Das Ende des 20. Jahrhunderts

Fröhliche Anarchie verabschiedet eine Epoche der Gewalt

Das Ende der Ideen

Patrty auf dem eisernen Vorhang © Bundesregierung, Bild 00170004, Lehmartz

In Berlin konzentrierten sich die Kräfte des 20. Jahrhunderts im Raum: Demokratie, Faschismus, Sozialismus, Kapitalismus prallten in Berlin massiv aufeinander. Die Mauer war ein Resultat dieser historisch-politischen Kräfte, ihr Fall ein Akt von befreiender Spontaneität.

Jede Stadt hat ein Gesicht. Kaum eine Metropole hat so ein zernarbtes Gesicht wie Berlin. Neben den strengen Linien des alten preußischen und kaiserlichen Berlins zeigt das Gesicht der Stadt etliche Spuren des 20. Jahrhunderts: Die von den Bomben des Zweiten Weltkriegs in die Wohnblöcke geschlagenen Löcher, der Granateneinschlag an den Fassaden, heute zumeist versiegelt und nur noch vereinzelt zu sehen, zeugen von der Gewalt des Kriegs, der soziale Wohnungsbau der 20er, 60er und 70er Jahre mit seinen Hochhausungeheuern von der Gewalt funktionaler Planung.

Und in der Mitte der Stadt entstellte die Mauer ihr Antlitz. Ein Todesstreifen, ein Mittel der Einsperrung, ein Symbol der Unterdrückung und eine Systemgrenze. Sie führte vor Augen, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands die Konfrontationen mit dem Sieg über den Nationalsozialismus nicht vorbei waren, sondern in eine neue Frontstellung übergingen. Entlang der Mauer verdichtete sich die historisch-politische Konstellation der in zwei Blöcke geteilten Welt. Die Mauer war ein pars pro toto für die Spaltung Europas, und ihr Fall wirkte auf die Länder des Ostblocks als Signal für das Ende der alten Zeit.

Das Ende des 20. Jahrhunderts hat etwas Unwirkliches. Ein kurzlebiges Jahrhundert, das mit dem Ersten Weltkrieg das lange 19. Jahrhundert, das 1789 mit der Französischen Revolution begann, im Schrecken der Schützgräben versenkte. Ein Jahrhundert, an dessen Beginn eine ganze Generation junger Männer im Giftgas und Kugelhagel einen industriell verfertigten Tod stirbt.

Die technische Vernichtung des Menschen bleibt das Merkmal dieses Jahrhunderts. Auschwitz steht für die planvolle Ermordung des europäischen Judentums in den deutschen Todesfabriken. Der Gulag für das systematische Sterben in den Lagern des sowjetischen Totalitarismus. Und noch über dem stabilen, sich bald erholenden Leben der Nachkriegszeit liegt der Schatten eines apokalyptischen Atomkriegs.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist eine des organisierten Grauens und der planvollen Unterwerfung der Menschen unter Ideologien, die von der Logistik der physischen Auslöschung zur psychophysischen Konditionierung ihrer Feinde und Freunde "fortschreitet". Es gilt, den Menschen den jeweiligen Plan des Geschichtsverlaufs und seine Handlungslogik einzuprägen. Notfalls mit Gewalt. Noch die Verhöre der Stasi tragen diese Signatur, und der Umgang mit dem Feind geht von der industriellen Vernichtung über in eine Technik der psychosozialen "Zersetzung", während im Westen der Markt die Abrichtung des Konsumenten mit psychologischen Methoden verschärft.

Doch das Jahrhundert des organisierten Grauens endet planlos. Vielleicht konnte es nur so enden: Nach einem gedankenlosen Tag der Bürokraten, die sich in Sitzungen zermürben und einen Reiseentwurf abnicken, dessen Inhalt die konstituierende Grenze des eigenen Staates "ab sofort" für obsolet erklärt, wird eine konfuse Erklärung abgegeben, die Journalisten in ihren konkreten Inhalt übersetzen.

Spontaneität ist in Hannah Arendts Augen "das größte Hemmnis totalitärer Herrschaft." Die Berliner überwinden in der Nacht des 9. Novembers mit zivilem Ungehorsam das Monument der Repression, indem sie von Neugier getrieben, von den Ereignissen der letzten Wochen mobilisiert, einmal mehr auf die Straße gehen, die bürokratischen Regelungen ignorieren und die Mauer durchbrechen. Keiner schießt  – weil es einfach so viele sind, friedliche Revolutionäre, als wären sie durch die Schule Gandhis und Martin Luther Kings gegangen, als hätten sie das 20. Jahrhundert studiert und festgestellt, dass es eine andere Kraft als die tödliche der staatlichen Gewalt gibt: die Kraft der Bürger auf der Straße, die sich die Freiheit nehmen, die man ihnen vorenthalten hat. Als könnte man doch etwas lernen aus der Geschichte.

Jochen Thermann

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Kommentare

Halima    (17.11.2009 07:34h)
Am Ende des 20. Jahrhunderts und am Anfang des 3,Milleniums muessen alle Buerger des Globalen Dorfes ohne GRENZEN leben!
Halima

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