Zweifel an ZDF-Mauerfalldoku

Der Versuch des ZDF, die Geschichte des Mauerfalls neu zu schreiben, stößt auf Kritik

ZDF-Doku

"Wie die Mauer wirklich fiel", wollte das ZDF erklären. © ZDF

An der Darstellung der ZDF-Dokumentation, die Mauer sei zuerst in der Waltersdorfer Chaussee im Süden Berlins gefallen, werden erhebliche Zweifel laut. Die Welt und die Berliner Morgenpost kritisieren die Darstellung des ZDF.

Das ZDF hatte mit Worten nicht gespart, um seine Dokumentation anzukündigen. "Kaum ein Ereignis der Nachkriegsgeschichte gilt unter Historikern als so gut erforscht. Umso bemerkenswerter, wenn dann doch etwas Neues herausgefunden wird. Den Autoren der ZDF-Dokumentation Der schönste Irrtum der Geschichte ist dies gelungen. Sie können unter anderem belegen, dass die Mauer nicht zuerst an der Bornholmer Straße geöffnet wurde, wie bisher kolportiert wurde, sondern im Süden Berlins."

Nun deutet nach den Artikeln von Sven Felix Kellerhoff in der Welt und der Berliner Morgenpost einiges daraufhin, dass der Mauerfall an der Bornholmer Straße, vom ZDF als "Legende" abgetan, auf solider Quellenarbeit fußt, während nun stattdessen die ZDF-Version als "kolportiert" erscheint. Das ZDF hatte in seiner Dokumentation erklärt: "Schon Stunden vorher, gegen 20:30 Uhr, durften DDR-Bürger über den Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee ungehindert von Osten nach Westen reisen."

Kronzeuge der ZDF-Dokumentation ist der Grenztruppen-Oberstleutnant Heinz Schäfer. Schäfer erklärt dort, er habe seinen Grenzsoldaten den Befehl gegeben, ihre Waffen abzulegen, und kurz darauf die Grenze geöffnet. Ein weiterer Zeitzeuge kommt zu Wort, der erklärt, dass er "eventuell" gegen halb neun über die Waltersdorfer Chaussee in den Westen gelangt sei. Der Schluss der Dokumentation mit dem Untertitel "Wie die Mauer wirklich fiel" ist jedenfalls fragwürdig: "Ab halb neun", heißt es da, "steht die Berliner Mauer sperrangelweit offen, hier an der Waltersdorfer Chaussee."

Zweifel sind auch deshalb angebracht, weil ausgerechnet einer der zwei Zeitzeugen durch seine eigene Aussage in historisch besonders schönes Licht gerückt wird: wäre er nach ZDF-Darstellung doch der erste faktische "Maueröffner". Die Archive hingegen sprechen eine andere Sprache. Kellerhoff zitiert in seinem Artikel für die Morgenpost ein Dokument aus dem Bestand der Stasi-Zentrale: "In dem Bericht vom 10. November 1989, Stand 4 Uhr morgens, heißt es: 'Die ersten DDR-Bürger erschienen gegen 23 Uhr, und eine Viertelstunde später wurde die Abfertigung aufgenommen. Alle ausreisenden DDR-Bürger – entsprechend den Kfz-Kennzeichen handelte es sich vorwiegend um Personen aus den Bezirken Berlin und Potsdam – erhielten in den Personalausweis einen Passkontrollstempel-Abdruck.‹"

Der Historiker Hans Hermann Hertle, Experte auf dem Gebiet der Maueröffnung, bestätigte die Kritik von Kellerhoff an der ZDF-Darstellung.

 Jochen Thermann

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