Das Ende der Alleinherrschaft

Ungarn führt am 24.03.1989 das Mehrparteiensystem ein

Budapest Parlamentsgebäude

Parlamentsgebäude in Budapest | © Michel Coumil CC

Die Reformen in Ungarn verlaufen Anfang 1989 schrittweise. Die kommunistische Partei kann ihren Alleinherrschaftsanspruch nicht mehr aufrechterhalten. Der Transformationsprozess gewinnt immer größere Dynamik. Es kommt zu einem zügigen aber friedlichen Systemwechsel. Am 24. März gibt Ministerpräsident Grósz den neuen Reformkurs gegenüber Moskau bekannt. Gorbatschow lässt den Satellitenstaat gewähren.

"Eine Festung wankt" (DIE ZEIT, 17.02.1989, Nr. 8, S. 1) heißt es in West-Deutschland über die Ereignisse in Ungarn. Im Frühjahr 1989 wird die sich anbahnende "Zeitenwende" in vielen Ländern des Ostblocks immer sichtbarer. Ungarn hat bereits im Februar des Revolutionsjahres im Stillen die Einführung des Mehrparteiensystems beschlossen und damit den Startschuss zur Demokratisierung des Landes gegeben. Die Reaktion Moskaus allerdings steht noch aus. Am 24. März 1989 teilt der ungarische Ministerpräsident Karoly Grósz dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow die bereits eingeleiteten Reformpläne in einem persönlichen Gespräch in Moskau mit. Der Generalsekretär der KPdSU erhebt keine Einwände gegen den Systemwechsel.

Ungarn weist – abgesehen von Polen – noch in der Ära der Block-Ordnung die ausgeprägteste Reformtendenz auf. Bereits während der Regierungszeit Kádárs sind neben Elementen wie der Wirtschaftsreform auch eine gesellschaftliche Liberalisierung zu konstatieren. Dieses reformkommunistisch orientierte Vorgehen der ungarischen Staatsführung führt zu einer hohen Akzeptanz der Regierenden bei der ungarischen Gesellschaft. Im Vergleich zu den Staatsführungen anderer östlicher Bruderstaaten erscheint János Kádár eher als "János básci", Onkel János, der Ungarn in relativer Stabilität hält.

Mit dem Einsetzen des sowjetischen Reformkurses unter Gorbatschow wird jedoch auch das "liberale" Ungarn von der Perestroika überholt. Am 25. Juni 1987 wird Károly Grósz Ministerpräsident Ungarns. In einem Interview bezeichnet das reformorientierte Mitglied des ungarischen Politbüros Imre Pozsgay dann den 23. Oktober 1956 entgegen der kommunistischen Sprachregelung erstmals als Volksaufstand und nicht als Konterrevolution – eine sensationelle Aussage und Ausdruck des Umbruchs. So kommt es zum Dialog zwischen Parteireformern und Oppositionellen. Im Frühjahr 1989 vollzieht sich schließlich der Systemwechsel in Ungarn mit der Einführung des Mehrparteiensystems.

All diese Entwicklungen verlaufen unter den Augen des "großen Bruders", der Sowjetunion. Doch Gorbatschow hat keine Einwände gegen solche Veränderungen, bekundet vielmehr sein Verständnis und garantiert, dass sich Interventionen wie 1956 nicht wiederholen.

DIE ZEIT

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