestieren, die in die Welt finden. Sie hat das beim ersten Lesen seiner Worte erkannt, doch die Konsequenzen ließen sich nicht absehen, nur retrospektiv kann man sich dem annähern, was einem selbst im Moment des gelebten Lebens verschlossen bleibt.

Und man braucht Zeit und Abstand.

Dass Natascha Wodin diesen Raum während ihres Lebens mit dem berühmten Dichter Wolfgang Hilbig weder sich selbst gewährte noch dass er ihr von Anderen zugestanden wurde, wirft auch ein erhellendes Licht auf die Verhältnisse im gesellschaftlichen Kontext. Nach einem langen Schweigen hat sie wieder zu ihrer Sprache gefunden, an der wir teilhaben dürfen. Das ist ein Glück.

Angelika Ramlow

 

Natascha Wodin: Nachtgeschwister, Roman, Verlag Antje Kunstmann, München 2009, ISBN 978-3-88897-560-8, Gebunden, 240 Seiten, 18,90€

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