Vorwärts und nichts vergessen

Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig erinnert sich

Christian Führer

Der friedliche Revolutionär Christian Führer, Coverausschnitt © Ullstein

In seiner Biografie "Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam" erzählt Christian Führer über sein Leben, das von seiner Arbeit als Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche wesentlich bestimmt wurde. Die weitestgehend bekannten Stationen des oppositionellen Handelns bis zu den Ereignissen im Herbst 1989, die zum Mauerfall und zur deutschen Einheit führten, schildert er dabei nicht nur als Erfolgsgeschichte, sondern vor allem als Glaubensgeschichte, deren Auswirkungen noch heute zu spüren sind.

Aufgewachsen in einem sächsischen Pfarrhaushalt, entschied Christian Führer sich frühzeitig für ein Theologiestudium. Nach dem Studium war er zunächst in Lastau und Colditz, zwei kleinen Orte zwischen Leipzig und Chemnitz als Pfarrer tätig, wo schon die Jeanskluft zu seinem unverwechselbaren Markenzeichen gehörte. Die zunehmende Kirchenfeindlichkeit der DDR, die in Leipzig mit der Sprengung der Universitätskirche im Mai 1968 einherging, festigte seinen Glauben und seine kritische Position zum atheistischen Staat. Die Proteste gegen die Sprengung der Kirche bezeichnet Führer als "erste große öffentliche Kundgebung gegen die Willkür des Staates seit den Ereignissen um den 17. Juni 1953" und sieht einen inneren Zusammenhang zwischen dem Protest von 1968 und den Ereignissen im Herbst 1989. Doch noch war es nicht soweit.

1980 folgte er dem Ruf an die Nikolaikirche in Leipzig. Hier engagierte er sich verstärkt für Friedensfragen aller Art und übernahm das Modell der Friedensdekade sowie der wöchentlichen Friedensgebete, bei denen Themen wie Frieden und Abrüstung im Mittelpunkt standen. Neben seiner Arbeit für die Kirche setzte er sich besonders für die Andersdenkenden in der DDR ein, die wegen ihrer politischen Überzeugungen oder ihrer Kritik am System in Bedrängnis gerieten. Gemäß dem Motto der Nikolaikirche "Offen für alle" fanden dort für den Staat und die Kirche ungewöhnliche Veranstaltungen statt: Führer nennt ein Konzert der Band "Wutanfall" sowie die zahlreichen Gespräche über Wehrdienstverweigerung, Homosexualität und Ausreise. Diese thematische Offenheit entsprach einer Öffnung der Kirche für die Rand- und Protestgruppen, die nun – auch durch die Möglichkeit für eigene Veranstaltungen unter dem Dach der Kirche – eine Stimme verliehen bekamen. Hier lagen die ersten Wurzeln für die spätere Friedliche Revolution.

Allerdings kam es 1988 zu Konflikten mit den Ausreisewilligen und den oppositionellen Basisgruppen. Die Kirchenleitung nahm ihnen die freie Gestaltung der Friedensgebete wieder aus der Hand, um eine politische Radikalisierung der Friedensgebete zu verhindern. Zudem befürchtete man wohl eine Verspottung der Bibel und Jesus, wie dies Führer bei einem Konzert des Liedermachers Stephan Krawczyk empfand, der 1986 in Christoph Wonnebergers Lukaskirche in Leipzig spielte. Offen für alle, aber nicht offen für alles.

Dennoch bemühte sich Führer nach eigener Darstellung um die Rückkehr der Basisgruppen in die Nikolaikirche, die man praktisch vor die Tür gesetzt hatte und die ihre Diskussionen nun draußen auf dem Kirchhof und auf der Straße fortsetzten. Noch heute ist umstritten, ob dieser Rauswurf die Kommunikation zwischen Oppositionellen und Bevölkerung erzwang, denn die Versammlung der Menschen zog zwar die Aufmerksamkeit des Staates, aber auch die der Leipziger Bürger und der Medien auf sich.

Immer mehr Menschen kamen zu den wöchentlichen Friedensgebeten, deren Koordination Christoph Wonneberger seit 1985 unterstand. Er verfasste auch mit den Mitgliedern der in seiner Lukaskirchgemeinde tätigen Bürgerrechtsgruppen einen Appell, der in der Nacht zum 9. Oktober mühsam verfielfältigt und am "Tag der Entscheidung" an alle Interessierten verteilt wurde. In diesem Appell hieß es schon "Wir sind ein Volk", auch wenn noch niemand dabei an die deutsche Einheit dachte. Vielmehr sollte dieser Satz diejenigen ansprechen, die gegen die Demonstranten vorgehen sollten.

Christoph Wonneberger muss neben anderen als einer der wichtigsten Köpfe des Revolutionsherbstes 1989 gelten und wurde dennoch von der breiten Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen. Dies mag daran liegen, dass seine Pfarrstelle an der Lukaskirche in Leipzig-Volkmarsdorf, einem Arbeiterviertel im Osten der Stadt, lag und nicht im Zentrum wie die Nikolaikirche. Zudem traf ihn am 30. Oktober 1989 ein schwerer Schlaganfall, durch den er seine Sprachfähigkeit verlor. So gaben nach dem Mauerfall andere bereitwillig Interviews, während Wonneberger in einer Spezialklinik langsam das Sprechen wieder lernte.

Christian Führer bemüht sich in seiner Biografie, den Einsatz von Wonneberger und anderen Aktivisten im Umfeld der Nikolaikirche zu würdigen, doch werden sie hier meist nur am Rand erwähnt. Andere hingegen sprechen ihnen eine größere Rolle zu, als den Aktivisten lieb ist.

Neulich, beim Festakt im Leipziger Gewandhaus zur Erinnerung an den 9. Oktober 1989 bezeichnete der Bürgerrechtler Werner Schulz in seiner Rede Wonneberger als "Initiator der Friedensgebete". Dies ist sicherlich zu einseitig, denn es gab mehrere Köpfe, aber keinen Anführer. Deshalb bereitete es der Staatssicherheit ja solche Schwierigkeiten, die vielfältigen Basisgruppen zu zerschlagen.

Auch Christian Führer, von den Medien zum Gesicht der Friedlichen Revolution aufgebaut und auf dem Schutzumschlag der ersten Auflage seines Buches als Initiator der Friedensgebete bezeichnet, wehrte sich gegen diesen Anspruch. Er sei Begleiter und Betreuer gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Für die dritte Ausgabe seines Buches konnte er dies richtig stellen, auch wenn der Ullstein-Verlag auf seiner Homepage die Biografie noch mit dem medienwirksamen alten Text bewirbt.

Führer geht es in seinem Buch darum, den Wert des 9. Oktober herauszustellen. Er will weiter an die Friedliche Revolution erinnern, auch nachdem er im März 2008 als Pfarrer in den Ruhestand trat. Dies soll nun unter anderem durch die Gründung der Stiftung "Friedliche Revolution" gelingen, auf die er in seinem Buch schon hinweist.

Hauptanliegen der neuen Stiftung, zu dessen Vorstand Führer zählt, ist es, die Idee von damals in die Zukunft zu tragen. Es gehe um Bürgermut und demokratisches Engagement. Die Friedliche Revolution muss weiter gehen.

Ellen Koth

 

Christian Führer: Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam. Ullstein Verlag, Berlin 2008. 336 Seiten, 19,90 EUR, ISBN 978-3-550-08746-2

 

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