"Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog..."

Die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig

Leipzig in Aufruhr, Herbst 1989

Leipzig in Aufruhr, Herbst 1989 © BArch Bild 183-1989-1003-005, Grubitzsch

Der 9. Oktober 1989 gilt als Tag der Entscheidung für die Friedliche Revolution. In Leipzig, der Geburtsstadt der Montagsdemonstrationen, gehen an diesen Montag zirka 70.000 mutige Menschen aus allen Teilen des Landes auf die Straße, um gegen die bestehenden politischen Verhältnisse zu demonstrieren. Statt Dialog setzt das DDR-Regime noch am Morgen des 9. Oktober weiterhin auf eine gewaltsame Niederschlagung der Bevölkerungsproteste, die so genannte "Chinesische Lösung". Die erwarteten Zusammenstöße mit der Staatsmacht bleiben jedoch aus.

Dass die Demonstration auf dem Leipziger Innenstadtring am 9. Oktober 1989 friedlich verläuft, ist keineswegs abzusehen. Am Morgen des traditionellen Demonstrationstages herrscht in Leipzig ein angespannter Ausnahmezustand. Seit den vorangegangenen Demonstrationen und dem 40. Jahrestag der DDR gilt der Befehl Nr. 8/89 von Erich Honecker, laut dem "Krawalle" gegen das Staatsregime "von vornherein zu unterbinden" seien. Alle militärischen Kampfverbände, einschließlich der Armee, sind seit diesem Befehl auf ein gewaltsames Vorgehen gegen die Bevölkerung vorbereitet und umgerüstet. In der Innenstadt wird mit Wasserwerfern und Schützenpanzerwagen militärische Präsenz demonstriert. Zusätzlich kursiert das Gerücht, dass Klinikbetten für den Ausnahmefall reserviert und Blutkonserven bereit gestellt sind.

Auch die Medien verbreiten Unsicherheit. Die Leipziger Volkszeitung veröffentlicht am 9. Oktober ganzseitige Leserbriefe, in denen "staatstreue Bürger" die Demonstranten als Kriminelle, Asoziale oder Nazis verurteilen und gewaltsame Gegenmaßnahmen androhen. Westliche Medien berichten aus einer ganz anderen Richtung. Sie schreiben, dass es in Dresden ein Dialogangebot der regionalen Partei- und Staatsführung gibt.

Trotz eines Aufrufs an die Bürger, die Innenstadt zu meiden, sammeln sich dort seit dem Vormittag immer mehr Menschen für den Friedensgottesdienst. Ein Versuch seitens der SED und des MfS, die Andacht durch die Besetzung der Nikolaikirche zu verhindern, schlägt fehl. Die Menschen lassen sich nicht vertreiben und sammeln sich vor der Kirche. Aufgrund des großen Andrangs laden erstmals auch die Thomaskirche und die katholische Probsteikirche zu Friedensgottesdiensten ein.

Um eine unkontrollierte Eskalation der Situation zu verhindern, rufen Kirche und Leipziger Oppositionsgruppen zur Gewaltlosigkeit auf. Von großer Wirkung ist der Aufruf der Gruppe der "Sechs". In dieser Gruppe waren neben Leipziger Prominenz – Gewandhauskapellmeister Prof. Kurt Masur, Theologe Dr. Peter Zimmermann, Kabarettist Bernd-Lutz Lange – auch drei Sekretäre der Leipziger SED-Bezirksleitung vertreten – Dr. Kurt Meyer, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel. Die Gruppe appelliert an die Bevölkerung, Besonnenheit zu bewahren, um die Möglichkeit eines friedlichen Dialogs nicht zu verwirken. Der Aufruf wird während der Andacht verlesen und vor Beginn der abendlichen Demonstration über den Stadtfunk in der Leipziger Innenstadt öffentlich ausgestrahlt.

Die Gottesdienstbesucher verlassen die Kirche mit brennenden Kerzen in der Hand als Zeichen ihrer friedlichen Gesinnung. Noch immer herrscht Unsicherheit und die Angst vor einem gewaltsamen Vorgehen der Einsatzkräfte. Auf dem Vorplatz der Kirche erwarten sie jedoch bereits Zehntausende Menschen, die die zum Slogan der Montagsdemonstrationen gewordene Formeln "Wir sind das Volk!" und "Keine Gewalt!" rufen und demokratische Reformen fordern. Angesichts der riesigen Menschenmasse und ohne konkrete Anweisungen aus Ost-Berlin hält sich der amtierende SED-Bezirkschef, Helmut Hackenberg, erst abwartend zurück und verzichtet letztendlich ganz auf einen Polizeieinsatz.

Kaja Wesner

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