Korrespondent der Revolution

Joachim Jauers "Urbi et Gorbi. Christen als Wegbereiter der Wende"

Jauers Buch

Gorbatschow mit Papst, © Herder

Das Jahr 1989 hat Europa völlig verändert. In "Urbi et Gorbi" wird die Geschichte wieder lebendig, weil Jauer als langjähriger Fernsehkorrespondent des ZDF auf "live" erlebte Berichte zurückgreifen kann.

Als Walter Ulbricht im August 1961 die Mauer bauen ließ, beschlossen die Macher beim RIAS in Westberlin, eine Radio-Frühsendung für die Menschen auf der anderen Seite auf die Beine zu stellen. Sie sollte Ersatz sein für die unzensierten Zeitungen, die die Menschen in Ostberlin nun nicht mehr lesen konnten. Einer der Moderatoren dieser Sendung war Joachim Jauer.

Von da an verfolgte Jauer die Entwicklung jenseits des Eisernen Vorhangs, als Fernsehkorrespondent in der DDR und in anderen Staaten Osteuropas. Als Hans Dietrich Genscher die Flüchtlinge in der Deutschen Botschaft in Prag am 30. September 1989 wissen ließ, dass sie in die Bundesrepublik ausreisen dürfen, war Jauer als einziger Journalist dabei. Nun hat Jauer mit "Urbi et Gorbi. Christen als Wegbereiter der Wende" seine Analyse des Umwälzungsprozesses vorgelegt. Und dabei einen besonderen Aspekt in den Vordergrund gerückt: Christen seien die Wegbereiter der Wende gewesen.

Ausgehend von den friedlichen Demonstrationen in Leipzig, Dresden oder Berlin, überträgt er seine Hauptthese auf alle Träger der osteuropäischen Revolution: dass es vor allem die Christen waren, die zu den "Wegbereitern der Wende" wurden, nicht nur weil die evangelische Kirche in der DDR zum Freiraum für Andersdenkende wurde, sondern auch weil die Demonstranten auf einen christlichen und demokratischen Wertekanon zurückgriffen. Und sich konsequent jeder Gewalt versagten.

Dabei spielten Jauer zufolge zwei Männer eine entscheidende Rolle für den Zusammenbruch des kommunistischen Blocks in Osteuropa: Karol Wojtyla, der als Papst Johannes Paul II. die Streikbewegung der polnischen Solidarność unterstützt und der sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow, der dies toleriert. Die beiden werden nicht nur im Titel "Urbi et (G)orbi" und dem Titelbild zusammengebracht, sondern auch in Verbindung mit den friedlichen Protesten auf der Straße gebracht.

Diese Zweiteilung wird im Buch weiter verfolgt. Jauer stellt berühmte und namenlose Helden des Wandels vor. So berichtet er von Oskar Brüsewitz und Christian Führer in der DDR, Lech Walesa in Polen, Bischof Vaclav Maly, einem der Wortführer der "samtenen Revolution" in der Tschechoslowakei und von László Tökés in Rumänien, der im Sommer 1988 Widerstand gegen das staatliche "Dorfzerstörungsprogramm" von Ceauşescu organisierte und dadurch die Aufmerksamkeit des Geheimdienstes Securitate weckte.

Neben den bekannten Oppositionellen kommen auch viele bislang unbekannt gebliebene stille Helden, wie Csilla von Boeselager und der Pfarrer Heinz Bräuer zu Wort. Csilla von Boeselager gründete in Ungarn als Malteserfrau das erste Flüchtlingslager für Deutsche, Heinz Bräuer kam zu den Arbeitern nach Stalinstadt, hielt jahrelang in einem Bauwagen Gottesdienst und setzte schließlich den ersten Kirchenneubau in der DDR durch – ausgerechnet in einer Stadt, die nach Wunsch der Politbürokraten, eine "sozialistische", das heißt atheistische sein sollte. Neben solchen Anekdoten lässt Joachim Jauer ab und zu auch persönliche Erlebnisse einfließen. So erfährt der Leser von Jauers Bespitzelung durch die Stasi und dem schwunghaften Handel seines Hausmeisters mit ausgelesenen und entsorgten Westzeitschriften.

Auf rund 330 Seiten liefert Joachim Jauer – im flotten Erzählstil eines Fernsehreporters – ein akribisches Protokoll jener Zeitenwende in Osteuropa, das durch eine Zeittafel am Ende ergänzt wird.

Ellen Koth

Joachim Jauer: Urbi et Gorbi. Christen als Wegbereiter der Wende. Herder-Verlag, Freiburg 2009. 344 Seiten, 19,95 EUR, ISBN 978-3-451-32253-2

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Kommentare

mbaprof    (19.11.2009 05:07h)
Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe SchafferInnen der Geschichte der Friedlichen Revolution!
Liebe SchafferInnen der Chronik der Mauer!
Ich lese,hoere und sehe alle Ihre Publikationen ueber dieses Thema! Der Fall der Berliner Wand ist wichtig nicht nur in Deutschland, Europa aber auch im Leben aller Menschen der ganzen Welt. Solche Persoenlichkeiten wie der Papst und Gorbatschow waren die Prometeuses,echte Motoren und Lokomotiven der Friedlichen Revolution in Deutschland! Ich selber bin eine Opfer der Kommunistischen Regime auch.Gut gebildet aber keine Parteigenossin nie war ich in der DDR gewesen. Aber gleich nach dem Fall des Kommunism in Uzbekitan war ich eingeladen im Europeischen MBA Programm zu studieren.Ich promovierte in beiden Sprachen mit meinen Dissertationsthesen,dann arbeitete ich fuer Mercedes und spaeter arbeitete ich als eine regionale ManagerIn in einem europeischen textile Projekt. Heute bin ich eine Emeritierte MBA ProfessorIn.Deutsch ist meine erste Fremdsprache. Darum habe ich Multimedia ueber den Fall der Berliner Wand in Zentral Asien in Deutsch geschaffen.Da koennen Sie an der: "The Adventures on the Great Silk Route" the thread: “Fünf Tage sind es noch bis zum Mauerfall„ Die Mauer muss weg",Als sei ein Fenster aufgegangen"...
an der:http://www.couchsurfing.org/group.html?gid=11123 die Meinungen der Uzbekischen LeserInnen lesen.
Halima,ModeratorIn/EditorIn

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