Machtdemonstration der Massen

Die Montagsdemonstration am 23. Oktober 1989 in Leipzig

Montagsdemonstration

Montagsdemonstration am 23.10.2009 © Bundesarchiv Bild 183-1989-1023-022

Der angestrebte "Dialog" der SED-Bezirksleitung Leipzig führt nicht zum Ende der Demonstrationen. Auch die von Krenz angekündigte "Wende" mit Reformschritten auf verschiedenen Gebieten beruhigt die angespannte Lage nicht. Im Gegenteil: Die Teilnehmerzahlen steigen weiter an. Am 23. Oktober gehen 320.000 Demonstranten auf die Straße – die größte Montagsdemonstration im Verlauf der Friedlichen Revolution bis zum März 1990. Der Druck auf das DDR-Regime wächst.

Der Massenprotest gewinnt an neuer Dynamik. Es wird deutlich, dass die "Dialogstrategie" der SED-Führung zur Beruhigung der Massen und Auflösung der Demonstrationen, aber der letztendlichen Beibehaltung des Status quo, nicht aufgeht. So setzt das SED-Regime weiterhin auf politische Alleinherrschaft und lehnt die Anerkennung des Neuen Forums und anderer demokratischer Gruppierungen nach wie vor ab. Offiziell sind auch Demonstrationen "im Freien" weiterhin verboten. Ein gewaltsames Eingreifen der Staatsmacht gegen die Proteste kann demnach weiterhin nicht ausgeschlossen werden. Trotzdem rechnet offenbar kaum noch jemand wirklich mit einer "Chinesischen Lösung". Die Massen mobilisieren sich zunehmend.

Parallel dazu wenden sich zusätzlich Hunderte von SED-Mitgliedern an die Parteiführung und geben ihrer Unzufriedenheit mit einer Teilnahme an den Montagsdemonstrationen Ausdruck. Sie fordern vor allem innerparteiliche Demokratie und die Einführung eines demokratischen Wahlsystems.

Auch die Medien verändern ihre Berichterstattung und gewähren Raum für eine freiere Meinungsäußerung. Hielten sie sich bisher mit kritischen Berichten zurück, indem sie die Demonstranten als "Randalierer" verurteilten, nehmen nun mehr und mehr Sender die Anliegen der protestierenden Menschen auf und berichten live von den aktuellen politischen Entwicklungen. So ruft schon am 16. Oktober der Radiosender DT 64 seine Hörer zu allen Formen der Meinungsäußerung auf und bringt in seiner Nachmittagssendung einen Live-Bericht über das Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche. Auch der Sender Leipzig berichtet nun erstmals live von den Montagsdemonstrationen.

Über die traditionellen Demonstrationszentren Leipzig, Dresden, Plauen und Ost-Berlin hinaus trauen sich nun auch Zehntausende aus kleineren Städten und Gemeinden auf die Straße. Sie fordern echte Zugeständnisse und Reformen. Am 23. Oktober – einem Tag vor der Wahl Krenz' zum Staatsratsvorsitzenden – äußern die Bürger in Leipzig und nahe gelegenen kleineren Städten wie Delitzsch, Torgau und Wurzen deutlich ihre Unzufriedenheit gegenüber der SED-Führung. Neben den traditionellen Slogans "Wir sind das Volk!" und "Keine Gewalt!" kursiert das neue Motto "Der Dialog wird zur Phrase, darum gehen wir weiter auf die Straße." So soll die Strategie der SED-Führung ins Leere laufen.

Die Demonstranten ziehen mit Kerzen in den Händen an den Häusern der Funktionäre vorbei. Nach den traditionellen Friedensgebeten formiert sich an diesem Tag in Leipzig der bislang größte Demonstrationszug. Mit etwa 320.000 Menschen auf dem Leipziger Innenstadtring erreicht die Revolution einen weiteren Höhepunkt.

Kaja Wesner

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