Die unsichtbare Front

Die Stasi von Gera will die "hasserfüllten Machenschaften" der Revolution entlarven

Begehung der Waffenkammern der MfS Gera

Begehung der Waffenkammern der MfS Gera, Foto © Wolfgang Beringschmidt

Am 9. Dezember 1989 richtet das Bezirksamt für nationale Sicherheit (BAfNS ), die ehemalige Bezirksverwaltung der Staatssicherheit, in Gera ein Schreiben an die staatlichen Instanzen und Nachrichtenorgane der DDR. In ihm ruft es zum gemeinsamen Handeln der nichtzivilen Organe und zur "Paralysierung" der Feinde auf.

Nachdem die Staatsanwaltschaft der DDR Ermittlungsverfahren gegen führende Politiker eingeleitet hat, kommt es in zahlreichen Städten der DDR am 30. November zu Demonstrationen gegen die Parteielite. In Rostock und Gera geht man zu diesem Zeitpunkt schon einen Schritt weiter und fordert die Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS), der Nachfolgeorganisation des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Am 6. Dezember verschaffen sich 30 Vertreter von Bürgergruppen Einlass in die Bezirksstelle Gera der Sicherheitsbehörde und "versiegeln" deren Archiv. Tagelang geschürte Feuer zur Aktenvernichtung waren dem Eingreifen der Bürger vorausgegangen.

Am 8. Dezember entledigen sich die Mitarbeiter des Bezirksamtes Gera ihres Chefs, der als Gegner der Wende gilt. Von Modrow fordert das "Dienstkollektiv des Bezirksamtes Gera", dass dieser sich nun schützend vor sie stelle. Gleichzeitig werfen sie ihm "völlige[s] Unverständnis" über dessen Maßnahmen zur Auflösung des AfNS vor. "Wir sind uns bewußt, daß wir mit unserer Arbeit oftmals eine falsche Politik unterstützt haben. Wir sind aber bereit, uns persönlich für eine Erneuerung der Deutschen Demokratischen Republik einzusetzen." Modrow lehnt ab. Ein Entgegenkommen, auf das ehemalige MfS zu, würde einen politischen Genickbruch bedeuten.

Am 9. Dezember, um 20:00 Uhr, sendet Gera sein Fernschreiben. Ermunternd hat ein einkommendes Fernschreiben des Kreisamtes Spremberg von 16:00 Uhr gewirkt, dessen Mitarbeiter gefordert haben: "Stoppt sofort die Auflösung der Kreisämter! Wir verweisen auf Lenin – Eine Revolution ist nur dann etwas wert, wenn sie sich zu verteidigen versteht." Unter der Überschrift "Heute wir – morgen ihr" beruft sich auch das BAfNS Gera auf Lenin und erklärt: "Genossen, Bürger und Patrioten der unsichtbaren Front im In- und Ausland, wer mit der Macht spielt, sie sich aus den Händen nehmen lässt […], der wird scheitern." Man fordert "die unverzügliche Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit. Alle Anstifter, Anschürer und Organisatoren hasserfüllter Machenschaften gegen die Machtorgane des Staates sind zu entlarven und zu paralysieren." Ein "sozialistischer Staat" sei nur zu bewahren bei "Existenz eines Organes, welches mit spezifischen Mitteln und Methoden arbeitet". Ursprünglich soll das Geraer Telegramm alle Vorsitzenden der Volkskammerparteien, sowie Fernsehen, Rundfunk und ADN erreichen. Da das AfNS sich aber weigert, es weiterzuleiten, erreicht es nur die anderen Bezirksämter, mit Ausnahme von Dresden und Erfurt, sowie das Innenministerium.

Schon in der AfNS stößt der Aufruf, die alten Kräfte zu sammeln und die Entwicklung umzukehren kaum auf Resonanz. Andere Instanzen planen bereits ihre Zukunft und wollen deshalb mit dem Sicherheitsdienst nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden.

Hintergrund des Aufrufs sind Frustration und Empörung. Viele Stasimitarbeiter hoffen, sich durch Anpassung zumindest eine berufliche Perspektive erhalten zu können. Nun wird ihnen bewusst, dass es eine Zukunft nur ohne ihren Dienst geben kann.

Einen Monat später, am 8. Januar 1990, wird der Aufruf in einer Verhandlung am Runden Tisch als "Putschaufruf" interpretiert. Eine Sicht, die wohl vor allem der damaligen, problematischen und schwer zu überschauenden Situation zuzuschreiben ist.

Torben Gülstorff 

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