Nur ein einziges Jahr

Ein Versuch, das Wunder 1989/90 wissenschaftlich zu erklären

Cover

Ausschnitt des Covers, © dtv

Im November 1989, als die Mauer fiel, geschah etwas, das nicht nur die Geschichte der Deutschen, sondern auch die Weltgeschichte veränderte. Die Realität hatte die Phantasie überholt, so Klaus-Dietmar Henke in seinem Sammelband "Revolution und Vereinigung 1989/90", in dem renommierte Historiker und aktive Mitgestalter der Friedlichen Revolution ein Gesamtbild der Ereignisse der Jahre 1989/90 und seiner Folgen entwerfen.

Dieser Band, der auf 736 Seiten insgesamt 37 Essays und einen ausführlichen wissenschaftlichen Apparat vereint, liest sich trotz aller Wissenschaftlichkeit fast durchweg spannend, weil interessante und teils neue Facetten der Abläufe und Auswirkungen der Ereignisse, die zwischen dem Sommer 1989 und Herbst 1990 lagen, mitgeteilt werden.

In seiner Einleitung fasst der Herausgeber Klaus-Dietmar Henke prägnant zusammen, welche Umstände zum Untergang des SED-Regimes und der DDR führten. Dabei ist ihm der Umstand besonders wichtig, dass es keine Wiedervereinigung ohne eine demokratische DDR – die im Jahre 1990 – gegeben hätte und dieses versteht er zuallererst als Reaktion auf die anhaltende Demonstration des Volkswillen.

Und um jeder Verklärung der jüngsten Geschichte aus dem Weg zu gehen, weist der dem Band ebenfalls vorangestellte Essay des Theologen Richard Schröder die DDR-Nostalgiker in ihre Schranken, da er die "unnormale Normalität der DDR", die Todesstreifen und den Schießbefehl, die Allgegenwart der Stasi und die Rechtlosigkeit der Bürger benennt und mit der Diktatur des Dritten Reiches vergleicht.

Abgesehen von diesen zwei einführenden Texten sind die folgenden Aufsätze thematisch zwei größeren Blöcken zugeordnet, mit denen eine erstaunliche Bandbreite der DDR-Thematik abgedeckt wird.

Der erste Block, überschrieben mit "Krise und Aufbruch in der Deutschen Demokratischen Republik", befasst sich gewissermaßen mit der Innenperspektive. Darin werden die Ursachen der Krise, in der sich die DDR ab 1988 befand, untersucht und mit der Frage verknüpft, warum sie die DDR, ein an Krisen nicht armes Gebilde, denn letztendlich zu stürzen vermochte. Dabei wird der DDR-Wirtschaftspolitik ein ebenso großer Raum eingeräumt wie der entstehenden Bürgerrechtsbewegung.

Bekanntes steht hier neben noch kaum ausgeleuchteten Geschichten. Aus der Vielzahl der Beiträge ragen die sehr persönlichen Erinnerungen des (Ost-)Berliner Historikers Stefan Wolle heraus. Andere bedeutende Texte stammen von Michael Richter vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut zu den "Revolutionen in der Provinz – Sachsen zum Beispiel" oder von Francesca Weil, eine der beiden Frauen, die in diesem Buch vertreten sind. Die Historikerin beschreibt die Kultur der Runden Tische auf der lokalen und kommunalen Ebene.

Der zweite Teil widmet sich dann der außenpolitischen Dimension. Deutschland war kein Staat wie jeder andere. Die Zustimmung der vier Sieger von 1945 war nötig, um die Vereinigung vollziehen zu können. In einem diplomatischen Meisterstück versicherte sich Kohl ihrer. Zudem war er maßgeblich dafür verantwortlich, wie die Vereinigung dann vollzogen wurde. So gehen die Beiträge im zweiten Teil, beispielsweise die von Karl-Rudolf Korte und André Steiner auch darauf ein, warum die Regierung Kohl unter solch immensem Zeitdruck und mit solchem Fingerspitzengefühl die Währungsunion und Wiedereinigung durchziehen musste: weil die Massenabwanderung aus der DDR – von Januar bis März 1990 verließen noch vierzigtausend das Land – dringend gestoppt, aber auch die Skepsis der europäischen Regierungschefs überwunden werden musste. Neben Gorbatschow stimmten Frankreich und auch die USA uneingeschränkt dem Projekt Wiedervereinigung zu. Nur Englands Regierung sperrte sich und in Kreisen der Thatcher-Regierung lebten alte Feindbilder wieder auf.

Alle Beiträge durchfließt ein Gedanke: Ganz einfache Menschen mischten sich ein, brachten ein Regime zum Einsturz und gaben den Weg zur Einheit vor. Die Politprofis in Bonn, Washington, Moskau und anderswo agierten in ihrer ganz eigenen Weise. Dass dann auch erste Unsicherheiten über die kommende Einheit die Freude trübten, wird nicht verschwiegen.

Klaus-Dietmar Henke und den Autoren gelingt – bei aller Unterschiedlichkeit der Aufsätze – ein interessantes Panorama über die Ereignisse der Jahre 1989/90, vom Verfall der späten DDR bis zu einer Bilanz der Einheit.

Ellen Koth

Klaus-Dietmar Henke (Hg.): Revolution und Vereinigung1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009.

736 Seiten, 19,90 EUR, ISBN 978-3-423-24736-8

 

 

 

 

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