Absturz eines Dachdeckers

Am 17. Oktober 1989 endete die Ära Honecker

Erich Honecker

Der ehemalige Dachdecker Erich H., BuArchiv 183-1987-1023-036, Mittelstädt

18 Jahre regierte Erich Honecker die DDR. Noch im Sommer 1989 deutete nichts darauf hin, dass er seine Macht jemals abgeben würde. Doch am 17. Oktober 1989 wurde Honecker von jenen entmachtet, die ihm fast zwei Jahrzehnte kritiklos gefolgt waren.

Bis zuletzt gab Erich Honecker sich siegessicher: "Unsere Freunde in aller Welt seien versichert, dass der Sozialismus auf deutschem Boden, in der Heimat von Marx und Engels, auf unerschütterlichen Grundlagen steht", verkündete der SED-Chef am 7. Oktober 1989 während eines Empfangs im Palast der Republik. Der 40. Geburtstag der DDR sollte gefeiert werden, während draußen im Lande die Zeichen auf Sturm standen.

Sätze wie dieser machten eins klar: Mit Honecker würde es keine Reformen geben. Auf die Massenflucht im Sommer 1989 reagierte er mit Zynismus. Man solle denen, die der DDR den Rücken zukehrten, "keine Träne nachweinen", hatte er in einen Artikel des Neuen Deutschland hineingeschrieben.

Selbst in der SED-Spitze wuchs die Kritik an Honeckers starrsinniger Politik. Am 12. Oktober, bei  einem Treffen mit den Ersten Sekretären der SED-Bezirksleitungen, musste sich der bis dato unantastbare Parteichef herbe Kritik gefallen lassen. Der Potsdamer SED-Chef Günther Jan wagte sich am weitesten vor und forderte Honeckers Rücktritt. Zur selben Zeit bereiteten einige Politbüromitglieder die Absetzung des 77-Jährigen vor.

Um einen totalen Schiffbruch zu vermeiden, sollte dem Steuermann, der nicht freiwillig abtreten wollte, das Ruder aus der Hand genommen werden. Ausgerechnet Honeckers Ziehsohn Egon Krenz fädelte den Coup ein. Auch der Berliner Parteichef Günter Schabowski, der Gewerkschaftsvorsitzende Harry Tisch und der Chef der Staatlichen Plankommission Gerhard Schürer waren in die Umsturzpläne eingeweiht. Der mächtige Staatssicherheitsminister Mielke wusste ebenfalls Bescheid. Keiner dieser Spitzenfunktionäre war zuvor als Reformer aufgefallen – im Gegenteil. Lediglich Schürer hatte Honecker mehrmals vergeblich zu Wirtschaftsreformen zu drängen versucht. Am 16. Oktober informierte Harry Tisch Michail Gorbatschow. Die Sowjets hatten nichts gegen die Umsturzpläne einzuwenden.

24 Politbüromitglieder und -Kandidaten hatten sich an jenem 17. Oktober 1989 in der zweiten Etage des Berliner ZK-Gebäudes (dem heutigen Außenministerium) versammelt. Günter Schabowski erinnerte sich später: "Wir selber wussten im Grunde bis zu diesem Zeitpunkt nicht voneinander, wie wer zu notwendigen Veränderungen steht. Das erforderte zunächst einmal eine Phase des Abtastens, bis man sich dieses oder jenes Nachbarn im Politbüro sicher sein konnte." Routiniert eröffnete Honecker die Zusammenkunft. Doch dann meldete sich Ministerpräsident Willi Stoph zu Wort:  "Ich schlage vor: Erster Punkt der Tagesordnung: Entbindung des Genossen Erich Honecker von seiner Funktion als Generalsekretär und Wahl von Egon Krenz zum Generalsekretär." Äußerlich gab Honecker sich ungerührt, doch innerlich war der Parteichef tief getroffen vom Verrat seiner Genossen. Seiner Hausmacht beraubt und ohne Rückendeckung Moskaus fügte er sich in sein Schicksal. Bis zur letzten Sekunde wahrte der einst mächtigste Mann der DDR die Parteidisziplin. Bei der Abstimmung votierte er gegen sich selbst. Der Wirtschaftslenker Günter Mittag, der als engster Vertrauter Honeckers galt, und der oberste Zensor und Medienlenker Joachim Herrmann wurden ebenfalls aus dem Politbüro ausgeschlossen. 

Am Tag darauf segnete das eilends einberufene ZK der SED die Absetzung Honeckers aus "gesundheitlichen Gründen" ab. Willi Stoph dankte dem Mann, dessen Absetzung er beantragt hatte, für sein "politisches Lebenswerk". Die ZK-Mitglieder klatschten "stürmischen Beifall". Der Verlust seiner Ämter als Staatsratsvorsitzender und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates, die ebenfalls auf Krenz  übergingen, war dann nur noch eine Formalie.

Der Erfolg des Personalwechsels an der SED-Spitze blieb bescheiden. Den meisten Menschen galt der Machtwechsel als durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Allzu reibungslos war die Macht von einem Funktionär auf den anderen übergegangen. Krenz, immerhin 25 Jahre jünger als Honecker, war für die Fälschung der Kommunalwahl im Mai 1989 ebenso verantwortlich wie für das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte am 7. Oktober. Krenz stand für Kontinuität, nicht für Erneuerung.  Seine Ankündigung, die SED wieder in die "politische und ideologische Offensive" bringen zu wollen, wirkte wie eine Drohung. Die von ihm versprochene  "Wende" hatte vor allem ein Ziel: die Macht der SED zu sichern. Tiefreichende Reformen und eine umfassende Demokratisierung standen nicht auf der Agenda des neuen SED-Chefs.

Honecker hatte an jenem 17. Oktober, an dem er seinen Stuhl räumen musste, eine Prophezeiung hinterlassen, die sich in gewisser Weise als richtig erweisen sollte: "Der Feind wird weiter heftig arbeiten. Nichts wird sich beruhigen." Der Personalwechsel konnte die Macht der SED nicht retten und das Ende der DDR nicht verhindern. Die Absetzung Honeckers war ein halbherziger und letztlich erfolgloser Versuch der SED-Spitze, die Macht ihrer Partei und ihre eigene Position gegen die Revolution auf den Straßen und an den Grenzen zu sichern. Am 3. Dezember trat das von Krenz geleitete Politbüro zurück.  Am selben Tag wurde Erich Honecker aus der SED ausgeschlossen. Der ehemalige Dachdeckerlehrling, der zwei Monate zuvor noch die Stabilität des Sozialismus beschworen hatte, war tief gefallen.

Andreas Stirn

 

Zum Weiterlesen: Thomas Kunze: Staatschef a.D. Die letzten Jahre des Erich Honecker, Verlag Ch. Links, Berlin 2001.

 


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