Die hilflose Wut sucht ein Gesicht

"Drei Stern Rot. Wer hier heil rauskommt hat 'ne Macke." Ein Film von Olaf Kaiser und Holger Janck

Die hilflose Wut sucht ein Gesicht

Der Fernsehproduktion "Drei Stern Rot. Wer hier heil rauskommt, hat `ne Macke" liegen die Erfahrungen des Drehbuchautors Holger Jancke zu Grunde, der selbst seinen Militärdienst bei einer Grenzeinheit an der Westgrenze der DDR ableisten musste. In "Drei Stern Rot" entfaltet sich, eingebettet in eine Rahmenhandlung, die zum Auslöser einer psychischen Krise wird, in Rückblenden die Einschreibung systematischer Unterdrückung in die Psyche.

Während der Dreharbeiten zu einem Film über eine Grenzflucht an einem ehemaligen deutsch-deutschen Grenzabschnitt gerät der aus der DDR stammende, als Statist engagierte Christian Blank in einen Streit mit dem Regisseur und soll sofort verschwinden. In seiner Aufregung glaubt er einige Minuten später in einem Schauspieler den ihn jahrelang drangsalierenden Major Mirco Nattenklinger zu erkennen und stürzt sich auf ihn.

In einer psychiatrischen Klinik erzählt Blank einer Ärztin sein Leben. In Rückblenden vermittelt sich die Lebensgeschichte eines Menschen, der gegen ein System opponiert, das seine Individualität bewusst negiert und zu unterdrücken sucht. Das System findet innerhalb der in sich schlüssigen Logik eines Borderline-Patienten seinen Ausdruck in nur einem Gesicht: Es ist der überzeugte Staatsdiener Nattenklinger, der bei Blanks Geburt zugegen ist, der ihn als Lehrer quält, der ihn während seines Militärdienstes beim Grenzschutz als fanatischer Major endlos drangsaliert.

Nattenklinger als personifizierter Staathalter eines irrsinnigen an sich selbst krankenden Machtsystems wurde ihm sozusagen schon in die Wiege gelegt. Damit ist der Blickwinkel des ehemaligen Grenzsoldaten Christian Blank umschrieben: Er glaubt an das Schicksal, um nicht endgültig zu verzweifeln im Gedanken an die Perspektivlosigkeit, die ihm innerhalb eines Staates aufgebürdet wurde, der ihn durch Einbindung in die Machtstruktur unmündig machte und zu brechen versuchte. 

Mit seiner Jugendliebe Jana will er nach dem Studium einen Ausreiseantrag stellen. Um studieren zu können, muss er sich dem Wehrdienst aussetzen, seine Aktivitäten in der freien Kirche helfen ihm nicht – im Gegenteil –, er ist der Drohgebärde eines untergehenden Staates ausgeliefert, gerade weil er dem System ablehnend gegenüber steht. In der Endphase der DDR wird er zum Grenzer ausgebildet. Tagtägliche Erniedrigungen, sinnlose Appelle und stundenlanges in der Kälte verharren bei "Drei Stern Rot", dem Leuchtraketen-Signal und Code von DDR-Grenzern bei Fluchtversuchen an der deutsch-deutschen Grenze.  In dieser Zeit verliert er seine Freundin.

"Drei Stern Rot. Wer hier heil rauskommt, hat 'ne Macke" vermittelt auf der narrativen Ebene schlüssig, ohne aufgesetzte Dramatik und jenseits eines klischeehaften Geschichtsbildes wie weitreichend die psychischen Auswirkungen für denjenigen sind, der die Erfahrung einer wie auch immer gearteten ständigen Unterdrückung und Bedrohung in sein Leben integrieren muss. Allerdings bleibt der Film auf der Ebene der filmischen Ausdruckform, unter filmästhetischen Gesichtspunkten betrachtet, gänzlich der Fernsehnorm verhaftet. Nicht was erzählt wird, aber wie es ins Bild gesetzt wird, gerinnt oft zum Klischee. Die Bilder haben kein Geheimnis. Dass dies bei vielen Fernsehproduktionen immer noch die Regel ist, ist bei einem so interessanten Sujet doch zu bedauern.

Der Film lässt – zumal in seinem Entstehungsjahr 2001 – gängige Schuldzuschreibungen und stereotype Charakterzuweisungen fragwürdig erscheinen. Noch lange nach dem Ende der DDR und vielleicht noch heute war und ist es sicher nicht einfach, seine NVA-Vergangenheit in die eigene Biografie zu integrieren. Diesem gesellschaftlichen Tabu begegnet der Film mit parodistischem Humor, der den stupiden Alltag und die zur Absurdität neigenden Rituale ins Groteske überhöht, ohne die Figuren unnötig zu demontieren. Wie schwer die Verletzungen wiegen und dass sie nicht allein dem Staatssystem der DDR zuzuschreiben sind, sondern universeller und latenter zu begreifen sind, wird deutlich, wenn Christian Blank gegen Ende des Films Nattenklinger erneut in einem westdeutschen Polizisten zu entdecken glaubt – der Schmerz lässt sich nicht ablegen wie eine zweite Haut und der Wolf kann auch im Schafspelz stecken.

Angelika Ramlow

 

Drei Stern Rot

Wer hier heil rauskommt, hat 'ne Macke

D 2001, 35mm, Farbe, 90 min.

Regie: Olaf Kaiser. Autor: Holger Jancke. Kamera. Matthias Tschiedel. DarstellerInnen: Rainer Frank, Petra Kleinert, Meriam Abbas, Dietmar Mössmer, Bastian Trost u.a.

Im Rahmen des Berliner Themenjahres zum 20. Jahrestages der  Friedlichen Revolution und des Mauerfalls kommt  "Drei Stern Rot. Wer hier heil rauskommt hat 'ne Macke", ein  Film von Olaf Kaiser und Holger Jancke nochmals in die Kinos.

Bundesstart ist der 5. November.

Exklusiv wird es am 18. Oktober um 18 Uhr im Babylon Berlin Mitte eine Wiederaufführungs-Premiere in Anwesenheit des Autors, des  Regisseurs und der SchauspielerInnen geben.

 

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