Spontan oder inszeniert?

Die Besetzung lokaler Stasi-Dienststellen

Spontan oder inszeniert?

1. Stasibesetzung in Erfurt, vor der U-Haft, © Thüringer Allgemeine Zeitung

Am 4. und 5. Dezember werden nahezu zeitgleich die militärisch gesicherten Stasi-Zentralen in Kreisen und Bezirken durch Demonstranten besetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Staatssicherheit bereits landesweit mit der Vernichtung des Aktenbestandes begonnen.

Die Machtstrukturen in der DDR erodieren, befinden sich im freien Fall, die Autorität der SED scheint gebrochen. Plakate und Podien jedoch richten sich, anders als vor dem Fall der Mauer, weniger gegen die SED, sondern vermehrt gegen die Staaatssicherheit – die bereits begonnen hat, ihr riesiges Gedächtnis zu vernichten. Wenn auch die Aktivitäten in der hermetisch abgeriegelten Zentrale in Berlin-Lichtenberg zunächst nicht offenkundig waren, blieb das Rauchen der Schornsteine in den eher einsehbaren Kreis- und Bezirksdienststellen des mittlerweile in "Amt für nationale Sicherheit" (AfnS) umbenannten MfS kaum jemandem verborgen. Und wenn es die Öfen und Reißwölfe nicht hergaben, wurden die Akten auf Truppenübungsplätzen oder Mülldeponien verbrannt, oft auch vergraben.

Vorrangige Absicht der Oppositionsgruppen, vor allem des Neuen Forums, war es somit, diese gigantische Aktenvernichtung zu stoppen. Zunächst in Erfurt, dann in Leipzig, Rostock und anderen Orten wurden Kreisdienststellen der Staatssicherheit besetzt. Nicht etwa erstürmt, wie später die MfS/AfnS-Zentrale in Berlin, sondern legitim übernommen. In Kooperation mit staatlichen Stellen. Die Räume wurden gesichert, versiegelt und bewacht, in "Sicherheitspartnerschaften" von Volkspolizisten und (oppositionellen) Bürgern.

Pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum der Stasibesetzungen sorgt nun eine neue These für Aufsehen. Die Berliner Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen Martin Gutzeit und Jens Schöne sowie ihr sächsischer Kollege Michael Beleites sind zu einer umstrittenen Ansicht gelangt.

Überall half die Staatsanwaltschaft den Besetzern, "(…) auch wenn sie gar nicht gerufen wurde", so der Historiker und stellvertretende Berliner Stasi-Landesbeauftragte Jens Schöne. Warum ähnelte sich das Geschehen an so vielen Orten, zur gleichen Zeit? Waren die Besetzungen der Bezirkszentralen eine von der Berliner SED-Führung gesteuerte Inszenierung? Jens Schöne und sein Chef Martin Gutzeit sind nach langen Recherchen zu genau diesem Schluss gekommen.

"Ich wurde früh um sieben geweckt, um mich beim Stasi-Bezirksamt einzufinden. Um die Aktenvernichtung zu stoppen", erinnert sich auch der Hallenser Frank Eigenfeld, Oppositioneller und späteres Bürgerkomitee-Mitglied. Die Berliner Stimme am anderen Ende des Telefons war ihm jedenfalls bekannt. In der Halleschen Stasi-Zentrale hatte sich bereits der für das AfnS zuständige Militärstaatsanwalt eingefunden. Obwohl er seinen Dienstsitz am anderen Ende der Stadt hatte. "Aber er war vor Ort, wie bestellt". Dann schleppten Bürger die Reißwölfe aus den Räumen, neunzehn Stück, "alle noch warm".

Auch andere Oppositionelle, die lokale Stasi-Zentralen besetzt haben, glauben an eine Inszenierung, so auch Wolfgang Loukidis aus Schwerin. Bei ihm rief einen Tag zuvor der Bezirksstaatsanwalt an. Man möge sich doch morgen mal treffen: "Geht um Aktenvernichtung".

Der ehemalige Sprecher des Neuen Forums, Matthias Büchner, macht hingegen im Spiegel-Interview mit Nachdruck geltend, dass die erste Besetzung der Stasiverwaltung in Erfurt am 4. Dezember 1989 "(…) eine absolut spontane Aktion der Erfurter Frauen" war. "Weder die SED noch die Stasi selbst haben die Finger im Spiel gehabt. Dass die SED dann später versucht hat, sich selbst zu retten, das ist eine ganz andere Frage. Aber ich werde nicht zulassen, dass an dieser Stelle die Geschichte verfälscht wird."

Die SED und die neue Regierung Modrow hatten die Stasi de facto längst aufgegeben. Zumindest Schöne und Gutzeit sind sich nach langer Forschung sicher: Die Macht lag offen auf der Straße, und die SED-PDS kämpft um ihren eigenen Machterhalt. Der Volkszorn sollte sich kanalisieren, und er sollte sich möglichst an der Staatssicherheit abarbeiten. Was auch gelang.

Am 14. Dezember beschloss der Ministerrat die Auflösung des Amtes für nationale Sicherheit. 

 

 Thilo Schmidt

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