Mit Döner, Dosenbier und Freiheitspauke

Der 9. November in den deutschen Tageszeitungen

Die Presseschau zum Tag des Mauerfalls

Die Presseschau zum Tag des Mauerfalls

Die große Politik, die privaten Geschichten, die Freude über die Freiheit und eine kritische Bestandsaufnahme 20 Jahre danach – zum Jubiläum des Mauerfall haben die deutschen Tageszeitungen ein üppiges Menü zusammengestellt. Ob feuilletonistisches Schmankerl, journalistische Einheitskost oder Schwerverdauliches aus der Gerüchteküche – Friedliche Revolution.de hat vorgekostet.

Fast eine Sonderausgabe ist es, die die "Berliner Zeitung" ihren Lesern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls beschert. Im Politikressort würdigt Dieter Schröder Helmut Kohls Verdienste um die deutsche Einheit, Ines Geipel erinnert sich an ihre Flucht aus der DDR und den Mauerfall, den sie als Kellnerin "straff rosagedirndelt" in einem Darmstädter Weinlokal erlebte. Außerdem gibt es ein Interview mit dem Regimekritiker Rolf Henrich, der 1989 mit seinem Buch "Der vormundschaftliche Staat" Furore machte. Im Lokalteil erklärt der Fraktionschef der Linkspartei im Abgeordnetenhaus Udo Wolf seine Reaktion auf den Mauerfall: "Au weia. Es war eine große Sorge, dass es eine nationale Überhöhung gibt, aber auch die spannende Frage: gibt es jetzt eine Reform des Sozialismus?" Die Antwort ist bekannt. Im Feuilleton rekapituliert der Schriftsteller Torsten Schulz mit altersweiser Ironie seinen ersten Ausflug nach West-Berlin. Dort lernte er Dosenbier und Döner kennen und erfuhr noch in der Nacht des Mauerfalls, dass Ost und West zwar ein Volk, aber keineswegs einer Meinung waren.

Mindestens ebenso opulent ist das Jubiläumsmenü, das "Der Tagesspiegel" seinen Lesern serviert. Die  Hauptstadtzeitung hat dem 9. November eine eigene Beilage gewidmet, in der sich unter anderem ein exklusives Interview mit Günter Schabowski findet, der am Mantel der Weltgeschichte zupft und seinen Auftritt auf der Pressekonferenz am Abend des 9. November nicht als Missgeschick, sondern als kalkulierten Versuch interpretiert, die Spaltung zwischen Ost und West zu überwinden. 

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, schlägt in der "Welt" auf die große Freiheitspauke, um unter Verweis auf den Mauerfall all jene hinwegzupauken, die sich "unter die scheinbar schützenden Fittiche eines allzuständigen Umverteilungsstaates" flüchten wollen, der, "indem er nur das Beste für seine unmündigen, ergo: unzurechnungsfähigen Bürger zu wollen vorgibt, zum freundlichen Würgegriff ansetzt." Nebenbei nutzt Döpfner die Gelegenheit, Axel Springer als Wegbereiter der deutschen Einheit in eine Reihe mit Robert Havemann, Wolf Biermann und Jürgen Fuchs zu stellen, wohlweislich unterschlagend, dass der Freiheitsbegriff des Ex-Kommunisten Biermann nur wenig mit dem des konservativen Pressepatriarchen zu tun hatte und eine Springer AG im Havemannschen Gesellschaftsmodell wohl keinen Platz gehabt hätte. 

Der linksdogmatischen Tageszeitung "junge Welt" fällt zum Mauerfall nicht viel ein. Sie rückt einen Monat nach dem 9. Oktober, an dem 70 000 Menschen in Leipzig demonstrierten, ein Interview mit dem Leiter der dortigen MfS-Bezirksverwaltung ins Blatt, der die Verdienste des Mielke-Ministeriums um den friedlichen Verlauf der Revolution lobt. Fehler hätte lediglich die Parteiführung gemacht, die Rufe nach einer Wiedervereinigung seien von der "Westjournaille" ausgegangen. Daneben dokumentiert das Blatt eine Rede des einstigen Staats- und Parteichefs Egon Krenz, in der dieser Gorbatschow als Verräter denunziert, der die DDR und den Kommunismus geopfert habe, immerhin aber einräumt, dass das SED-Politbüro im Sommer und Herbst 1989 "kollektiv versagt" habe. Auch nicht lustig: Der Berliner Kabarettist Dr. Seltsam macht seinem Namen alle Ehre und dankt in einem ernstgemeinten Beitrag DDR-Funktionären, die wieder stolz darauf sein sollten, ein Land verteidigt zu haben, "in dem die Deutsche Bank und die Barone zu Guttenberg nichts zu sagen hatten."

Die "taz" interviewt den damaligen Außenminister der UdSSR, Eduard Schewardnadse, der die Sicht Moskaus auf Mauerfall und Wiedervereinigung schildert und zudem einen soliden Politikerwitz zum Besten gibt. Außerdem erfährt der Leser, was aus den Hoffnungen der Ostdeutschen nach einer "besseren Gesellschaft" geworden ist – nicht viel, glaubt man der düsteren Bilanz der "taz".  Barbara Bollwahn erinnert sich an ihre Ausreise aus der DDR, die Ankunft im Flüchtlingslager Marienfelde und den Geschmack einer ungeschälten Kiwi.

Die "Süddeutsche Zeitung" liefert in einem Interview mit Kanzlerberater Horst Teltschik einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Bundesregierung, die zwischen Euphorie und Sorge um die Machtbalance zwischen Ost und West schwankte. "Wie reagieren die Westalliierten, wie Ostberlin? Und vor allem: Was macht Moskau? Immerhin standen zu diesem Zeitpunkt 350.000 sowjetische Soldaten in der DDR." Außerdem gibt die Münchner Zeitung wider, dass Kanzlerin Merkel damals "nicht so richtig" an einen "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Sozialismus geglaubt, aber ebenso wenig mit einer schnellen Wiedervereinigung gerechnet habe. In einer Audioslideshow, deren Text man getrost ausblenden kann, präsentiert die "Süddeutsche" Fotografien, die Regina Schmeken im November 1989 aufnahm.

Auch die internationale Presse räumt dem Tag des Mauerfalls breiten Raum ein. Die linksliberale niederländische Tageszeitung "De Volkskant" schreibt, die Euphorie über die neue Reisefreiheit sei nach der Wiedervereinigung zunächst in Enttäuschung umgeschlagen. Doch zusehends erodiere auch die "Mauer in den Köpfen". 20 Jahre nach dem Mauerfall sei Europa keine Insel der Harmonie, aber doch erkennbar zusammengewachsen. "Die Aufhebung der Grenze zwischen West- und Osteuropa hat nicht zur wohltätigen Harmonie und Zusammenarbeit geführt, von der hier und da geträumt wurde. Aber sowohl politisch als auch ökonomisch ist unverkennbar deutlicher Fortschritt für den ganzen Kontinent verbucht worden." Die polnische "Dziennik Gazeta Prawn"a weist zu Recht auf die Rolle der Solidarnosc hin, ohne deren Streik- und Freiheitsbewegung die Mauer nicht gefallen wäre. Die tschechische "Hospodáršké noviny" zieht eine düstere Bilanz der Wiedervereinigung: Die Arbeitslosigkeit sei im Osten der Republik doppelt so hoch wie im Westen, junge Menschen wanderten ab und auch in Zukunft würden Milliarden in den Aufbau Ost gesteckt werden müssen ohne dass der Erfolg der gewaltigen Investitionen gewiss sei.
Eine Sammlung internationaler Pressestimmen zum Tag des Mauerfalls und weiterführende Links finden Sie hier.

Andreas Stirn

 

Foto: Nick Boos, CC

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