Mythos und Mauerfall

Ist die Friedliche Revolution ein "Orientierungsmythos"?

Mauerfall in Berlin

Mythosmitarbeiter bei der Arbeit @ Stiftung Aufarbeitung, Uwe Gerig Nr.5093

Das gab es in Deutschland so noch nicht – einen historischen Prozess, in dem das Volk gewaltlos die Freiheit errungen hat. Seit dem Holocaust haben die Deutschen ein schwieriges Verhältnis zur eigenen Vergangenheit. Nun steuern die Gedenkfeierlichkeiten zum Mauerfall auf einen Höhepunkt kollektiver Erinnerung zu. Das muss nicht nur schlechte Laune machen: Warum nicht alle Mythen schädlich sind.

"Es werden wieder Helden gesucht." Der Titel eines Popsongs, der in diesen Zeiten, Krisenzeiten eben, in die deutschen Charts gelangt. Wenn alles unsicher wird, steigt die Sehnsucht der Menschen nach Orientierung. Doch wo finden sie sie?

Zum Beispiel in der Geschichte. Mit diesem Thema setzt sich auch der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler in seiner Studie über "Die Deutschen und ihre Mythen" auseinander. Alle europäischen Nationen, so stellt er fest, verfügten über "politische Gründungs- und Orientierungsmythen". Münkler schreibt ihnen für die Bewältigung der Zukunftsaufgaben in einer Gesellschaft eine entscheidende Funktion zu: Indem sie "Zuversicht und Orientierung" stifteten, würden sie den Menschen "versichern, (…), dass die zu bewältigenden Aufgaben gemeistert werden können, weil das damals auch gelungen ist."

Doch wie sieht es in der Bundesrepublik aus? Auch sie verfügt laut Münkler über eine Großerzählung, allerdings ohne das positive Potential, das die Orientierungsmythen in anderen Ländern auszeichne. Die politisch-kulturelle Identität der Bundesrepublik manifestiere sich vor allem in der Erinnerung an die beiden verlorenen Weltkriege und "die furchtbaren Verbrechen des Nationalsozialismus". Freilich halte man sich gerade auf die Qualität dieser Erinnerungsarbeit einiges zugute. Münklers Fazit:  Deutschland nehme "eine Sonderstellung ein; kein anderes Land hat sich einer ähnlichen Erinnerungsarbeit  unterworfen und die Zeichen moralischer Schande so sichtbar gemacht (…)." Er gibt zu bedenken: Das "politische Selbstverständnis", das sich aus dieser Art der Beschäftigung mit der Vergangenheit ergebe, lasse sich anders als bei anderen europäischen Gründungsmythen, "weder lautstark noch demonstrativ" bekunden. Vor diesem Hintergrund stellen sich zwei Fragen: Soll Deutschland diesen "anderen Sonderweg" auch in Zukunft weiter beschreiten? Und schließlich: Findet man in der deutschen Geschichte auch den Stoff, aus dem sich ein positiver deutscher Gründungsmythos konstruieren ließe?

Im aktuellen Jubiläumsjahr scheint eine Antwort einfach: Die Friedliche Revolution hat Mythen-Potential. Da ist die "Heldenstadt" Leipzig, von der die Montagsdemonstrationen ausgingen, die schließlich das SED-Regime zum Einsturz brachten. Zwar gab es keinen Sturm auf die Bastille, zwar wurde kein König geköpft, doch gerade die für Revolutionen untypische Gewaltlosigkeit verleiht den Ereignissen aus dem Herbst 1989 ihre besondere Bedeutung.

"Wir sind das Volk!"- "Keine Gewalt!": In diesen beiden Forderungen verdichtet sich dieser andere Revolutionsmythos. Ein solcher Mythos könnte den Kern der Identität einer freiheitlichen Bürgergesellschaft bilden. Es wäre ein neuer Mythos, keiner, der nationale Hybris legitimiert, sondern ein Mythos der Vernunft. Von Hermann Lübbe stammt die Erkenntnis, dass Geschichte dazu beitragen könnte, die Verlusterfahrungen, die die Moderne notwendigerweise mit sich bringe, zu kompensieren. Ein Blick auf die hohe Anzahl der Nichtwähler bei der letzten Bundestagswahl zeigt deutlich, immer weniger Menschen glauben offenbar daran, durch ihre Stimmabgabe Einfluss auf die Politik nehmen zu können. Das ist ein Verlust an demokratischem Ethos.

Die Friedliche Revolution zeigt, dass die demokratischen Rechte nicht selbstverständlich sind, sondern erkämpft wurden. Der Herbst '89 steht für die Kraft des vorgetragenen Arguments, das gegen alle Wahrscheinlichkeit historische Umbrüche provozieren kann.

Nur wer soll diese Freiheitsgeschichte erzählen? Die Historiker tun sich schwer. Sie haben ehrenwerte Gründe. Wissenschaftlich arbeiten bedeutet zu differenzieren. Im Mythos aber müssen sich die vielen Seiten- und Nebenstränge in einer Botschaft verdichten. Die Lösung lautet: Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Natürlich ist es richtig, weiterhin die genauen Umstände der Ereignisse von vor 20 Jahren zu erforschen. Nur genauso klar ist auch, dass solche Detailstudien den Menschen keine Orientierung geben. Sie helfen ihnen nicht, in der "entzauberten Welt" (Max Weber) der Moderne zu leben.

Sicher, vielleicht ist es auch nicht die Aufgabe der Geschichtswissenschaft, Lebenshilfe zu leisten. Aber der Geschichtspolitik. Und zu deren Akteuren gehören eben auch vor allem Historiker. Es wäre schon viel gewonnen, wenn seitens der Wissenschaft eingesehen würde, dass es der Stabilität unserer Gesellschaft dient, positive geschichtspolitische Signale zu setzen. Nur damit solche Impulse auch ihre Wirkungskraft entfalten können, dürfen sie nicht sofort wieder relativiert werden. Und es wird ja auch schon gemacht: Man schaue auf die vielen Spielfilme und Doku-Dramen, die in diesen Tagen im Fernsehen zu sehen sind. Es werden mehr werden  und das ist auch gut so.

Eine erste Bewährungsprobe stellt sich in diesem Jubiläumsjahr: Der Philosoph Josef Pieper hat einmal angemerkt, dass ein Fest immer die Feier des "Ausnahmezustands" sei. Die Friedliche Revolution ist in der deutschen Geschichte der absolute "Ausnahmezustand". Carl Schmitt hat die berühmte Formel geprägt: "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet." In der Friedlichen Revolution hat das Volk diesen Ausnahmezustand herbeigeführt, ihn entschieden und sich insofern als souverän erwiesen. Können wir dieses Fest feiern? Werden wir uns einfach nur freuen?  Diese Tage werden es zeigen. Es wäre schön. Ein Held muss man dafür wahrlich nicht sein. Aber ein Anfang wäre gesetzt.

 Sebastian Sasse

Hören Sie zum Thema "Die Friedliche Revolution als neuer Gründungsmythos?" auch im morgigen Montagsradio ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler, Autor des Buchs "Die Deutschen und ihre Mythen".

 

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