"Lasst euch nicht einschläfern."

Die Montagsdemonstration in Leipzig am 16. Oktober 1989

Montagsdemonstration

Montagsdemonstration am 16.10.2009 © Bundesarchiv Bild 183-1990-0922-002

Der friedliche Ausgang der Montagsdemonstration am 9. Oktober ermutigt mehr und mehr Menschen, für ihre politischen Überzeugungen einzustehen. Am 16. Oktober, ein Tag vor der Absetzung Honeckers, steigt die Zahl der Demonstranten auf ca. 120.000 Menschen an. Die SED-Führung fürchtet um ihre Macht, ihre Haltung ist aber uneinheitlich. Neben ersten Anzeichen für einen Dialog zwischen Staatsmacht und Demonstranten setzt Honecker weiterhin auf Repression.

Angesichts des Massenprotests der ostdeutschen Bürger verabschiedet das SED-Politbüro am 10. Oktober trotz des Widerstands Honeckers eine Erklärung, die eine vorsichtige Korrektur der repressiven Politik und einen ersten offiziellen Schritt Richtung Dialog beinhaltet. Grund ist die Furcht vor dem absoluten Machtverlust. So will die SED-Führung eine Ausweitung der Demonstrationen verhindern und neues Vertrauen innerhalb der Bevölkerung schaffen.

In Leipzig treffen sich nur wenige Tage nach dem friedlichen Ausgang der Montagsdemonstration am 9. Oktober Oberbürgermeister Bernd Seidel und weitere SED-Funktionäre mit Vertretern des Neuen Forums. Gewandhauskapellmeister Prof. Kurt Masur, Mitglied der "Gruppe der Sechs", moderiert das Gespräch. Zusätzlich sucht die Leipziger SED-Führung verstärkt das Gespräch mit den kirchlichen Amtspersonen.

Auch die ostdeutschen Medien reagieren erstmals und berichten über die Montagsdemonstration vom 9. Oktober. Die DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" zeigt sich jedoch weiterhin staatstreu, da Kommentator Olaf Dietze die Demonstranten als ferngesteuerte "Randalierer" bezeichnet.

Gleichzeitig bleibt die von Honecker erfolgte Anweisung bestehen, das Militär in Bereitschaft zu halten. Auch die Leipziger Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei ist weiterhin der Ansicht, dass den Gegnern der "Macht der Arbeiter und Bauern" auch zukünftig "entschlossen entgegen getreten werden" müsse. Neu ist der Zusatz, dass "der aktive Einsatz polizeilicher Kräfte und Mittel … nur bei Gewaltanwendung der Demonstranten" erfolgen solle. Es bleibt demnach offen, wie ein konkretes Vorgehen der Leipziger Sicherheitskräfte im Ernstfall auszusehen hat.

Die Dialog-Bemühungen der Leipziger Bezirkseinsatzleitung erzielen nicht den gewünschten Erfolg. Ohne die Umsetzung aller demokratischen Forderungen mit der gleichberechtigten Zulassung aller politischer Gruppierungen empfinden die Menschen die Erklärungen des Politbüros nur als unzureichend. Zusätzlich wird der Ruf nach unabhängigen Untersuchungskommissionen für die Gewaltopfer und politisch Inhaftierten der letzten Wochen lauter. Auch die Vertreter der Kirchen fordern konkrete Lösungen der anstehenden Probleme statt einer Dialogstrategie auf sozialistischer Grundlage. Entgegen den Hoffnungen des Politbüros steigt die Zahl der Demonstranten weiter an. Unter dem Motto "Lasst euch nicht einschläfern" versammeln sich am 16. Oktober nach den Friedensgebeten etwa 120.000 Menschen zur Demonstration.

Kaja Wesner

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