Denn sie wussten nicht, was sie tun

Der 9. November: Konfusion ändert die Welt

Euphorie zum Mauerfall

Weltgeist passiert Grenze © Bundesregierung, 00059614 K. Lehnartz

Was für ein Tag, was für eine Nacht! Eigentlich sieht alles nach Routine aus. Das ZK hält in Ostberlin Sitzung. Im Fernsehen läuft Fußball. Doch gleichzeitig überschlagen sich die Ereignisse in Berlin und am Ende ist Deutschland ein anderes Land geworden.

Die Verwicklung beginnt im ZK. Von stundenlangen Sitzungen zermürbt winken die Männer der Staatsführung ein neues Reisegesetz durch, von dem niemand zu ahnen scheint, welchen Sprengstoff es birgt. Jeder DDR-Bürger soll künftig nahezu uneingeschränkt in den Westen reisen dürfen. Das ist das auf dem Amtsweg verordnete Ende des "Grenzregimes". Doch diese Dimension scheint der DDR-Führung entgangen zu sein. Der im Politbürodeutsch verfasste  Passus über "Privatreisen nach dem Ausland" klingt nicht nach einer sofortigen Öffnung der Mauer. Zudem stehen im Reisegesetz Regelungen für Besuchsreisen neben solchen, die die ständige Ausreise aus der DDR, also die Übersiedlung in die Bundesrepublik, betreffen. Das ist das Problem, das eigentlich gelöst werden soll, und auf dessen Lösung die Tschechoslowakei gedrängt hat.

Die SED bekommt die Flüchtlingskrise nicht in den Griff. Seit August 1989 schwelt das Problem, immer wieder lodert es auf. Anfang November hat die DDR die Grenze zur CSSR wieder geöffnet. Prompt sind Anfang November innerhalb einer Woche Zehntausende über die Prager Botschaft und die tschechisch-bayrische Grenze in die Bundesrepublik ausgereist. Die CSSR macht Druck und verlangt, dass die DDR-Bürger über die deutsch-deutsche Grenze ausreisen sollen. Ost-Berlin gibt nach. An diesem 9. November arbeitet das Innenministerium eine entsprechende Regelung aus, die zwei Probleme auf einmal lösen soll: das der dauerhaften und das der temporären Ausreise.

Egon Krenz weiß, dass die Dynamik der Revolution seine Partei in die Defensive gebracht hat. "Was wir auch machen in dieser Situation, wir machen es falsch", kommentiert der SED-Chef die Gesetzesvorlage. Vorgesehen ist eine kontrollierte Reiseregelung mit Antrag, Pass und Stempel. Die Grenzstellen und Polizei sollen entsprechend instruiert werden, bekannt gegeben werden soll die Regelung am 10. November ab 4 Uhr morgens.

Krenz drückt Schabowski die Regelung in die Hand, die eigentlich erst einen Tag später bekannt gegeben werden soll. Auf einen Tag komme es nun auch nicht mehr an, sagt Krenz und ist damit an der Verwirrung, die an den Grenzübergangsstellen entstehen wird, entscheidend beteiligt. Ob die SED die Mauer auf dem Amtsweg, mit Antrag, Pass und Stempel hätte öffnen können, ohne unsouverän zu erscheinen, ist fraglich. Doch so erschien sie in den Augen der Weltöffentlichkeit und der eigenen Bevölkerung geradezu ohnmächtig als die Berliner Bevölkerung die Mauer wenige Stunden später spontan durchbrach.

So ganz kann niemand zu glauben, was Schabowski da um 18:57 eigentlich gesagt hat. Doch AP (Associated Press) wagt an diesem Abend eine offensive Interpretation und schickt um 19:05 Uhr eine folgenschwere Meldung über den Ticker: "DDR öffnet die Grenzen". Das ist in seiner Verknappung kühn, aber nicht ganz falsch. Denn dies ist der eigentliche Kern des Reisegesetzes. Die Tagesschau berichtet von der neuen Regelung, in Ost-Berlin wagen sich Neugierige an die Grenzübergangsstellen. Gegen 21 Uhr stehen bereits mehr als 500 Menschen an der Bornholmer Straße und drängen darauf, von der neuen Reiseregelung Gebrauch zu machen – "sofort, unverzüglich", wie Schabowski es irrtümlich verkündet hatte. Die Grenzbeamten sind ahnungslos und wissen, da klare Anweisungen von Oben fehlen, nicht, was sie tun sollen.

Im Westen ist es ruhig. Im Ersten läuft am Abend ein DFB-Pokalspiel. Im "heute journal" fragt der Moderator, völlig blind für den historischen Moment, den Bundeskanzler, ob man denn überhaupt alle DDR-Bürger aufnehmen könne. Das Spiel im Ersten geht in die Verlängerung. Dann kommen die "Tagesthemen" und Hans Joachim Friedrichs verkündet: "Die Tore in der Mauer stehen weit offen!" Dabei sind die Tore in der Mauer zu diesem Zeitpunkt noch fest verschlossen. Erst nach Friedrichs Worten, die mehr Prophezeiung als Nachricht ist, nimmt der Andrang auf die Grenze weiter zu. 40 Minuten vor Mitternacht strömen die Menschen über den Übergang an der Bornholmer Straße in den Westen. Grenzoberst Edwin Görlitz meldet an die Stasi-Zentrale: "Wir fluten jetzt. Wir lassen alle raus." Die Mauer fällt.

Jochen Thermann

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